1942
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Chronik 1942
- 20. Januar 1942 - In der Villa Am Großen Wannseein Berlin verhandeln fünfzehn Vertreter der Ministerialbürokratie und der SS über die organisatorische Durchführung der Entscheidung, die Juden Europas in den Osten zu deportieren und zu ermorden. Zum 50. Jahrestag der Konferenz 1992 wurde in der Villa eine Gedenk- und Bildungsstätte eröffnet. (Der Auftrag von Göring an Heydrich vom Juli 1941 siehe Bild rechts!)
- Einzig M. Luthers Exemplar des Protokolls der Wannsee-Konferenz entging der Aktenvernichtung, da sein Aktenmaterial zur Vorbereitung seines Prozesses in Berlin-Lichterfelde ausgelagert worden war. (siehe unter "links" mehr dazu)
- 01. Februar 1942 - Rommel wird zum Generaloberst befördert. Am 20. Januar 1942 wurde er bereits mit den Schwertern zum Ritterkreuz mit Eichenlaub ausgezeichnet. Indem die Panzergruppe Afrika zur Panzerarmee Afrika aufgewertet wurde, war Rommel ab 22. Januar 1942 nun Armee-Oberbefehlshaber. Ende Januar unternahm Rommel die zweite Cyrenaika-Offensive, bei der die 1. britische Panzerdivision überrollt und die 8. Armee bis zum 7. Februar wieder bis Gazala/Bir Hacheim zurückgedrängt wurde.
- Am 26. Mai begann Rommel die Gazala-Offensive. Während Rommel zeitweise am Rand einer völligen Niederlage stand, gelang es ihm Mitte Juni, praktisch die gesamten britischen Panzerkräfte vor Tobruk zu besiegen. Am 21. Juni 1942 eroberte Rommels Armee schließlich die Stadt. Dafür wurde er zum Generalfeldmarschall befördert. Mit 51 Jahren war er der jüngste Vertreter dieses Ranges in der Wehrmacht.
- 08. Februar 1942 - Fritz Todt stirbt bei einem Flugzeugabsturz unweit des „Führerhauptquartiers“ Wolfsschanze bei Rastenburg. Er wurde auf dem Invalidenfriedhof in Berlin beigesetzt. Die in der Nähe der Ortschaft Haringzelle gelegene Batterie „Siegfried“ wurde nach dem Tode des Ingenieurs Fritz Todt in „Batterie Todt“ umbenannt. Adolf Hitler verlieh ihm postum den Deutschen Orden. Außerdem stiftete er 1944 den „Dr.-Fritz-Todt-Preis“ für besondere erfinderische Leistungen. Die Ehrennadel, mit der ein Wertpreis verbunden war, wurde in Gold, Silber oder Stahl verliehen. Stufe I (Gold) überreichte Hitler, Stufen II und III der zuständige Gauleiter. Todts Nachfolger als Reichsminister wird Albert Speer.
- Todt hatte Monate zuvor mehrfach versucht, Hitler davon zu überzeugen, daß der Krieg mit Rußland nicht zu gewinnen sei und er beendet werden müsse. Diskutiert wurde bei dem Absturz immer wieder eine gewollte Sabotage ... ((nach "Das Ringen mit der Wahrheit - Albert Speer und das Deutsche Trauma" von Gitta Sereny, Kindler 1995)
- 11. Februar 1942 - 15 year-old German pupils of high schools were recruited for air defense service ("Luftwaffenhelfer").
- 21.März 1942 - Erlass Hitlers vom 21. März über die Ernennung eines Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz leitete die massenhafte und generell die teilweise bereits vorher praktizierte Zwangsdeportation von Millionen europäischer Arbeitskräfte zum Einsatz in der deutschen Rüstungswirtschaft ein:
- „Die Sicherstellung der für die gesamte Kriegswirtschaft, besonders für die Rüstung erforderlichen Arbeitskräfte bedingt eine einheitlich ausgerichtete, den Erfordernissen der Kriegswirtschaft entsprechende Steuerung des Einsatzes sämtlicher verfügbaren Arbeitskräfte einschließlich der angeworbenen Ausländer und der Kriegsgefangenen sowie die Mobilisierung aller noch unausgenutzten Arbeitskräfte im Großdeutschen Reich einschließlich des Protektorats sowie im Generalgouvernement und in den besetzten Gebieten. Diese Aufgabe wird Reichsstatthalter und Gauleiter Fritz Sauckel als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz im Rahmen des Vierjahresplanes durchführen. In dieser Eigenschaft untersteht er dem Beauftragten für den Vierjahresplan unmittelbar. Dem Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz stehen zur Durchführung seiner Aufgaben die zuständigen Abteilungen III (Lohn) und V (Arbeitseinsatz) des Reichsarbeitsministeriums und dessen nachgeordnete Dienststellen zur Verfügung.“
- 28. März - 29. März 1942 - Lübeck wird als erste deutsche Großstadt von der Royal Air Force mit einem Flächenbombardement angegriffen.
