1972
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- 30. Januar 1972 - Es demonstrieren im nordirischen Derry Tausende Menschen für Bürgerrechte. Was als friedlicher Protest beginnt, endet in einem Blutbad. Es ging um ein Gesetz der britischen Regierung, "Internment without Trial". Es bedeutete nichts anderes, als dass in Nordirland Menschen durch die britische Armee ohne Verfahren inhaftiert werden durften, wenn man sie paramilitärischen Kräften wie der IRA zurechnete. Derry wollte seinen Unmut zeigen über das Gesetz, das man hier als Willkür empfand. Und wir wollten dagegen demonstrieren, dass Märsche gegen dieses Gesetz verboten worden waren.
- 21. April 1972 - Die Ärzte aber — das wenigstens muß man jetzt aus ihren hysterischen Gegenreaktionen schließen — wollen unantastbar bleiben; „Halbgötter in Weiß", so scheint es, ist ihnen nicht genug — mindestens Dreiviertelgötter wollen sie sein, Herren über Leben, Tod und Honorare. _ Wie sonst ist es zu erklären, daß ihre Funktionäre die (nicht nur vorn Spiegel kommende) Kritik als „konzentriertes Feuer" zurückweisen, das „auf die Ärzteschaft eröffnet worden ist", als „Kesseltreiben", „Rufmord" der „Journaille", als „totale Kriegserklärung mit dem Ziel, die Ärzte zu entmachten"? Weit entfernt davon, irgendwelche Mißstände auch nur zuzugeben, sehen sie nur für sich selber „Gefahr im Verzüge", und der Vorstand der „Aktionsgemeinschaft der deutschen Ärzte", einer vor zwölf Jahren gegründeten „Kampforganisation", ruft die Ärzte zu einem „Kampf" auf, in dem „alle Mittel zur Abwehr" der „antiärztlichen Propagandahetze" eingesetzt werden sollen. In dem Aufruf heißt es, die „angebliche Reformbedürftigkeit" unseres Gesundheitswesens sei von „Propagandisten ,linken Fortschritts' künstlich erzeugt" worden und diesen „Aposteln eines marxistisch orientierten Gesundheitswesens" gehe es nur um die Verwirklichung ihrer „revolutionären Ideologien"; da ist von „altbekannten Demagogenrezepten" die Rede, von „manipulierten Tricks", von „Diffamieren", „Verleugnen", „Verleumden" und immer wieder von „Propagandahetze".
- 05. Juni 1972 - Gekränkte Diva: Beim 75. Deutschen Ärztetag auf Sylt kam es zu Tumulten. Delegierte kritisierten die selbstherrlichen Auftritte der Standesfunktionäre.
- Die Herren am weißgedeckten Vorstandstisch blickten betreten starr geradeaus -- vom Rednerpult in der Saalecke schaute ihnen ungewohnte Kritik entgegen: "So nicht!'
- 26. August bis 11. September 1972 - XX. Olympische Sommerspiele in München
- Rentenreformgesetz RRG 1972 - Öffnung der Rentenversicherung für Selbständige und Hausfrauen sowie Einführung der flexiblen Altersgrenze
- 05. September 1972 - Geiselnahme von München: Acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ nehmen elf Athleten des Israelischen Teams als Geiseln und fordern die Freilassung von 232 Palästinensern. Die Geiselnahme endet mit einer gescheiterten Geiselbefreiung auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck, bei der alle Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizist sterben.
- 20. September 1972 - Willy Brandt stellt im Bundestag die Vertrauensfrage.
- 19. November 1972 - Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD): Stimmen 17.175.169 - Prozent: 45,8 - Mandate: 230 und damit erstmals stärkste Bundestagsfraktion - Bundestagswahl 1972 nach der Vertrauensfrage im September
- 14. Dezember 1972 - Willy Brandt wird vom Deutschen Bundestag ein zweites Mal zum Bundeskanzler gewählt.
