DMP Disease-Management-Programm

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Disease-Management-Programm ist ein Begriff, der auf Wurzeln im anglo-amerikanischen Bereich hinweist, wo Versicherer spezielle Behandlungsprogramme und damit Richtlinien für definierte Krankheitsbilder aufstellten. Deutschland adaptierte dies für seine gesetzliche Sozialversicherung GKV.

Illustration Dr. Renate Lott, Berlin - Süddeutsche Zeitung 06. Dezember 2010
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Illustration Dr. Renate Lott, Berlin - Süddeutsche Zeitung 06. Dezember 2010

Inhaltsverzeichnis

Begriffserklärungen

Definition DMP

  • Eine klare und eindeutig abgrenzende Definition für den Begriff Disease Management findet sich weder in Gesetzestexten noch in der internationalen Literatur. Vielfach wird unter dieser Bezeichnung ein sehr heterogenes Spektrum an Instrumenten zusammengefasst. In der Regel liegen DMP gemeinsame Komponenten zugrunde wie evidenzbasierte Leitlinien, Informationssysteme, Patientenschulungen und Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Ziel ist die Steuerung der Behandlung und Betreuung von Patienten mit definierten Gesundheitsstörungen über professionelle, institutionelle und sektorspezifische Grenzen hinweg. DMP fokussieren idealer Weise nicht auf einzelne Krankheitsepisoden, sondern betrachten ganze Lebensphasen, die von Gesundheitsstörungen geprägt werden, und umfassen sämtliche Maßnahmen der Betreuung und Behandlung, aber auch Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation. Vermutlich können durch solche Programme die Versorgungsqualität verbessert und eventuell auch die Kosten verringert werden. (im Gutachten 2003 des Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen)


Nach KBV-Glossar

Disease Management bezeichnet die Behandlung von Patienten anhand standardisierter Vorgaben. Diese richten sich an einzelnen Krankheitsbildern aus. Wird beispielsweise festgestellt, dass ein Patient an Diabetes leidet, ergeben sich aus der Diagnose vorgegebene Behandlungsschritte. Bei DMP spielen die individuellen Probleme des Patienten eine untergeordnete Rolle. In die öffentliche Diskussion geraten ist es mit der Änderung der Ausgleichszahlungen (RSA) unter den Krankenkassen. Um chronisch Kranke zu attraktiven Versicherten zu machen, hat der Bundestag per Gesetz beschlossen, dass die Krankenkassen für sieben Volkskrankheiten DMP-s auflegen:
  • Diabetes,
  • Erkrankungen der Herzgefäße,
  • Herzinsuffizienz,
  • Asthma,
  • Schlaganfall,
  • Bluthochdruck und
  • Brustkrebs.
Die Mehrzahl wurde mittlerweile realisiert. An den Anforderungen an die Programme arbeiten die Kassenärzte mit. Schreiben sich die Patienten in die Programme ein, erhält die entsprechende Krankenkasse mehr Geld aus dem Ausgleichstopf.

DMP in der Praxis

Übersicht Stand Juni 2011
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Übersicht Stand Juni 2011
Wer in welche DMPs eingeschrieben ist, lässt sich am Statusergänzungsfeld ablesen. Das Statusergänzungsfeld wird auf allen Kassen-Formularen oberhalb des Ausstellungsdatums ausgedruckt.

Dabei gilt:

1 = West

4 = Sozialhilfeempfänger (§264 SGB V)

6 = BVG Bundesversorgungsgesetz (KTAB=2)

7 = SVA zwischenstaatliches Krankenversicherungsrecht (Abrechnung n. Aufwand)

8 = SVA zwischenstaatliches Krankenversicherungsrecht (Abrechnung pauschal)

9 = Ost


A = DMP Brustkrebs - West

C = DMP Brustkrebs - Ost


D = DMP Asthma bronchiale - West

F = DMP Asthma bronchiale - Ost


E = DMP Diabetes mellitus Typ 1 - West

N = DMP Diabetes mellitus Typ 1 - Ost


K = DMP Koronare Herzkrankheit - West

L = DMP Koronare Herzkrankheit - Ost


M = DMP Diabetes mellitus Typ 2 - West

X = DMP Diabetes mellitus Typ 2 - Ost


S = DMP COPD - West

P = DMP COPD - Ost


Der Datenschutz hat gegen das Ausdrucken dieser Kennzeichen auf Medikamenten-Rezepten, Taxi-Scheinen, Krankmeldungen usw. keine Einwände.