- 23. April - 27. April 1942 - Rostock wird als zweite deutsche Großstadt von der englischen Luftwaffe weiträumig zerstört.
- 01. Mai - 1942 - Tag der Arbeit, auch im Ghetto Litzmannstadt wo man dem Leiter Hans Biebow ein Album widmet, das die Arbeitsleistungen künstlerisch gestaltet präsentiert (siehe weiter unten special "Zwangsarbeit")
- 12. Mai 1942 - Goebbels Tagebucheintrag: "Noch immer 40 000 Juden in Berlin. Abtransport in den Osten schwierig, da zum großen Teil in Rüstungsbetrieben beschäftigt und sie nur familienweise abgeschoben werden sollen."
- 17. Mai 1942 - Tagebucheintrag Goebbels: " Wir versuchen, die noch in Berlin verbliebenen Juden jetzt im größeren Umfange nach dem Osten zu evakuieren. Ein Drittel aller in Deutschland noch wohnenden Juden befindet sich in der Reichshauptstadt. Dies ist natürlich ein auf die Dauer unerträglicher Zustand. Hauptsächlich ist er darauf zurückzuführen, dass in Berlin verhältnismäßig viele Juden in der Rüstungsindustrie beschäftigt sind und nach einer Verordnung auch ihre Familienmitglieder nicht evakuiert werden dürfen. Ich strebe eine Aufhebung dieser Verordnung an und werde alle die Juden, die unmittelbar in kriegswichtigen Betrieben beschäftigt sind, aus Berlin herauszubringen versuchen".
- 27. Mai 1942 - Attentat auf Reinhard Heydrich in einer engen, abschüssige Kurve in der Prager Vorstadt Libeň. In der Nähe gab es keine Polizeistation, und die Kurve konnte nur mit geringer Geschwindigkeit durchfahren werden. (R.H. wurde schwer verletzt und verstarb am 4.6.42 an Gasbrand.)
- 10. Juni 1942 - Vernichtung des tschechischen Dorfes Lidice und seiner erwachsenen Einwohner durch den Nazi-Terror
- 21. Juni 1942 - Rommels Armee erobert die Stadt Tobruk. Dafür wurde er zum Generalfeldmarschall befördert. Mit 51 Jahren war er der jüngste Vertreter dieses Ranges in der Wehrmacht.
- 16. Juli 1942 - In Paris 12.000 Jews were arrested for deportation and sent to Drancy (near Paris).
- 22. Juli 1942 - Reich-Ranickis Rede schildert am 27.1.2012 die Ereignisse: Es ist der Tag, an dem er als junger Jude im Warschauer Ghetto vom schrecklichen Schicksal erfuhr, das die Deutschen ihm und den anderen Juden zugedacht haben. Die Deutschen hatten beschlossen, dass Eheleute von Mitgliedern des Judenrats zunächst von den Deportationen ausgeschlossen werden sollten. Und so heiratet Reich-Ranicki noch am selben Tag seine Freundin Teofila, "Tosia", wie er sie liebevoll in seiner Rede nennt. Das Datum der Eheschließung wird auf den März zurückdatiert. So können sie bleiben, vorerst.
- "Höfle eröffnete die Sitzung mit den Worten: "Am heutigen Tag beginnt die Umsiedlung der Juden aus Warschau. Es ist euch ja bekannt, dass es hier zuviel Juden gibt. Euch, den Judenrat, beauftrage ich mit dieser Aktion. Wird sie genau durchgeführt, dann werden auch die Geiseln wieder freigelassen, andernfalls werdet ihr alle aufgeknüpft, dort drüben." Er zeigte mit der Hand auf den Kinderspielplatz auf der gegenüberliegenden Seite der Straße. Es war eine für die Verhältnisse im Getto recht hübsche Anlage, die erst vor wenigen Wochen feierlich eingeweiht worden war: Eine Kapelle hatte aufgespielt, Kinder hatten getanzt und geturnt, es waren, wie üblich, Reden gehalten worden." (Rede Reich-Ranicki im Bundestag zu BERLIN 2012)
- Nachdem er den Text überflogen hatte, tat er etwas ganz Ungewöhnliches: Er korrigierte die Unterschrift. Wie üblich hatte sie gelautet: "Der Obmann des Judenrates in Warschau Dipl.Ing. A. Czerniaków". Er strich sie durch und schrieb statt dessen: "Der Judenrat in Warschau". Er wollte nicht allein die Verantwortung für das auf dem Plakat übermittelte Todesurteil tragen.
