1943

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Inhaltsverzeichnis

Chronik

Stalingrad, Kapitulation 31.1.1943
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Stalingrad, Kapitulation 31.1.1943
Sportpalastrede Goebbels
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Sportpalastrede Goebbels
  • 14. Januar 1943 - Casablanca-Konferenz. Westalliierte Kriegsziele: „Bedingungslose Kapitulation Deutschlands, Italiens und Japans.“
  • 27. Januar 1943 - Mit einem von 55 Bombern geflogenen Luftangriff auf Wilhelmshaven beginnen die Bombardements der amerikanischen Luftwaffe am Tag. Deutschland wird ab sofort bis zum Kriegsende pausenlos rund um die Uhr von Flugzeugen attackiert.
Dösel und Schlau - Anker-Werke Bielefeld
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Dösel und Schlau - Anker-Werke Bielefeld
An diesem 18. Februar 1943 kommt es zu einer Séance nie gekannter Art. Der Minister für Volksaufklärung und Propaganda hat als Auftrittsort den Berliner Sportpalast gewählt, die Arena seiner schon frühen Hetzerfolge. An die 15 000 Besucher sind da, handverlesen, Parteigenossen, Schauspieler, Fronturlauber mit schweren Verletzungen, Krankenschwestern. Kameras der "Wochenschau" sind aufgebaut, auch der Rundfunk sendet. Es ist später Nachmittag. Goebbels trägt einen hellen Zweireiher, keine Orden, die mag er nicht. Hinter ihm hängt ein riesiger Schriftzug: "Totaler Krieg - Kürzester Krieg." Totaler Krieg, das ist kein neuer Begriff, aber Goebbels hat ihm eine besondere Bedeutung verliehen. Totaler Krieg heißt nach seiner Definition, dass endlich jeder mit anzupacken habe, dass es vorbei sein müsse mit "parasitären Nichtstuern", mit dem "schamlosen Treiben von plutokratischen Studentinnen". Oder mit "Fressrestaurants". Dass aus allen verfügbaren Zivilisten Kämpfer werden müssen, egal wie. Er will die Geschlossenheit des Volks hinter Hitler. Eine Geschlossenheit, an die er selbst nicht mehr glaubt. Aber er predigt sie, immer noch und bis zum Schluss. (SPIEGEL-Titel 47/2010)
  • 22. Februar 1943 - Sophie (* 1921) Scholl - um Punkt 17 Uhr löst der Henker im Rapportzimmer im Gefängnis München-Stadelheim das Fallbeil aus. Hans Scholl (* 1918) sowie ihr Freund Christoph Probst werden als Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ hingerichtet
Bild das Stroop 1943 in Warschau machte
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Bild das Stroop 1943 in Warschau machte
  • 27. Februar 1943 - Überraschend und schlagartig werden heute 11 000 Juden, die noch in Rüstungsbetrieben in Berlin arbeiten, "abgezogen" bzw. evakuiert.
Gestapo und SS riegeln am Morgen des 27. Februar rund 100 Betriebe ab und nehmen die jüdischen Arbeiter fest. Andere werden aus ihren Wohnungen geholt oder aufgrund des Judensterns auf der Straße verhaftet. Im Verlauf einer Woche werden etwa 7.000 Menschen in fünf Berliner Durchgangslager gebracht und von dort nach Auschwitz, einige auch nach Theresienstadt, abtransportiert. Etwa zwei Drittel der Deportierten werden gleich nach ihrer Ankunft in Auschwitz in die Gaskammern geschickt. Etwa 4000 Menschen können sich der Festnahme entziehen und mit Hilfe von Mitbürgern in Berlin untertauchen.
Vor dem Sammellager Rosenstraße beginnen am 27. Februar 1943 Proteste ""arischer"" Frauen gegen die Festnahme ihrer jüdischen Männer, die auch in den nächsten Tagen andauern und schließlich zur Freilassung der dort internierten Festgenommen führen ("Rosenstraße-Protest"). Ähnliche Proteste gibt es am 5. März vor dem Sammellager in der Großen Hamburger Straße.