Dabei ist es denkbar, dass eine Brustkrebs-Patientin ihre Krankheit dem Arbeitgeber verschweigen will. Wird sie allerdings (z.B. wegen Schnupfen) krankgeschrieben, erfährt der Arbeitgeber durch das Statusergänzungsfeld dennoch von der Grunderkrankung. Das Gleiche gilt für den Taxi-Fahrer, den Apotheker usw.

Presseartikel

  • Zeitungsartikel 6.12.2010 - Süddeutsche Zeitung: Warum belohnt das System dieses Durchschleusen von Patienten im Fünf-Minuten-Takt, warum eine so unpersönliche symptombezogene Apparatemedizin? Und warum bestraft es die ganzheitliche, zuwendungsintensive Medizin und ursachenorientierte, vorbeugende Behandlung, die wir hier machen?', fragt Doktor Lott.
Die Lotts haben auf allen Ebenen für bessere Bedingungen gekämpft. Sie haben in diesem Land, in dem es mehr Krankenkassen-Angestellte gibt als Ärzte, Pressekonferenzen gemacht, sich in der Kassenärztlichen Vereinigung verkämpft, Unterschriften gesammelt und an Ulla Schmidt geschickt.
Doktor Lott findet es sehr beschämend und demotivierend, dass es ihm und seiner Frau nach einem Vierteljahrhundert Hausarztpraxis nicht gelungen ist, für Rahmenbedingungen zu sorgen, die dem Hausarzt und seinen Patienten eine Perspektive bieten. Dass er dem Sohn eine Praxis übergeben muss, die als reine Kassenarztpraxis ein Zuschussunternehmen ist, falls der Sohn nicht anfängt, die Ökonomie über das Berufsethos zu stellen und nur noch gesunde Patienten zu übernehmen. "Wenn man chronisch Kranke als wirtschaftliches Objekt betrachtet, kann man sie in Programme stecken, in ein DMP zum Beispiel - ein Disease Management- Program. Dann muss man, in der Zeit, in der man eigentlich mit dem Patienten sprechen sollte, ein Formblatt mit 46 Fragen ausfüllen, die Werte dokumentieren und bekommt einen Euro dazu."
Renate Lott hat eine kleine Zeichnung gemacht (siehe oben), die sie "Der Patient als betriebswirtschaftliches Objekt" nennt. Ein nackter Mensch mit traurigen Augen. Pfeile, die auf die Körperteile zeigen, an denen noch Geld zu verdienen wäre: DMP-Asthma, DMP-Kreislauf-Herz, DMP-Diabetes mellitus, dazu Gesundheits-Check-up, Krebsvorsorge und Hautkrebsscreening. Auf den Kopf des Patienten zeigen "Igel"-Pfeile. Die stehen für: individuelle Gesundheitsleistungen, die der Patient selber bezahlt, Wellnessangebote, Fitness, solche Sachen.
Rechts unten hat Renate Lott einen großen Äskulapstab gemalt mit Schlange. Die Schlange weint.
"Zuwendungsintensive Medizin, ursachenorientierte und vorbeugende Behandlung wird bestraft, unpersönliche Fließbandarbeit wird belohnt. Und die medizinische Versorgung alter Patienten, die die Praxis nicht mehr selbständig aufsuchen können, bricht zusammen."
Bleiben Sie bloß gesund - Wer heute noch Hausarzt wird, muss sich folgende Frage stellen: Bin ich nur idealistisch oder schon dumm? Eine Reise zu Doktor Lott, zu Minister Rösler und durch Berge von Papier - in einem kranken System in Deutschland. Von Evelyn Roll

Zielsetzung - Sicht der Experten

  • Disease Management Programme für ausgewählte "Volkskrankheiten" bilden ab 2002 eine wichtige Basis für weitere Qualitätsverbesserungen in der Patientenversorgung, insbesondere bei der Versorgung chronisch kranker Menschen. Krankenkassen, die derartige Programme für ihre Versicherten anbieten, erhalten über den Risikostrukturausgleich einen Ausgleich. Damit wird erstmals berücksichtigt, dass Krankenkassen, die sich gezielt um eine Verbesserung der Versorgung ihrer chronisch Kranken bemühen, keine finanziellen Nachteile haben, sondern im Vergleich zum Status Quo deutlich besser gestellt werden. (nach Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung, Gesprächskreis Arbeit und Soziales, „Mittel- und langfristige Gestaltung des deutschen Gesundheitswesens“ am 05. Dezember 2001 in Berlin, Prof. Dr. Gerd Glaeske, Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach, Prof. Dr. Dr. hc. Bert Rürup, Prof. Dr. Jürgen Wasem)


KBV zu DMP

Vielfalt der Verträge - Vortragsdia 2003
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Vielfalt der Verträge - Vortragsdia 2003
  • Eineinhalb Jahre nach dem In-Kraft-Treten des GKV-Modernisierungsgesetzes bezeichnet die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Bilanz der flexiblen Vertragsformen als ernüchternd. „Die Disease-Management-Programme haben sich als bürokratische Monster entpuppt, und die meisten der 600 Verträge zur Integrierten Versorgung folgen dem Prinzip ,quick and dirty‘, weil es hauptsächlich um den schnellen Vertrag und die Anschubfinanzierung geht“, sagt Dr. med. Andreas Köhler. Der KBV-Vorsitzende sieht bei den rund 130 000 Vertragsärzten derzeit eine Renaissance des Kollektivvertrages, weil dessen Vorteile – eine flächendeckende, wohnortnahe und einheitliche Versorgung – wieder stärker ins Bewusstsein rückten. Diese Entwicklung will die KBV nutzen – und die Krankenkassen zugleich zwingen, Farbe zu bekennen. Das Mittel zum Zweck: differenzierte Zusatzverträge auf der Basis von Kollektivverträgen. (Juli 2005)