- 23. Juli 1942 - Adam Czerniakow war 1939 zum Vorsitzenden des Warschauer Judenrates ernannt. Er bemüht sich vergeblich, die Vernichtung der Juden des Warschauer Ghettos aufzuhalten. Als er im Juli 1942 aufgefordert wird, eine Deportationsquote von 9.000 Menschen zu erfüllen, muß er erkennen, daß er die Lage seines Volkes nicht verbessern kann und dessen unmittelbare Vernichtung bevorsteht. Er weigert sich, die Deportationsanweisung zu unterschreiben und nimmt sich am 23. Juli 1942 das Leben.
- Das Gespräch mit den beiden SS-Offizieren war kurz, es dauerte nur einige Minuten. Sein Inhalt ist einer Notiz zu entnehmen, die auf Czerniakóws Schreibtisch gefunden wurde: Die SS verlangte von ihm, daß die Zahl der zum "Umschlagplatz" zu bringenden Juden für den nächsten Tag auf 10.000 erhöht werde und dann auf 7.000 täglich. Es handelte sich hierbei keineswegs um willkürlich genannte Ziffern. Vielmehr hingen sie allem Anschein nach von der Anzahl der jeweils zur Verfügung stehenden Viehwaggons ab; sie sollten unbedingt ganz gefüllt werden.
- Kurz nachdem die beiden SS-Offiziere sein Zimmer verlassen hatten, rief Czerniaków eine Bürodienerin: Er bat sie, ihm ein Glas Wasser zu bringen.
- Wenig später hörte der Kassierer des "Judenrates", der sich zufällig in der Nähe von Czerniakóws Amtszimmer aufhielt, dass dort wiederholt das Telefon läutete und niemand den Hörer abnahm. Er öffnete die Tür und sah die Leiche des Obmanns des "Judenrates" in Warschau. Auf seinem Schreibtisch standen: ein leeres Zyankali-Fläschchen und ein halbvolles Glas Wasser.''
- Juli 1942 - Wehrmachtsdeserteure: Ein deutscher Held - vom Gericht des Marinebefehlshaber Westfrankreichs zum Tode verurteilt.
- 18. August 1942 - Am anderen Tage fuhren wir nach Belzec. Ein kleiner Spezialbahnhof war zu diesem Zweck an einem Hügel hart nördlich der Chaussee Lublin-Lemberg im linken Winkel der Demarkationslinie geschaffen worden. Südlich der Chaussee einige Häuser mit der Inschrift "Sonderkommando Belzec der Waffen-SS".(Gerstein-Bericht)
- Vernichtungslager Belzec - Gras auf dem Grauen
- 20. August 1942 - Seine (Kurt Gerstein) Aufgabe war es zu prüfen, ob die Vergasungsanlagen auf Zyklon B umgerüstet werden könnten. Am Abend des 20.8.1942 war er Gast des Lagerkommandanten von Treblinka. Seiner späteren Darstellung (April 1945) zufolge war er über das, was er gesehen hatte, so erschüttert, dass er auf der Zugrückfahrt von Treblinka am 21. August 1942 dem schwedischen Gesandtschaftsrat Göran von Otter seine Erlebnisse erzählte mit der Bitte, diese an das Ausland weiterzugeben. Auch unternahm er einen Versuch, in gleicher Absicht den Apostolischen Nuntius in Berlin zu treffen, was jedoch scheiterte. Diese Versuche sind durch Nachkriegsaussagen von Zeitzeugen, nicht aber durch zeitgenössische Quellen belegt.
- Seit 1942 praktiziert der Mediziner Hans Joachim Sewering im Großraum Dachau. Der damals 26jährige ledige SS-Mann (Eintrittsdatum: 1. November 1933) war nach einjährigem Fronteinsatz für die Heimat u. k. geschrieben worden. Bevor der Jungarzt in städtische Dienste und ein Tbc-Hilfskrankenhaus eintrat, hatte die Gauleitung München-Oberbayern über den Parteigenossen (Mitgliedsnummer 1 858 805, eingetreten am 1. August 1934) "streng vertraulich" nur Gutes zu berichten gewußt: "In politischer wie in sozialer Hinsicht einwandfrei."
- 22. September 1942 - Hitler befiehlt dem für die Arbeitskräfte bevollmächtigtem Sauckel, die Juden nun endgültig aus allen Rüstungsbetrieben im Reich herauszuziehen.
- 16. Oktober 1942 - Ein Revierförster sorgt sich um Treffen im Walde ... auf dem Weg zum Arzt ... wenn sich polnische Landarbeiter und deutsche Maiden begegnen ...
- 23. November 1942 - First systematic air raid of British bombers on Berlin.
Zitate
- Staatssekretär Dr. Stuckart stellt fest ... unendliche Verwaltungsarbeit. ...schlug vor zur Zwangssterilisierung zu schreiten.
- Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich an einer Besprechung teilnahm, an der hohe Beamte und Staatssekretäre beteiligt waren. Sie verlief in sehr kultivierter Form mit viel Liebenswürdigkeit, guten Manieren und sehr fröhlich. Es wurde nicht viel geredet. Die Besprechung dauerte nicht lange, Ordonnanzen brachten uns etwas zu trinken. Ja, so hat sich die Wannsee-Konferenz abgespielt (Adolf Eichmann beim späteren Prozeß - Bei der Wannseekonferenz war Eichmann Protokollführer.)
- Bis ihn Agenten des israelischen Geheimdienstes 1960 in Buenos Aires aufspürten, wusste angeblich niemand, wo sich der ehemalige SS-Obersturmbannführer aufhielt. Einmal galt er als tot, Opfer einer jüdischen Racheaktion, dann wieder war er irgendwo im Nahen Osten verschollen, diente in Syrien oder Ägypten irgendwelchen finsteren Mächten. Auch beim Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach tat man überrascht, als der israelische Ministerpräsident Eichmanns Festnahme bekanntgab.
- Inzwischen (Jan. 2011) sind mehrere Klagen anhängig, mit denen die Freigabe der Akten zu Adolf Eichmann erzwungen werden soll. Am vergangenen Samstag 8.1.2011 konnte Bild immerhin das Faksimile einer Karteikarte zu "Eichmann (Aichmann), Adolf, z. Zt. Damaskus" veröffentlichen, die die bisher so stramm behauptete Ahnungslosigkeit Lügen straft. Diese Karte, die bei der Organisation Gehlen (ORG) geführt wurde, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, wird am 24. Juni 1952 um folgenden Eintrag ergänzt: "Standartenführer EICHMANN befindet sich nicht in Ägypten, sondern hält sich unter dem Decknamen CLEMENS in Argentinien auf. Zwar hatte es Eichmann nie bis zum Standartenführer gebracht, doch der Gesuchte war tatsächlich in Argentinien untergetaucht, wohin er 1950 mit einem auf "Ricardo Klement lautenden Rot-Kreuz-Pass gelangt war.
- Uki Goñi, ein bekannter argentinischer Journalist und Spezialist für Nachkriegs-Nazi-Diaspora meint, dass die Interessen des befreundeten Spionagedienstes nur einen Vorwand für den BND darstellen. "Wenn sie nur wollten, könnten sie leicht die Namen des Dienstes und der Informanten schwärzen", sagte er. "Die Akten wären für niemand anderes mehr peinlich als für Deutschland selber." Goñi nimmt an, dass die Akten ein bis dahin unbekanntes Niveau an Komplizenhaftigkeit zwischen Deutschland und den Nazis in Übersee offenbaren werden.
- (nach "Das Ringen mit der Wahrheit - Arbert Speer und das Deutsche Trauma" von Gitta Sereny, Kindler 1995 S.413 ff.) "Der Zug verließ Warschau am Spätnachmittag. Ich bemerkte gleich einen SS-Offizier im selben Gang, der mir ständig Blicke zuwarf. Er war blaß und wirkte angespannt - sehr nervös. Wir sprachen nicht sofort, aber er machte mich neugierig, es war offensichtlich, daß er mit mir reden wollte. Ich erwartete nichts Besonderes. Vielleicht dachte ich, es könnte nicht schaden, wenn es mir gelingen würde, einem SS-Offizier ein paar Informationen zu entlocken" - (Baron von Otter war 76 Jahre alt, als ihn Gitta Sereny 1981 in Paris kennenlernte, bei den Gesprächen mit ihm wurde ihr deutlich, daß die Begegnung mit Gerstein bei Baron von Otter einen unauslöschlichen Eindruck in seinem Leben hinterlassen hat.)
- Deutsche Diplomaten waren am Holocaust beteiligt - "Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation": Historiker kommen in einer neuen Studie zur Rolle der deutschen Diplomaten im "Dritten Reich" nach Informationen des SPIEGEL zu einem deutlichen Urteil. Die Untersuchung war von Joschka Fischer in Auftrag gegeben worden. Das Auswärtige Amt hat maßgeblich an der Ermordung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs mitgewirkt. Zu diesem Ergebnis kommt eine international besetzte Historikerkommission.
- Auswärtiges Amt: Umgang mit der NS-Zeit Der Muff von 60 Jahren Es ist natürlich einer Reihe von Zufällen geschuldet, Jedenfalls gebührt Joschka Fischer nun das Verdienst, die Aufarbeitung der bis dahin nur unzulänglich bekannten und zusammengefassten Geschichte des Auswärtigen Amtes ins Rollen gebracht zu haben. Denn als ihm Gerhard Schröder den Brief von Marga Henseler zeigte, in dem sich diese sehr enttäuscht darüber äußerte, dass ausgerechnet Joschka Fischer einem alten Nazi mit Blut an den Händen einen Nachruf gewährt habe, erließ er sofort ein Verdikt: Wer in der SA, der SS oder der NSDAP war, sollte keinen Nachruf mehr bekommen.
- Wie schwierig die Aufarbeitung selbst unter der rot-grünen Bundesregierung war, zeigte der damalige SPD-Bundesinnenministers Otto Schily. Er lehnte sie 2005 rundheraus ab - nicht nur für sein eigenes Amt, sondern für die gesamte Bundesregierung. In den Anfangsjahren hätten "leider in einigen Fällen Personen in Bundesministerien Zugang zu öffentlichen Ämtern erhalten, die dafür auf Grund ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit ungeeignet waren". Diese Sachverhalte seien aber bereits Gegenstand umfassender historischer Untersuchungen gewesen. Der Sozialdemokrat hielt den damaligen Weg seines Kabinettskollegen Fischer schlichtweg für überflüssig: Alle Bundesregierungen seien demokratisch gewählt worden, die Bundesministerien hätten daher keine NS-Vergangenheit, die "der Aufarbeitung" bedürfe.
- Die Gleichschaltung der alten staatlichen Institutionen fiel Hitler und der NSDAP auch deshalb so leicht, weil diese von den alten 'Eliten' beherrscht wurden, ein seltsamer Ausdruck angesichts des beschämenden Versagens ihrer Hauptpersonen. Wie die Spitzengarde der Reichswehr war auch das Auswärtige Amt von konservativen Feinden der Demokratie beherrscht; mit den Nazis, die man mitunter herzlich verachtete, verband sie eine 'Teilidentität der Ziele', wie es der kluge alte Militärhistoriker Manfred Messerschmidt einmal genannt hat. Diese Ziele richteten sich unmittelbar gegen die Demokratie, zu ihnen gehörte Deutschlands Wiederaufstieg zur Großmacht und eine dominierende Rolle in Europa, Rache für den verlorenen Krieg 1914 bis 1918 und nicht zuletzt Maßnahmen gegen die Juden, die mit Umsturz, Bolschewismus und Demokratie gleichgesetzt wurden. Das Ergebnis dieser Teilidentität war eine moralische Kapitulation vor dem Regime. 'Ganz normale Männer', so hat es der Historiker Christopher Browning einmal am Beispiel von Hamburger Polizeireservisten geschildert, wurden hinter der Ostfront zu Schlächtern. Ganz normale Beamte, so zeigen heute Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann, wurden zu Mittätern, zu Helfern bei der schlechtesten Sache, für die je ein Staat in den Krieg gezogen war. (Akademische Querulanz- Am Versagen der 'Eliten' unter Hitler ist kein Zweifel Quelle: Süddeutsche Zeitung - 20. Dezember 2010)
- 'Ebenso wenig wie Kriege Stahlgewitter sind, ist kollektiver Terror einfach eine Naturkatastrophe, sondern ein Mosaik aus verbrecherischen Einzeltaten.' Das Auswärtige Amt, genauer: sehr viele, viel zu viele seiner Diplomaten sind Steinchen in diesem Mosaik des Grauens gewesen. Diese Menschen hatten eine Wahl, und sie trafen die falsche. JOACHIM KÄPPNER
- Wenige Stunden nach dem tödlichen Flugzeugabsturz von Fritz Todt (Februar 1942) ernannte Hitler Speer zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition (BuM) und zum Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, Festungsbau, Wasser und Energie. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gehörte Speer zum engsten Kreis der nationalsozialistischen Machthaber. Er war in seiner neuen Position auch verantwortlich für die Zuteilung von Baumaterial an die Konzentrationslager. Der Name des Speer-Ministeriums wurde aufgrund der gewachsenen Aufgabenzahl 1943 in Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion (RuK) geändert. Albert Speer gelang eine massive Erhöhung der Rüstungsproduktion durch den Einsatz von Millionen von Zwangsarbeitern, die vor allem von Fritz Sauckel und SS-Gruppenführer Dr.-Ing. Hans Kammler rekrutiert wurden und die unter anderem die zur Wehrmacht eingezogenen Arbeiter ersetzten. Das Konzept der „Selbstverantwortung der Industrie“ wurde von Speer umgesetzt und die handwerkliche Fertigung von Rüstungsgütern in den ersten Kriegsjahren wurde durch einen industriellen Fertigungsprozess abgelöst. Als Speer Ende 1942 die Meldung erhielt, dass sein Bruder Ernst in Stalingrad zu den eingekesselten deutschen Soldaten gehörte, unternahm er nichts, um ihm dort herauszuhelfen, obwohl es ihm in seiner Stellung ein Leichtes gewesen wäre. Ernst kam wenig später im Kessel um.
- Im Spätsommer 1944 waren etwa ein Viertel der Arbeitskräfte in der gesamten deutschen Wirtschaft Zwangsarbeiter, Anfang 1945 stellten Ausländer ein Drittel der gesamten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Sie stammten aus allen von der Wehrmacht besetzten Ländern Europas, die meisten aus Polen und der damaligen Sowjetunion, letztere wurden auch als Ostarbeiter bezeichnet. Etwa die Hälfte von ihnen waren Mädchen und Frauen. Die Entwicklung der Anzahl der Zwangsarbeiter im Deutschen Reich zeigt, dass nach Sauckels Amtsantritt besonders viele neue Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert wurden. Von 1942, dem Jahr seines Amtsantrittes, bis 1943 verdoppelte sich die Zahl der in der Landwirtschaft tätigen Zwangsarbeiter von 1,4 auf 3,2 Millionen.
- Zwangsarbeit war im NS-Staat ein fortwährend öffentlich begangenes Unrecht, das in den meisten Teilen der Bevölkerung nicht als solches empfunden wurde. Fast sechzig Jahre mussten vergehen, bis sich die deutsche Gesellschaft in ihrer Breite mit diesem Thema beschäftigte und eine Schuld nicht nur bei Unternehmern und öffentlichen Stellen entdeckte.
- Hierarchie und Regelwerk - Die im Deutschen Reich eingesetzten Zwangsarbeiter wurden in eine rassistische Hierarchie gepresst. Ganz oben standen „arische“ Deutsche als Herrenmenschen, ihnen folgten Menschen aus Nord- und Westeuropa. Am Ende der Stufenleiter befanden sich Polen, sowjetische Arbeitskräfte („Ostarbeiter“) und schließlich Juden, Sinti und Roma. Rigide Bestimmungen sollten enge Kontakte zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern verhindern. Polen, „Ostarbeiter“ und Juden mussten Kennzeichen an der Kleidung tragen. Sie durften sich nicht frei bewegen und waren von drakonischen Strafen bedroht. Zuständig für die zahllosen Erlasse war das Reichssicherheitshauptamt. Es sah in der Anwesenheit der vielen Ausländer vor allem „volkstumspolitische“ Gefahren für die deutsche „Blutsgemeinschaft“.
Links
- Gerwarth: In gewisser Weise ist das Nachkriegsbild Heydrichs nichts anderes als die radikale Umkehrung der NS-Propaganda. Aus dem "besten Blonden" wurde eben die "blonde Bestie", aus dem "idealen SS-Mann" der "Todesgott". Was im Nationalsozialismus als vorbildlich galt - Kompromisslosigkeit, rücksichtsloses Aufsteigertum, Tatendrang ohne ethische Rücksichtnahme auf Nicht-Deutsche -, das galt nach 1945 eben zu Recht als schlecht und moralisch verwerflich.
- „Heydrichs Handlungen, seine Ausdrucksweise und sein Verhalten sprechen ohnehin für sich und offenbaren uns einen zunehmend von der eigenen ideologischen Sendung überzeugten genozidalen Massenmörder aus der Mitte der deutschen Gesellschaft.“ Himmler und Heydrich schufen, von Bayern ausgehend, zwischen 1933 und 1936 mit der Unterstützung Hitlers einen zentralen „Unterdrückungsapparat neuen Typs, an dessen Spitze radikale NS-Ideologen standen“ und der formal im Juni 1936 mit der Ernennung Himmlers zum „Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei“ zentralisiert nach außen in Erscheinung trat.
- Es handelt sich um Exemplar Nr. 16, verschickt an Martin Luther, Unterstaatssekretär und Vertreter des Auswärtigen Amtes bei der Konferenz. Der ehemalige Botschafter und Hitler-Gegner Ulrich von Hassell schrieb 1943 in sein Tagebuch: "Interessant und grotesk ist ein interner Vorgang im AA, nämlich die Absetzung und Verhaftung des so genannten Unterstaatssekretärs Luther, des mächtigsten Mannes und Intimissimus von Ribbentrop." Hassell charakterisierte Luther als "ungebildet, anmaßend und ziemlich sicher auch korrupt" und vermutete, das er in eine Falle Himmlers getappt sei. "Wir leben wirklich unter hübschen Verhältnissen in diesem Dritten Reich, das sich anmaßt, allen anderen Systemen überlegen zu sein", notierte er am 6. März 1943.
- "Durchführung der Endlösung" der Protokollfund - 30 Exemplare verteilte Adolf Eichmann von der Mitschrift der Wannseekonferenz. Nur eines davon hat den Untergang des Dritten Reiches überstanden. Durch Zufall.
Special "Zwangsarbeit"
- Durch Arbeit - Zwangsarbeit - überleben? - 2-Jahres-Bilanz 1942 - Ausstellung Zwangsarbeit Jüdisches Museum BERLIN Januar 2011 in der künstlerischen Präsentation zum Tag der Arbeit 1942 im Ghetto Litzmannstadt
- Das Ghetto Litzmannstadt, auch Ghetto Lodsch, in Łódź, unter der deutschen Besatzung umbenannt nach dem General und NSDAP-Mitglied Karl Litzmann (1850–1936), war eines der größten Judenghettos des nationalsozialistischen „Deutschen Reichs“ (neben den Sammellagern in Warschau und Krakau).
- Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) definierte 1930 in Art. 2 Abs. 1 des Übereinkommens über Zwangs- und Pflichtarbeit die Zwangsarbeit als unfreiwillige Arbeit oder Dienstleistung, die unter Androhung einer Strafe ausgeübt wird. Nicht dazu gehören laut Abs. 2 des Übereinkommen: Militärdienst, übliche Bürgerpflichten, Arbeit im Strafvollzug, notwendige Arbeit in Fällen höherer Gewalt und Arbeit, die dem unmittelbaren Wohl der Gemeinschaft dient.
- Die Nationalsozialisten sahen in den Menschen lediglich „Menschenmaterial“ mit großem Arbeitspotential, das sie bestmöglich ausbeuten wollten: Zwangsarbeiter aus Litzmannstadt waren für die Auftraggeber billig, ja beinahe kostenlos, denn den fünf Reichsmark, die jeder der 70.000 Zwangsarbeiter an Gewinn einbrachte, standen nur 30 Reichspfennig an Arbeitskosten gegenüber. Zu den Großkunden, die im Ghetto billig produzieren ließen, gehörten die Unternehmen Josef Neckermann und Heinrich Leineweber.
- Vor allem Soldatenuniformen, Stiefel, Waffenteile und Munition wurden im „Ghetto Litzmannstadt“ gefertigt. Als wichtigste Transportverbindung nach außen diente der Bahnhof Radegast, über den Rohstoffe und Lebensmittel angeliefert und die fertigen Produkte abtransportiert wurden, bis Radegast schließlich zum Deportationspunkt zu den Vernichtungslagern wurde.
- Durch ihre „kriegswichtige“ Tätigkeit hofften viele Juden, der Deportation entrinnen zu können. Regelmäßig wurde auch Besitz der Juden von den Deutschen beschlagnahmt. Hierbei kam es vor allem zu Beginn des „Ghettos“ zu Kompetenzstreitigkeiten der deutschen Behörden. Während die vom Bremer Kaufmann Hans Biebow geleitete Wirtschafts- und Ernährungsstelle Ghetto die Güter des Ghettos als ihr Eigentum betrachtete, beschlagnahmten auch verschiedene andere deutschen Stellen Güter aus dem „Ghetto“. Auch eine Bekanntmachung des Polizeipräsidenten vom Dezember 1939 und ein Rundschreiben des Regierungspräsidenten vom 4. März 1940 änderten daran nichts. So beschlagnahmte die Kriminalpolizei, deren Aufgabe die Verhinderung von Schmuggel war, hauptsächlich Gold- und Schmuckgegenstände.
- „Jüdische Selbstverwaltung“
- Die deutschen Besatzer delegierten fast die gesamte das „Ghetto Litzmannstadt“ betreffende Organisationsarbeit an ihre Opfer weiter – von der Verteilung der ungenügenden und minderwertigen Nahrungsmittelrationen an die Bewohner und der Einteilung zur Zwangsarbeit über den Betrieb von Schulen bis hin zur Zusammenstellung der Transportlisten für die Deportationen in die Vernichtungslager.
- Zu diesem Zweck wurde – wie in anderen NS-Ghettos auch – ein Judenrat eingesetzt, der mit den genannten Aufgaben beauftragt wurde. Die Ernennung des Judenrates erfolgte am 13./14. Oktober 1940. Chaim Rumkowski wurde als „Judenältester von Litzmannstadt“ dessen nach innen wirkender Leiter, der in Wirklichkeit keine selbständigen Entscheidungen zu treffen hatte.
- Als Abteilungen bestanden:
- die "Zentrale": als zentrales Sekretariat für die Korrespondenz mit den Deutschen und die gesamte Verwaltung
- Meldebüro: Eine auf deutschen Befehl eingerichtete Zentrale, die alle Personaldaten aller Ghettobewohner registrierte.
- Statistik-Abteilung zur quantitativen Erfassung aller Lebens- und Arbeitsbereiche des Ghettos.
- Ordnungsdienst (OD): Eine Lagerpolizei, die in mehreren Abteilungen 850 bis 1.200 Angehörige hatte und zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit im Ghetto, bei Transporten diente.
- Schnellgericht: das am 11. März 1941 geschaffene Gericht sollte Personen- und Strafsachen verhandeln. Abgeurteilte wurden zur Verbüßung ihrer Haft in das Zentralgefängnis eingewiesen. Dieses Gefängnis war auf deutschen Befehl gebaut worden.
- Versorgungsabteilung: zur Verwaltung von Nahrungsmitteln und Medikamenten, die das Ghetto von deutschen Behörden erhielt.
- Wohnungsabteilung: zur Verwaltung des Wohnraums
- Gesundheitsabteilung: zur Verwaltung aller Krankenhäuser, Apotheken, Rettungsstationen, Sanitätsdienste, Altenheime, Waisenhäuser
- Schulabteilung: ihr unterstanden die Schulen im Ghetto und die Heime in Marysin.
- Zentrales Arbeitsamt
- Ghetto-Zeitung in jiddischer Sprache (4. März bis 21. September 1941)
- Aussiedlungskommission: Ein auf deutschen Befehl geschaffenes Büro zur Erstellung von Listen für Transporte, Deportationen etc.
- Alle diese und weitere Einrichtungen sollten neben der Arbeitserleichterung für die SS auch für Polen und polnische Juden den Eindruck von Normalität und ernstgemeinter jüdischer „Selbstverwaltung“ vortäuschen.
- Am 24. Juni 1940 veröffentlichte der Judenälteste Rumkowski die Bekanntmachung, dass ab dem 28. Juni 1940 nur noch Ghettogeld – Rumkowski sprach von Mark-Quittungen – für Zahlungen im „Ghetto“ verwendet werden dürfe.
- Hans Biebow (* 18. Dezember 1902 in Bremen; † 23. Juni 1947 in Łódź) war Sohn des Versicherungsdirektors Julius Biebow. Er absolvierte eine Realschule und wurde dann Lehrling bei seinem Vater. In der Zeit der großen Inflation wechselte er zur Getreide- und Futtermittelbank in Bremen und arbeitete im Getreidehandel. Etwa 1924 wechselte er in den Kaffeehandel und hatte bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einen Jahresumsatz von einer Million Reichsmark und 250 Angestellte. Am 16. Oktober 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP, am 15. Februar 1939 wurde er als Parteigenosse bestätigt. Aufgrund seiner Bekanntschaft mit Reinhard Heydrich, dem Chef des SS-Sicherheitsdienstes ernannte ihn dieser am 1. Mai 1940 zum Leiter der „Ernährungs- und Wirtschaftsstelle Ghetto“. Biebow waren die 250 Mitglieder der deutschen „Ghetto-Verwaltung“ sowie der Judenrat im Ghetto Lodz unterstellt, der direkt an ihn berichten musste.
- Am 21. März 1942 wurde Sauckel Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz (GBA). Als solcher war er für die Deportation und Organisation von etwa fünf Millionen ausländischer Arbeitskräfte nach Deutschland verantwortlich, die für die deutsche Industrie und Landwirtschaft Zwangsarbeit verrichten mussten. Zur finanziellen Entschädigung der Opfer wurde am 2. August 2000 durch den Bundestag die Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" errichtet.