Skizzen eines Häftlings, Auschwitz
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Skizzen eines Häftlings, Auschwitz
  • März 1943 - Tagebuch Goebbels: "Dass die Juden an einem Tage verhaftet werden sollten, hat sich infolge des kurzsichtigen Verhaltens von Industriellen, die die Juden rechtzeitig warnten, als Schlag ins Wasser herausgestellt. Im Ganzen sind wir 4000 Juden dabei nicht habhaft geworden."
  • 09. März 1943 - Tagebuch Goebbels: "In der Judenfrage billigt er (Hitler) mein Vorgehen und gibt mir ausdrücklich den Auftrag, Berlin gänzlich judenfrei zu machen."
  • 15. März 1943 - First Allied air raid on the Ruhrgebiet (Germany).
  • 19. April 1943 - Der Aufstand im Warschauer Ghetto bricht aus - Die völlig unzureichend bewaffneten Aufständischen erhoben sich und lieferten der nationalsozialistischen Besatzungsmacht mehrere Wochen lang erbitterte Gefechte. Getragen wurde der Aufstand von der Jüdischen Kampforganisation (kurz ŻOB) unter der Leitung von Mordechaj Anielewicz, dem Jüdischen Militärverband (ŻZW) und anderen Organisationen. Am 16. Mai 1943 meldete der Befehlshaber auf deutscher Seite, Jürgen Stroop, die Niederschlagung des Aufstands.
Deckblatt Stroop-Bericht
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Deckblatt Stroop-Bericht
  • 13. Mai 1943 - The German Afrika-Corps surrendered.
  • 16. Mai 1943 - Psychiater Alfred Hoche, * 1. August 1865 in Wildenhain, stirbt in Baden-Baden durch "eigene Hand". Er hatte 1920 eine Denkschrift verfasst.
  • 17. Mai 1943 - English "Dam-Buster" bombers destroyed the Eder- and Möhne dams in Germany.
Winston Spencer Churchill vor Downing Street Nr.10
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Winston Spencer Churchill vor Downing Street Nr.10
  • 05. Juni 1943 - Ein berühmtes Bild entsteht heute in London, Downing Street Nr. 10
  • 10. Juli 1943 - Allied invasion of Sicily started
  • 13. Juli 1943 - Gründung des NKFD: Unter sowjetischer Führung gründeten kriegsgefangene Wehrmachtsoffiziere, unter ihnen Graf von Einsiedel, die Wiederstandsgruppe Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) in Krasnogorsk. Am 13. Juli 1943 unterzeichnete der Präsident Erich Weinert das Manifest. Den Offizieren, die sich 1943 im NKFD zusammengetan hatten - darunter General Walther von Seydlitz und Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, die beide in der Schlacht von Stalingrad eine Schlüsselrolle spielten -, haftete der Vorwurf an, sie hätten sich als Sprachrohr der sowjetischen Propaganda instrumentalisieren lassen. Die meisten distanzierten sich deshalb gleich nach ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft von diesem Kapitel ihrer Lebensgeschichte.
  • 25. Juli 1943 - Nach der Landung der Alliierten auf Sizilien (Operation Husky) setzte der Große Faschistische Rat Mussolini am 25. Juli 1943 mit einfachem Mehrheitsbeschluss ab. Mussolini wurde, als er seine Demission vom Amt des Ministerpräsidenten einreichen wollte, auf Befehl von König Viktor Emanuel III. verhaftet und an wechselnden Orten interniert, um eine eventuelle Befreiungsaktion zu erschweren.
Nach Gomorrha-Aktion, Hamburg
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Nach Gomorrha-Aktion, Hamburg
  • 27. Juli 1943 - Britischer Bombenangriff auf Hamburg (Operation Gomorrha), 35.000 Menschen sterben daraufhin im Feuersturm
10 Jahre Winterhilfswerk, Briefmarke
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10 Jahre Winterhilfswerk, Briefmarke
  • 01. September 1943 - Briefmarke zu 10 Jahre Winterhilfswerk
Opfer bringen - Sammelnde Kinder für Winterhilfswerk in München
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Opfer bringen - Sammelnde Kinder für Winterhilfswerk in München
  • 03, September 1943 - Der Waffenstillstand von Cassibile war ein Waffenstillstandsabkommen zwischen dem damaligen Königreich Italien unter der Regierung von Marschall Pietro Badoglio und den Alliierten, das am 3. September 1943 in dem kleinen sizilianischen Ort Cassibile bei Syrakus unterzeichnet wurde. Durch dieses Abkommen löste sich Italien aus dem deutschen Bündnissystem.
Karl Brandt als Angeklagter in Nürnberg 1947
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Karl Brandt als Angeklagter in Nürnberg 1947
  • 05.September 1943 - Karl Brandt wusste von einigen medizinischen Menschenversuchen in den Konzentrationslagern. Versuche zur Malaria förderte er, die zur Hepatitis A regte er selbst an. Am 5. September 1943 wurde er durch Erlass Hitlers zum Leiter des gesamten medizinischen Vorrats- und Versorgungswesen und Koordinator der medizinischen Forschung. Der Reichsärzteführer Conti überlegte seinen Rücktritt einzureichen, da Brandt ihn in seiner Machtfülle überholt hatte. Hitler lehnte dies ab. Brandts Beziehungen zu Speer machten ihm Bormann zum Feind.
  • 02. Oktober 1943 - Die beschränkte dänische Souveränität wurde aufgehoben. Das Modell einer scheinbar moderaten Okkupationspolitik war endgültig gescheitert, aus dem "Musterprotektorat" ein "mønsterprotektoratet" geworden, jubelte der Untergrund. Die dänische Marine floh mit zahlreichen Schiffen nach Schweden. Einen Teil der Flotte versenkte sie selbst. Die größte Bravourleistung aber gelang wohl den einheimischen Fischern. Zusammen mit vielen Freiwilligen brachten sie in der Nacht zum 2. Oktober 1943 und in den nächsten Wochen rund 7000 dänische Juden in ihren Booten nach Schweden und retteten sie vor dem Zugriff der Deutschen. Es war "ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der 'Endlösung'", schreibt der NS-Forscher Hermann Weiß, nur 284 Juden fielen ihren Häschern in die Hände.
Es war vor allem einem Deutschen zu verdanken, dass diese Hilfsaktion während des Holocaust gelang. Der langjährige Schifffahrtssachverständige an der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen, Georg Ferdinand Duckwitz, hatte von der bevorstehenden Deportation erfahren, wohl von "Reichsbevollmächtigtem" Best selbst, und dänische Freunde alarmiert.
  • 06. Oktober 1943 - Speer in Posen bei den Reichs- und Gauleitern, er hält eine Rede. Heinrich Himmler spricht von 17:30 bis 19:00 Uhr in der zweiten seiner „Posener Reden“ offen über den Holocaust. Speers Einlassung, er sei zuvor abgereist und habe auch von befreundeten Teilnehmern nie etwas davon erfahren, wird von Gitta Sereny als „schlicht unmöglich“ bezeichnet.
  • 13. Oktober 1943 - Italien erklärte dem Deutschen Reich den Krieg und trat an der Seite der Alliierten wieder in den Krieg ein.
  • 22. Oktober 1943 - Britischer Bombenangriff auf Kassel. Die Stadt wird größtenteils zerstört, tausende Menschen sterben im Bombenhagel oder durch Panik oder Luftmangel in Bunkern. Noch Tage danach stehen hohe Rauchwolken über der Stadt.

Zitate - Aufarbeitung Jahrzehnte danach

Ausweis 1943 Demjanjuk
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Ausweis 1943 Demjanjuk

Fall Demjanjuk

  • Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen führte gegen Demjanjuk ein Vorermittlungsverfahren durch. Sie sah es danach als erwiesen an, dass er zwischen März und September 1943 als Aufseher im Lager Sobibor an der Ermordung von „mindestens 29.000 Menschen“ mitgewirkt habe, darunter an 1.939 Deutschen.Anhand der Transportlisten wurden die Namen der Opfer ermittelt. Nach dem Kenntnisstand der Zentralen Stelle gibt es keine Aussage, dass Demjanjuk Häftlinge eigenhändig ermordet habe. Sobibor war jedoch ein reines Vernichtungslager, Aufseher seien in allen Bereichen eingesetzt worden.
  • Auch der zweite geladene Zeuge und Überlebende von Sobibor, Philip Bialowitz, 84, sagt: "Ich bin hier, um zu erzählen, wofür Sobibor steht." Blatt und Bialowitz, beide aus dem rund 70 Kilometer entfernten Ort Izbica, wurden als Arbeitshäftlinge ausgewählt und entgingen so dem sofortigen Tod. Bei einem Aufstand im Oktober 1943 konnten sie nach Monaten des Schreckens fliehen.
Heute leben beide in den USA, treffen sich bei Gedenkveranstaltungen. Sobibor habe überhaupt nicht wie ein Vernichtungslager gewirkt - es gab Blumen und war nicht schmutzig. Dennoch wussten beide schon bei ihrer Ankunft, dass sie und ihre Familien nun dem Tod geweiht waren. Demjanjuk-Prozess Wir hörten die Schreie aus den Gaskammern 19.01.2010
  • Er räumte ein, dass die Zentrale Stelle bereits 2003 geprüft habe, ob sie Vorermittlungen gegen Demjanjuk aufnehmen solle. Doch damals habe die Behörde keinen Anlass dazu gesehen, weil eben ein individueller Tatnachweis nicht möglich sei - überlebende Zeugen, die Iwan Demjanjuk in Sobibor gesehen haben, gibt es nicht. Walther argumentiert jedoch nun, dass in einem Vernichtungslager, in dem eine Gruppe SS-Männer und ausländische Hilfskräfte die unbeschränkte Herrschaft über Juden ausübt, die dort alle ermordet werden sollen, die Notwendigkeit eines individuellen Tatnachweises nicht notwendig sei: Jedes Mitglied der herrschenden Gruppe sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit verdächtig, am Mord teilgenommen zu haben.
Nestler: Selbstverständlich muss hier wie in jedem anderen Strafverfahren die individuelle Schuld festgestellt werden. Aber darum geht es ja an jedem einzelnen Verhandlungstag: Um das, was Wachmänner wie John Demjanjuk in Sobibor gemacht haben.
SPIEGEL ONLINE: Mehrere Dokumente sprechen dafür, dass Demjanjuk von der SS für den Massenmord ausgebildet und nach Sobibor verlegt wurde. Aber muss ihm die Anklage nicht nachweisen, was er dort genau getan hat?
Nestler: Wir wissen aus Zeugenaussagen und durch die historische Forschung recht genau, was die Aufgabe der Wachmänner im Lager war. Und die Wachmänner selbst wussten es auch. Deshalb ist alles, was Demjanjuk in Sobibor getan hat, als Beihilfe zum Massenmord zu werten.
  • Der mühsame Weg zur Wahrheit - Ein Gewirr von historischen Fakten und Thesen: Seit Monaten läuft in München der Prozess gegen John Demjanjuk, den mutmaßlichen KZ-Wachmann von Sobibor. Es geht um den Mord an 27.900 Juden. Prozess gegen John Demjanjuk - 15.08.2010 in Süddeutscher Zeitung - Lebende Zeugen für die Zeit in Sobibor gibt es nicht - und so konzentriert sich das Landgericht im Verfahren darauf, das Alibi des Angeklagten zu hinterfragen. Dies gelingt mit Hilfe der raren schriftlichen Quellen meist nur annäherungsweise: Kaum ein Sachverständiger will sich zu 100 Prozent festlegen, es geht stets nur um Plausibilitäten und historische Wahrscheinlichkeiten.
  • Kurz vor dem Ende der Beweisaufnahme im Demjanjuk-Prozess hat der 90 Jahre alte Angeklagte am 22.2.2011 zum dritten Mal eine persönliche Erklärung abgegeben. Er beklagte erneut, dass er sich vor dem Landgericht München einem "politischen Schauprozess" stellen müsse. Da die Richter offenbar nicht an der "historischen Wahrheit" interessiert seien und Beweisanträge der Verteidigung "unterdrücke", sehe er keine andere Möglichkeit mehr, als innerhalb von zwei Wochen in einen Hungerstreik zu treten.
  • Der frühere KZ-Wachmann John Demjanjuk wird trotz Verurteilung zu fünf Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Nach genau zwei Jahren in Untersuchungshaft in München sei eine weitere Zeit im Gefängnis für den 91-Jährigen nicht verhältnismäßig, sagte Richter Ralph Alt
Im Namen des Volkes: Demjanjuk hat sich der Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen schuldig gemacht. Er wird zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt und muss die Kosten des Verfahrens tragen. Es ist das erwartete Verdikt, die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre gefordert.
Ohne die Hilfswilligen, so führte das Gericht in seiner Urteilsbegründung aus, hätte die SS nicht so reibungslos morden können.

Fall Sandberger

Martin Sandberger 1948
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Martin Sandberger 1948
  • Martin Sandberger (* 17. August 1911 in Charlottenburg b. Berlin, † 30. März 2010 in Stuttgart) war SS-Standartenführer. Er war als Befehlshaber des Einsatzkommandos 1a sowie Kommandeur der Sicherheitspolizei (SiPo) und des SD in Estland einer der Protagonisten des Massenmordes an den Juden des Baltikums - Im SPIEGEL erscheint zu Ostern 2010 ein Bericht über einen Besuch bei ihm im Altenheim in Stuttgart wenige Wochen vor seinem Tod Ende März 2010.
Und nun ist da dieses Namensschild im gediegenen Stuttgarter Wohnstift. Kann einer wie Sandberger, des Massenmords an Juden, Zigeunern und Kommunisten schuldig, wirklich ein halbes Jahrhundert lang abgetaucht sein - unbehelligt, unbefragt, mitten in einem Land, in dem das Urteil gegen den SS-Mann Heinrich Boere Schlagzeilen macht und allein beim Prozess gegen den mutmaßlichen Wachmann im Todeslager Sobibór, John Demjanjuk, 270 Journalisten akkreditiert sind?
"Was, der lebt noch?", ruft fassungslos eine Staatsanwältin in Stuttgart, nachdem sie ihre Festplatte mit dem Suchbegriff "Sandberger" gefüttert und eine stattliche Liste voll Aktenzeichen ans Licht befördert hat - eingestellte Ermittlungsverfahren und Zeugenvorladungen in Mordsachen. Sandbergers Anschrift war immer bekannt. Es hat nur seit fast 40 Jahren niemand mehr nach ihm gesucht. Und niemand hat, als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs neue Beweise hätten gefunden werden können, eine Wiederaufnahme angestrebt. (Der SPIEGEL Heft 14/2010 vom 03.04.2010)
Historiker urteilen so: Wer Sandberger zum Sprechen bringe, öffne die letzte Tür zum Schattenreich des SS-Staats. In seinem Standardwerk "Die Generation des Unbedingten" beschreibt der Zeitgeschichtler Michael Wildt den Einserjuristen Sandberger als Paradebeispiel des elitären, akademisch vorgebildeten Typs von Tätern, die im Auftrag des Reichssicherheitshauptamts systematischen Massenmord im Osten organisierten - als Speerspitzen des Genozids: "Sie waren nicht die Rädchen einer anonymen Vernichtungsmaschinerie, sondern sie haben die Konzepte entworfen, die Apparate konstruiert und selbst bedient, die den millionenfachen Mord möglich machten." Unter den Führern der Sonderkommandos aus Himmlers Mordapparat ist Sandberger der letzte lebende.


Stalingrad

  • "Es war furchtbar zu sehen, wie wertlos ein Menschenleben geworden war. Ich hätte verrückt werden können. All das Sterben. Es fiel da nicht leicht, Hoffnung zu bewahren", erinnert er sich. Und erzählt dann doch davon, wie er das Leben gesehen hat. Inmitten all der Trümmer. Besser: inmitten eines Erdlochs. "Genosse Arzt", redet ihn da ein Rotarmist an. Ein junger Kerl, mit dreckverschmiertem Gesicht unter dem runden Stahlhelm. "Genosse, draußen, im Niemandsland, liegt eine Verwundete, schreit um Hilfe." Als es dunkel ist, ziehen Moisenko und der Soldat los. Sie brauchen lange. Jedes Mal, wenn eine Leuchtrakete in den Himmel zischt, drücken sie sich fest auf den Boden. Meter für Meter geht es so. Die Frau liegt in einem Erdloch und schreit schon nicht mehr. Moisenko sieht ihre blauen Lippen. Er kann nicht einmal mehr ihr Herz hören. Aber dafür das des Kindes. Die Wehen beginnen. Mitten in dieser eisigen Nacht entbinden sie. "Als das Kind da war, geschrien hat, da kam die Mutter wieder zu Bewusstsein. Das ist für mich ein Wunder", sagt der alte Mann heute.
Stalingrad-Veteran in der Ukraine - Vergessener Held aus der Eisgrube - Aus Lemberg berichtet Till Mayer (01.01.2012)
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