Zitate

  • Hoffnung für chronisch Kranke: Schon bald soll es bessere Behandlungsprogramme geben. Das hat Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) jetzt versprochen. So sollen Kassen mit vielen teuren und chronisch Kranken zusätzlich Geld von Kassen mit wenig Kranken bekommen. Als Folge dürften Ersatzkassen und AOK entlastet, die Betriebskrankenkassen belastet werden. Bereits 2002 könnten so nach Schätzungen von Experten 700 Millionen Mark, später dann zwei Milliarden Mark (1,02 Milliarden Euro) zwischen den Kassen umverteilt werden. Dies soll die Kassen veranlassen, sich gezielt um Kranke zu kümmern. Mittel- bis langfristig sollen die Programme auch Kosten senken. (nach SPIEGEL-online 30.7.2001)
  • Aus einem Interview mit einem AOK-Geschäftsführer zu den Zielen eines DMP-Programms: Warum bietet die AOK diese Programme an? Antwort: Ziel ist, die Gesundheitsvorsorge chronisch kranker Versicherter qualitativ zu verbessern und die Wirtschaftlichkeit der Versorgung zu erhöhen. Das hilft dem Patienten, gesünder zu bleiben und der AOK langfristig Krankheitskosten einzusparen. Die AOK möchte mit diesen Programmen die Versorgung und die Lebensqualität chronisch kranker Menschen gemeinsam mit den Ärzten verbessern.
  • Artikel aus "Dienst für Gesellschaftspolitik" (Zeitschrift!) 10/02 7.3.2002: Die DMP werden derzeit ausgiebig diskutiert, immer mehr Kritik wird laut. Besonders bei Verknüpfung von DMP und RSA sollen unkalkulierbare Risiken auftreten. Chef einer der größten Industriekassen BKK: Die Verknüpfung von DMP und RSA führt zu unkalkulierbaren finanzwirtschaftlichen Risiken. Dr.rer.nat.Alfred Jensen (52) will mit dem Papier die Diskussion im System anregen und Fehlsteuerungen vermeiden helfen. Wenn Wissenschaftler manchmal wüssten, was sie mit ihren Vorschlägen anrichten!? Vor allem der Kölner Gesundheitsökonom Prof. Dr. med. Karl Lauterbach, jetzt in den Medien viel gepriesener, neu ernannter Berater von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Er scheint mit seinem Steckenpferd DMP den Flop des Jahrhunderts gelandet zu haben. Zumindest wenn man seinen immer mehr zunehmenden Kritikern glaubt. Eines erreichte Lauterbach zumindest: Nach der Legislative beschäftigt sich jetzt die Exekutive des Gesundheitswesens mit DMP. In diesen Tagen z.B. Vorstand und Länderausschuss der KBV. In den Krankenkassen wird gerechnet und geplant und zunehmend mit dem Kopf geschüttelt (zuletzt TK-Chef Prof. Dr. rer. oec. Norbert Klusen: Es droht ein finanzielles Desaster ersten Ranges, in Dienst für Gesellschaftspolitik, dfg, 09-02.S3f.
  • Ersatzkassen streiten um Kriterien für den Finanzausgleich unter den Krankenkassen / TK sieht viele Fehlanreize - Zwischen 1995 und 2004 sei das Ausgleichsvolumen von neun auf 15 Milliarden Euro gestiegen. Manche Kassen müßten mehr als 20 Prozent ihrer Einnahmen in den RSA abführen. Das Transfervolumen steige weiter, obgleich die Beitragsunterschiede kleiner geworden seien. "Falsche Anreize" setzte die Verknüpfung zwischen DMP und RSA. "Kranke Menschen werden vorrangig deshalb zur Einschreibung in DMPs gedrängt, um möglichst hohe Subventionen aus dem RSA beanspruchen zu können." Die "gigantische Bürokratisierung" durch Einschreibe- und Prüfprozeduren überlaste das Arzt-Patienten-Verhältnis. (Ärztezeitung 2005/07/20)
  • Die neuen PartnerKBV und Patientenvertretung – meinen übereinstimmend, dass die Disease-Management-Programme nicht ökonomisch orientiert sein dürften. Da eine solche Gefahr bei der Federführung durch die Krankenkassen gesehen wird, scheint die Kooperation von Ärzten und Patientenvertretern logisch. Gleichwohl ist diese Allianz nicht exklusiv angelegt. Nachtigäller will auch mit den Krankenkassen ins Gespräch kommen. Er ist beispielsweise der Meinung, dass DMP-s zudem für wenig häufig auftretende Krankheiten entwickelt werden müssten. Auch die KBV sieht die Notwendigkeit, sich mit den Spitzenverbänden der Krankenkassen nicht nur über Rahmenvereinbarungen zu verständigen. Wenn die Regelversorgung auch nach der Einführung von DMP-s reibungslos funktionieren soll, sind noch einige wichtige Fragen zu klären. Eine davon betrifft die Abgrenzung der Programme für chronisch Kranke von der Behandlung akuter Krankheiten bei der Finanzierung der ambulanten Versorgung.
  • Besondere Versorgungsformen (Koalitionsvertrag der neuen Regierung 11.11.2005): In der integrierten Versorgung soll die Anschubfinanzierung über das Jahr 2006 hinaus bis zum 1. Januar 2008 verlängert werden. Ziel der integrierten Versorgung muss es sein, Fach- oder Sektorengrenzen zu überwinden, Versorgungsqualität zu erhöhen, Transparenz bei Angebot und Wirkung herzustellen sowie bevölkerungsbezogene Flächendeckung zu erreichen. Um den Verwaltungsaufwand bei Disease-Management-Programmen (DMP) zu reduzieren und Multimorbidität zu berücksichtigen, ist die Schaffung eines einheitlichen Rahmens für alle Programme erforderlich. Dabei soll die Möglichkeit geprüft werden, alle gesetzlichen Krankenkassen zur Durchführung der DMP nach einem einheitlichen Qualitätsstandard zu verpflichten und somit auf Einzelzertifizierung zu verzichten. Die Verknüpfung mit dem Risikostrukturausgleich ist mit der Entscheidung über einen weiterentwickelten Ausgleich neu zu gestalten.
  • Der Hausarzt Dr. Andreas Gammel aus Mössingen (Baden-Württemberg) war eigentlich guten Willens, sahen er und seine Kollegen das DMP Diabetes doch als Fortsetzung des bewährten südwürttembergischen Diabetes-Strukturvertrags an. Doch inzwischen hat er immer wieder Mahnungen von Kassen erhalten, angeblich weil er für DMP-Patienten keine Folgedokumentation erstellt hat - was aber nachweislich der Fall gewesen ist. Als "Skandal" bezeichnet es Gammel, daß nach seiner Einschätzung ein Drittel der Doku-Bögen "im Nirwana" verschwindet. Seinen Frust haben er und acht Kollegen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt schriftlich mitgeteilt: "Wir fordern Sie auf, entweder die ständigen Pannen beim Diabetes DMP auszumerzen oder das DMP in dieser Form zu beenden."
  • Mir liegt ein Brief von Herrn Dietsche vom 10.10.2006 vor, in dem er an Sie schreibt: „Lieber Achim, wie in Haigerloch besprochen habe ich in den vergangenen Wochen weitere Gespräche mit Dr. Christopher Hermann geführt, um auch im Rahmen des Hausärztevertrages eine zusätzliche Förderung von DMP-Einschreibungen zu erreichen. Heute morgen haben wir uns darauf geeinigt, dass die AOK ab dem 4. Quartal für Praxen, die 30 oder mehr DMP-Einschreibungen haben, eine Pauschale von 500 Euro ausschüttet.“ (Baumgärtner an Hoffmann-Goldmayer in einem "offenen Brief" vom 13.11.2006)
  • Doch – wer die Geschichte der DMP´s kennt, die auch aus dem Diabetes-Vertrag der AOK mit der KV-Südwürttemberg hervorgingen und in deren edv-technische und kollegiale Umsetzung auch der Autor involviert war, wusste, dass hier für ärztliche Leistung, gesicherte evidenzbasierte und leitliniengerechte Patientenversorgung ordentliches Honorar bezahlt wurde. Natürlich, es mussten Schulungen absolviert werden für sich selbst, Mitarbeiter und Patienten, die Medikation musste angepasst werden und letztendlich ein anfangs völlig überladenes DMP-Dokument erstellt und versandt werden. Dann verschwanden zahlreiche Dokumentationen im Datenfriedhof, Patienten wurden gestrichen und mussten neu eingeschrieben werden. Dies war sicher einer der wichtigsten DMP-Ablehnungsgründe. Schlussendlich wurden diese Aktionen jedoch auch vergütet, und hätten wir die Vernetzung wie heute, wären sicher noch mehr Kollegen in den Genuss von Direktzahlungen der AOK gekommen, wie sie z. B. das ÄRT bekommen hat. Die Formulare sind gründlich überarbeitet, lassen sich bequem per EDV ausfüllen, mit Online-Fehlerkorrektur. Wichtige Werte werden direkt übernommen, und alles wird gespeichert und abgerechnet. Der Versand mittels GUS-Box, Diskette oder CD inkl. Versandformularen ist ein Knopfdruck. Fragen Sie Softwareleute! Es gibt keinen Grund mehr, sich dieses sichere Honorar in € entgehen zu lassen. Hier ist die Forderung nach Cash direkt erfüllt, der Aufwand ist klein, und selbst die Überwachung übernimmt die EDV. Auch nach 2008 werden die DMP`s nicht aussterben, da Krankenkassen ihre gut versorgten Diabetiker, KHK-Patienten, Mamma-Patientinnnen und Atemwegschroniker nicht aus der Betreuung lassen werden. D.h. auch in Zukunft fließt gerechtes Honorar. 30 € pro Einschreibung, 28 € für die Betreuung ist für manchen Hausarzt schon mehr als die halbe Miete. Sie brauchen nicht mühsam zu IGELN, nein, alles ist erbrachte Leistung, nur braucht die ein bisschen Format. Warum verschenken Sie gerechtes Honorar? (Vorstandsmitglied des GNSued Dr. Nübel "im dialog" (Zeitschrift des GNSued im September 2007)
  • Medi beendet DMP-Moratorium bei Südwest-AOK - Der Medi-Verbund hat seine Mitglieder aufgerufen, das Moratorium zu Disease-Management-Programmen (DMP) bei AOK-Versicherten in Baden-Württemberg abzublasen. Neben den Vorbereitungen für einen kollektiven Ausstieg aus dem KV- System steht MEDI Baden-Württemberg derzeit in Verhandlungen mit der Landes-AOK bezüglich einer zusätzlichen und besseren Vergütungen durch Verträge nach §§ 73 b und 73 c SGB V. „Wir gehen davon aus, dass wir mit einer Mehrheit der Kassen solche Verträge abschließen werden, damit wäre das Thema DMP erledigt, weil diese Verträge eine zusätzliche Vergütung für DMP enthalten werden“, erklärt der MEDI Vorsitzende Dr. Werner Baumgärtner in seinem aktuellen Rundschreiben an die Mitglieder im Südwesten.
  • Eines der Kernanliegen von Managed Care ist eine deutlich stärkere Einbindung und Steuerung des Patienten in seine Versorgung und Vorsorge. Dabei werden die drei wesentlichen Steuerungsinstrumente Anreize, Sanktion und Bereitstellung von Strukturen eingesetzt. Obwohl in den USA mittlerweile weitgehend wieder eingestellt, sind so genannte Gatekeeper-Modelle eines der bekanntesten Managed Care-Instrumente. Der Gedanke ist ausgesprochen einfach und einleuchtend, allerdings alles andere als neu. Der Versicherte muss sich, wie beispielsweise in den Niederlanden auch, bei einem Hausarzt anmelden und dieser fungiert als Schleusenwärter. Das Gesundheitswesen wird mit einer „Eingangstür“ versehen. (Amelung, V. /Meyer-Lutterloh, K. /Schmid, E. /Seiler, R. /Weatherly J. Integrierte Versorgung und Medizinische Versorgungszentren - Von der Idee zur Umsetzung - Schriftenreihe des Bundesverbandes Managed Care (BMC)
  • Disease Management ist ein systematischer Behandlungsansatz, der für chronisch Kranke eine kontinuierliche und qualitativ hochwertige Versorgung nach dem neuesten Standard der Wissenschaft organisiert. Während in der Routineversorgung auch in Deutschland weniger als die Hälfte der chronisch Kranken nach diesem Standard versorgt werden, können durch Disease Management Programme Werte von mehr als 80 % evidenzbasiert versorgter Patienten erreicht werden. Dies ist möglich, indem eingeschriebene Patienten, die Krankenkasse und die behandelnden Ärzte einen Vertrag schließen, der vorsieht, dass der wissenschaftlich gesicherte Standard das Ziel der Versorgung ist. Dieser Standard wird Ärzten und Patienten in geeigneter Form vorgelegt, z.B. durch Leitlinien und leicht verständliches und didaktisch hochwertiges Informationsmaterial. Der wissenschaftlich gesicherte Standard ist Gegenstand der Fortbildungen der teilnehmenden Ärzte und spezieller Schulungen der Patienten.
Die Krankenkassen helfen aktiv bei der Verbesserung der Mitarbeit des Patienten, indem sie z.B. den Patienten an wichtige Untersuchungen oder Eigenaktivitäten erinnern, Raucherentwöhnungsprogramme anbieten oder weitergehende unabhängige Informationen zu seiner Krankheit anbieten. Durch die Einschreibung der Patienten in Disease Management Programme wird ermöglicht, dass die Versorgung chronisch Kranker sich stärker auf die Ärzte und Einrichtungen konzentriert, die ausreichendes Erfahrungswissen verfügen und die bereit sind, sich einer solchen Behandlungsphilosophie anzuschließen. Disease Management ist ein ideales Instrument, Über-, Unter- und Fehlversorgung der Versorgung chronisch Kranker in Deutschland abzubauen.
Dies führt im medizinischen Bereich zu verbesserten Outcomes und im ökonomischen Bereich zur Kostenstabilisierung, da:
Die Verknüpfung der Programme mit dem Risikostrukturausgleich (RSA) bereits kurzfristig eine wirtschaftliche Entlastung derjenigen Krankenkassen mit sich bringt, die einen hohen Anteil an chronisch Kranken in ihrem Patientengut aufweisen. Die Einführung einer evidenzbasierten Therapie zur Vermeidung bzw. Verringerung von Komplikationen und Komorbiditäten führt. Dadurch werden die Krankenkassen langfristig wirtschaftlich entlastet, da die Krankenhausaufenthalte in der Summe und Länge verkürzt werden. Zusätzlich werden diejenigen Krankenkassen, die viele Diabetiker einschreiben, durch den Risikostrukturausgleich entlastet, da ihr von Krankenkassen mit überwiegend gesunden Versicherten Gelder zufließen. (Karl Lauterbach Gutachten DMP für Ersatzkassen)
  • Rundschreiben MEDI-Baden-Württemberg 6.11.2007: Das DMP-Moratorium mit der AOK ist beendet. Der neue Maximalbetrag bei 30 und mehr "eingeschriebenen" Patienten im Quartal (Vertrag nach § 140 SGB V, der später durch Vertrag nach § 73 ff. abgelöst werden soll) ist im ersten Quartal 850 €uro , im Folgequartal brauchen sie 50 DMP-Patienten, um auf diesen Betrag zu kommen und dann im 3.ten Quartal bereits 70 Patienten, um auf 850 €uro zu kommen. (Vergütung zusätzlich zum KV-Honorar über Hausärztliche Vertragsgemeinschaft)
  • Studie des IGES-Instituts (Berlin) im Auftrag der Techniker Krankenkasse: Die Hauptkritik läuft darauf hinaus, dass in der gegenwärtigen Verknüpfung von Disease-Management und Mittelzuflüssen aus dem Risikostrukturausgleich für die Kassen massive Anreize vorhanden sind, möglichst viele Patienten in die DMP einzuschleusen und dafür sind die Kassen auch bereit, den niedergelassenen Ärzten vergleichsweise hohe Honorare zu zahlen. Unter diesen Bedingungen schätzt IGES, dass die DMP für die geplanten vier Indikationen zwischen 3 und 4 Mrd. € an zusätzlichen Kosten verursachen werden, die für Anreizsysteme und Bürokratie verwendet werden müssen.

Kritik

Chronisch an der Leitlinie lang?
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Chronisch an der Leitlinie lang?

Arzt in Niedersachsen

  • DMPs und Leitlinien haben als betriebswirtschaftliche Steuerungsinstrumente mit unserem ärztlichen Beruf und dem professionellen Ansatz von Ärzten für ihre Patienten grundsätzlich nichts zu tun. Wir Ärzte arbeiten als Experten individualisiert, uns konsultiert und beauftragt der einzelne Patient. Nur ihm gegenüber sind wir verantwortlich. Wir verwalten seine Krankheiten nicht, da dies keinem Menschen nützt. Wir schlagen den Kranken nicht über standardisierte Leisten, wir schneiden nicht mit der Heckenschere. Wir koordinieren unsere persönlich verantwortete Arbeit selbstverständlich professionell mit den entsprechenden Fachkollegen in Klinik und Praxis.
Die Bundeswehr hingegen, Gefängnisverwaltungen beispielsweise und Krankenkassen kennen die Interessen und das Schicksal des einzelnen Kranken nicht und verwalten die Belange großer Kollektive, am Ende gar den "Volkskörper". Hier ist das Einzelschicksal ein im statistischen Rauschen untergehendes Faktum dritter Ordnung. