Ärzteflucht
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Ärzte flüchten aus einer für sie nicht erträglichen Situation zwar einzeln, aber bei vielen Einzelnen mit gleichartiger Handlungsweise entsteht ein "Kollektiv". Ein Phänomen, das mit einen Anlass zum Mauerbau in der DDR 1961 darstellte.
Etwa drei Jahrzehnte zuvor wurde eine Ärzteflucht sozusagen staatlich gefordert und unterstützt und betraf Ärzte jüdischer Abstammung, was 1933 durch die "Rassengesetze" legitimiert worden war.
Neuerdings werden auch Begriffe wie "Brain-drain" benützt, wenn sich Ärzte z.B. nach einer Ausbildung in Deutschland zur Arbeit in anderen Ländern hingezogen fühlen und deshalb auswandern.
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Zahlen
- November 2005 – Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung arbeiten 12.000 deutsche Ärzte im Ausland – Tendenz steigend. Waren in Frankreich im Jahre 2000 erst 593 deutsche Ärzte tätig, hat sich diese Zahl bis 2003 auf 747 erhöht. Da vor allem Großbritannien und Skandinavien um deutsche Mediziner werben, nimmt die Abwanderung der Ärzte in diese Länder besonders zu. Nach vorliegenden Angaben praktizieren 2.600 deutsche Ärzte in britischen Kliniken. In Norwegen sind es 650. Seit dem EU-Beitritt Schwedens ist dort die Zahl der deutschen Ärzte auf 708 gestiegen. Demgegenüber arbeiten in Deutschland 17.991 ausländische Ärzte. Davon praktizieren 10.042 Ärzte aus anderen Staaten in deutschen Krankenhäusern, 3.388 in Niederlassungen und 4.561 haben bei Behörden, Pharmaunternehmen oder anderen Institutionen eine Anstellung gefunden. Die Zahl der in Deutschland beschäftigten ausländischen Ärzte ist im Jahre 2004 um 3,9 Prozent gestiegen. Allerdings ist nur bei den Klinikärzten ein Wachstum gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. (2003: 9.360; 2004: 10.042) Bei den niedergelassenen Ärzten ist dagegen ein leichter Rückgang zu beobachten ( 2003: 3.444; 2004: 3.388).
- Weiterhin hohe Auswanderungszahlen Das katholische Raphaels-Werk rechnet nicht mit einem raschen Rückgang der Emigration aus Deutschland. Die Zahl der Auswanderer werde, "wenn überhaupt, nur sehr allmählich abklingen", sagte Generalsekretärin Gabriele Mertens in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Die in Gang gekommene Dynamik sei nicht so einfach zu stoppen. "Gerade in Europa werden wir weiterhin eine hohe berufliche Mobilität haben." Im Jahr 2006 verließen 155.000 Deutsche ihre Heimat, das ist der höchste Wert seit dem Zweiten Weltkrieg. Häufiger als die klassische Emigration sei eine stufenweise Entwicklung. Nach der Arbeitsaufnahme im Ausland stellten viele Menschen fest, dass ihnen die Bedingungen besser als in Deutschland gefielen. "So wird aus einem ursprünglich befristeten Vorhaben etwas Dauerhaftes", so die Expertin.
Zitate
- 15.8.2007 Artikel in Badischer Zeitung: Billiger als die Polen - Eine sächsische Firma pflastert Parkplätze und Gehwege vor einem Spaßbad in Breslau, und sie ist nicht der einzige deutsche Betrieb auf der Baustelle ... Die guten Facharbeiter aus Polen arbeiten längst in Irland und Großbritannien ... "Es ist verrückt", sagt Jochen Gerards. "Die einfachsten Leistungen sind in Polen teurer als bei uns." ..."Ist das nicht verrückt?", sagt der Mann von der Pflasterbaufirma aus Merschwitz in Nordsachsen. ... "Wir sind billiger als ein polnisches Unternehmen, das nur 500 Meter von hier entfernt sitzt."...In einem von Polen gepflasterten Quadratmeter steckten sechs Euro Lohnleistungen, in einem deutschen 4,50 Euro .... Das Baumaterial bringen die Unternehmer mit — in Deutschland ist alles billiger ... Vor kurzem stellte er zwei deutsche Ingenieure ein, beide über 50 Jahre alt."
- Am 26. Dezember 2005 berichtete das ZDF-Heute-Magazin, daß immer mehr deutsche Ärzte Deutschland verlassen würden. In den vergangenen drei Jahren sei die Abwanderungsrate um ca. 10 Prozent gestiegen. Als Gründe für diese Ärzteflucht wurden die schlechten Arbeitszeiten, die Bezahlung und vor allem die ausufernde Bürokratie angegeben. Besonders die jungen Ärzte würden das Land verlassen. Aus dem Bundesgesundheitsministerium war zu hören, daß es in einer globalisierten Welt völlig normal sei, wenn Wanderbewegungen stattfänden. Die Bürger hätten zur Zeit keinen medizinischen Versorgungungsengpaß zu befürchten, da mehr ausländische Ärzte hierzulande tätig wären, als weggehen würden.
- Der Staat benötigte die Mediziner dringend für die Gewährleistung der gesundheitlichen Betreuung der Bevölkerung. Ärzte waren im Gegensatz zu Lehrern, Juristen und anderen Hochschulberufen kurzfristig durch keine andere Berufsgruppe zu ersetzen. Sie verfügten über ein nicht von Partei und Staat zu beherrschendes Monopol an spezifischem Wissen und unverzichtbaren Leistungen. (Bernhard Meyer: Von Deutschland nach Deutschland - Zur »Republikflucht« der Mediziner von 1949- 1961)
- Wie hat sich die Zahl der Selbstmorde nach der Wiedervereinigung entwickelt? Um dieser Frage nachzugehen, filterte Dr. Axel Genz, geschäftsführender Oberarzt an der Magdeburger Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie zunächst aus mehr als 33 000 Totenscheinen alle Selbstmorde innerhalb Magdeburgs zwischen 1985 und 1989 sowie zwischen 1999 und 2004 heraus. In den insgesamt zehn Jahren hatten sich 676 Menschen das Leben genommen, über 400 vor der Wende, mehr als 200 im Untersuchungszeitraum danach. Die Suizidrate war also um etwa die Hälfte zurückgegangen.
- Ihn hat sehr erstaunt, dass vor allem bei über 65-Jährigen die Zahl der Suizide am stärksten zurückgegangen ist. Die Gründe dafür liegen nach ersten Erkenntnissen in einem deutlich verbesserten sozialen Umfeld. "Dies gilt", so Genz, "trotz der veröffentlichten Meinung übrigens auch für die Pflegeheime." Als Psychiater und Psychotherapeut war er zu DDR-Zeiten auch in Pflegeheimen tätig. "Die Eindrücke sind mir bis heute in Erinnerung. Und dabei geht es nicht nur um die Viel-Bett-Zimmer, sondern vor allem um die Lebensbedingungen der Menschen, die sich dort meist selbst überlassen waren." Heute können viele Senioren, egal, ob sie im Heim oder zu Hause leben, noch ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen. Sie reisen, treffen sich in Vereinen, gehen ihren Hobbys nach. Darüber hinaus gebe es wieder eine stärkere Anbindung an die Familie. "Oma und Opa werden wieder mehr gebraucht - auch für die Betreuung von Enkeln. Das wirkt sich durchaus positiv auf das Befinden aus", stellt Genz immer wieder fest.
- Auswanderungsland Deutschland - Sicher ist, dass jeder qualifizierte Auswanderer ein schmerzlicher Verlust für die Gesellschaft ist. Beispiel Ärzte: Ostdeutschland beklagt schon heute einen Ärztemangel. Zudem entgehen dem Fiskus auf die Lebenszeit eines Arztes gerechnet etwa 300.000 Euro Steuereinnahmen, wenn dieser nach dem Studium im Ausland arbeitet.
- Um den Braindrain zu stoppen, müssen Politik und Gesellschaft sich fragen, was qualifizierte, mobile und hochmotivierte Arbeitskräfte veranlasst, dieses Land zu verlassen beziehungsweise in andere Länder einzuwandern.
- Mögliche Antworten auf diese Frage kennt der Migrationsforscher aus Untersuchungen: Auswanderer klagten über steile Hierarchien, unzureichende Aufstiegschancen und mangelnde Leistungsgerechtigkeit, lähmende Steuerreglements und eine obsessive Neidkultur gegenüber sogenannten Besserverdienenden, so Bade. (26.05.2010 in Südd. Zeitung)
- Das sogenannte Brain Drain - eine Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften - sei dagegen in den Gruppen Führungskräfte und Gesundheitsberufe zu verzeichnen. Von ihnen kehrten nur etwa ein Drittel der ursprünglichen Auswanderer nach Deutschland zurück. Deutsche entpuppen sich als "Ich bin nur mal kurz weg"-Auswanderer (SPIEGEL Januar 2011)
Gesundheitsminister
- Als mein Freund nämlich vor anderthalb Jahren anrief, nachdem er gerade in Australien im Gesundheitswesen angefangen hatte, und ich - Daniel Bahr - ihn fragte, wie es denn dort so sei, erzählte er mir: Das Gesundheitswesen ist deutlich schlechter als das, was wir in Deutschland gewohnt sind: freie Arztwahl, freie Krankenhauswahl, Therapiefreiheit, die geringste Eigenbeteiligung, Wartezeiten, die bei notwendigen Behandlungen so gut wie nicht vorhanden sind. Ein so leistungsfähiges Gesundheitswesen mit einem so breiten Leistungskatalog für die gesamte Bevölkerung, wie wir es in Deutschland haben, kennt Australien nicht. Es ist ein aus der Perspektive der Patienten gesehen deutlich schlechteres Gesundheitswesen. (Aus der Rede des Bundesgesundheitsministers Daniel Bahr zur Eröffnung des 114. Deutschen Ärztetages 2011 im Kieler Schloss)
Links
- Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt - Halbgott in Weiß zu sein, ist für viele Berufsanfänger offenbar keine attraktive Option mehr. Der Medizinerprofession geht der Nachwuchs aus - mit schlimmen Folgen für die ärztliche Grundversorgung.
- Auslandsflucht Und wer weder auf ein gutes Einkommen noch auf eine ärztliche Tätigkeit verzichten will, geht nicht selten ins Ausland. Nachweislich arbeiten rund 12 000 deutsche Ärztinnen und Ärzte außer Landes. Zwar würden bei den Ärztekammern Abwanderungen in der Regel nicht registriert. Doch spreche vieles dafür, dass immer mehr Ärzte emigrieren, so Kopetsch. So sei in Hessen die Zahl der beantragten Unbedenklichkeitserklärungen, die Ärzte für eine Tätigkeit im Ausland benötigten, in den letzten fünf Jahren um das Zehnfache gestiegen. In Bayern habe sich die Zahl der abwandernden Ärzte in den letzten drei Jahren verdreifacht. Viele von ihnen lockt die bessere Bezahlung: In 48 Stunden könne man im Ausland mehr verdienen als in 168 Stunden in Deutschland, berichtete Jörg-Dietrich Hoppe. Deshalb sei es berechtigt, wenn die jungen Ärztinnen und Ärzte in den Universitätskliniken für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn stritten. Dort erinnere die Arbeitssituation eher an preußische Feldlazarette als an moderne Krankenhäuser, beklagt der Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Marathon-Dienste von 30 Stunden am Stück, jährlich 50 Millionen unvergütete Überstunden und Gehälter auf dem Niveau von Schwellenländern wirkten beim Ärztemangel „als Brandbeschleuniger“. Nur mit deutlich höherer Entlohnung und einer besseren Arbeitsorganisation ließen sich Ärztemangel und Ärzteflucht ins Ausland stoppen. Dies bestätigt auch eine vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebene Umfrage unter rund 10 000 Ärztinnen und Ärzten sowie Medizinstudierenden. Befragt wurden sie nach ihren Beweggründen, nicht im kurativen Bereich arbeiten zu wollen. Das Ergebnis ist eindeutig: Schlechte Bezahlung, zu lange Arbeitszeiten und Bürokratie verleiden Ärztinnen und Ärzten den Spaß an der Arbeit – sowohl im ambulanten als auch im stationären Sektor.
- Völlig normal Der Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, Klaus Vater, nannte die Abwanderung „in einem zusammenwachsenden Europa völlig normal“. Die Zahl der in Deutschland tätigen ausländischen Ärztinnen und Ärzte liege mit fast 14 200 über der Zahl der abgewanderten Ärzte, sagte er der dpa. „Die Tatsache, dass Ärzte aus Deutschland abwandern, ist kein Hinweis auf dramatische Zustände.“ Viele kämen mit wertvollen Erfahrungen nach Deutschland zurück.
- Warten auf ein Signal Der Ausblick, die Berufskarriere als Assistenzarzt zu starten, könnte für viele Absolventen verlockend sein. Aber wichtiger wäre es, die Ministerin könnte ein Zeichen setzen: Ja, die Bundesregierung erkennt an, dass die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern besonders für junge Ärzte inakzeptabel sind, und ist gewillt, daran etwas zu ändern. Das wäre ein Signal an den Nachwuchs. Denn gelingt es nicht, die Ärzteflucht zu stoppen, droht ein Engpass. „Noch haben wir in vielen Bereichen eine gute Versorgung mit ambulant tätigen Ärzten. Doch es ist absehbar, dass dieser Standard auf Dauer nicht mehr zu halten sein wird“, betonte der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe.
- Als Ärztin in Schweden Genau das war für Katharina Wengerzink ein Grund, nach Skandinavien zu gehen: "Ich wollte, dass wir eine Familie sind und nicht nur eine Ansammlung von Personen, die sich manchmal zufällig in der gleichen Wohnung treffen", berichtet die deutsche Ärztin, die zurzeit in Schweden ihre Facharztausbildung in der Gynäkologie absolviert. Auch ihr Mann arbeitet in Schweden. Er wird Anästhesist. Die beiden haben einen dreijährigen Sohn. In Skandinavien ist es selbstverständlicher als hierzulande, dass Mütter Beruf und Familie vereinbaren.
- Ein Lebenstraum Mit der Klinik erfüllen sich Klaus-Dieter und Martina John einen Lebenstraum, auf dessen Umsetzung sie sich konsequent vorbereitet und für die sie manche Entbehrung in Kauf genommen haben. In den vier Jahren in Ecuador führte Klaus-Dieter John mehr als 2 000 Operationen durch, und seine Frau behandelte mindestens ebenso viele Kinder. In dieser Zeit entwickelten sie den Projektentwurf für das neue Krankenhaus im peruanischen Hochland. Es soll in Curahuasi gebaut werden. In dieser Region kommen auf 10 000 Einwohner gerade einmal 2,8 Ärzte. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 33. In Deutschland werden ein Trägerverein und eine Stiftung gegründet. Einige Prominente unterstützen das Projekt, etwa die Thüringer Wissenschaftsministerin Prof. Dr. phil. Dagmar Schipanski und der Golfprofi Bernhard Langer. Prospekte werden gedruckt, Rundbriefe erstellt, eine dreisprachige Internet-Präsenz aufgebaut. Schwestervereine werden in Peru und in den USA gegründet und mehr als 140 Vorträge gehalten – unter anderem an der Harvard-Universität in Boston und vor hochrangigen Vertretern der deutschen Botschaft in Washington. Bei einem Gespräch in ihrem Wiesbadener Abgeordnetenbüro stellt Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul Zuschüsse für die Transportkosten in Aussicht. Die Politikerin will außerdem einen Kontakt zum Verteidigungsministerium herstellen, damit unter Umständen Medizingüter aus Bundeswehrbeständen für das Indianerspital genutzt werden können – ein Krankenhaus, in dem immerhin 50 000 Patienten im Jahr betreut werden sollen.