Zitate
- Dutzende von sozialen Berechtigungsscheinen liegen am Tresen der Krankenkassen aus oder werden mit freundlichen Grüßen portofrei ins Haus geschickt. Doch erst wenn der Kassenarzt sie ausgefüllt und unterschrieben hat, sind sie etwas wert. Zwar sind die Krankenkassen laut Gesetz verpflichtet. die Milliardenbeiträge ihrer Mitglieder ausschließlich zu deren Wohlergehen zu verwenden. Doch ohne Jawort des Kassenarztes dürfen sie den Patienten keinen Pfennig bewilligen.
- Denn das Monopol über die gesamte ambulante ärztliche Versorgung der sozialversicherten Bevölkerung -- das sind 90 Prozent aller Bundesbürger vorn Neugeborenen bis zum Greis -- hat der Gesetzgeber den Kassenärzten zugestanden. Sie haben es ihm vor fast 60 Jahren durch massive Streikdrohung abgetrotzt, seitdem zäh verteidigt und immer fester betoniert.
- "Arzt-Sein ist in Wahrheit ein Priesteramt."
- Das Geschäft mit der Krankheit - Ärztliche Versorgung in dei Bundesrepublik / 2. Teil: Der niedergelassene Arzt (SPIEGEL 13.3.1972)
- "Wir Kassenärzte", sagt einer von ihnen, "sind Könige." Durchdrungen von elitärem Selbstverständnis, verwaltet der westdeutsche Kassenarzt sein Monopol und gewährt all jene sozialen und medizinischen Leistungen, auf die der Kassenpatient ein teuer erkauftes Anrecht hat. Mängel im System werden von den Standesvertretern verschleiert oder bagatellisiert: ärztliche Notdienste sind unterbesetzt; die Ärzte drücken sich davor, wo sie können. Auf dem Lande, aber auch in Mittelstädten und in den Randzonen der Großstädte herrscht Ärztemangel.
- Auf Sylt war es stürmisch. Aber die Ärzte, die sich in Westerland zum 75. Deutschen Ärztetag trafen, hatten sich darauf eingestellt. Professor Dr. Fromm, der Präsident der Bundesärztekammer, meinte schon in seinem Grußwort: „Vielleicht ist es ein wenige symbolisch, daß wiruns im Jahre 1972 in einem Ort versammeln, in dem ein rauher Wind wehen kann und an den die Wellen zeitweise gewaltig anbranden. Ähnlich könnte man die gesundheitspolitische Situation der deutschen Ärzte in diesem Jahr charakterisieren. Unser Schiff, schwimmt auf bewegter See und wird von Böen aus verschiedenen Richtungen geschüttelt." (Bericht in der ZEIT damals)
- Einigkeit der Ärzteschaft zu demonstrieren, ihre Solidarität mit der „Aktion Freiheit für Arzt und Patient", ihr Einverständnis mit deren Kampf gegen die als „Diffamierung" aufgefaßte Pressekritik. Aber gerade hier kamen sehr heftige Böen auf, und zwar nicht von Seiten der Presse, sondern aus den eigenen Reihen. Schon vor Beginn der Versammlung hatte der Marburger Bund den auch von uns (ZEIT Nr. 16 vom 21. April) scharf kritisierten „Aufruf zum Handeln" wie überhaupt „die Art der ersten Gegenreaktion für übereilt und schädlich" erklärt. Jetzt sprach sich eine Gruppe junger niedergelassener Ärzte und Assistenzärzte ebenfalls gegen den Aufruf aus, mit der Begründung, er lasse es an Sachlichkeit und Objektivität fehlen. Zugleich wandte diese Gruppe sich dagegen, in Journalisten grundsätzlich Gegner der Ärzteschaft zu sehen.
- Nach einer Änderung in der Reichsversicherungsordnung finanzierten die Krankenkassen Anfang der 70er Jahre erstmals die Kosten von Krankheitsfrüherkennungsuntersuchungen in Arztpraxen. Das Konzept von Hellbrügge und Mitarbeitern für eine Serie von Untersuchungen bei Kindern vom 10. Lebenstag bis zum vollendeten 4. Lebensjahr setzte sich damals durch. Die Mütter waren schnell überzeugt, berichtete der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Dr. med. Wolfram Hartmann, dieser Tage: Nach drei Jahren lag die Inanspruchnahme schon bei circa 75 Prozent. (Juli 2011)
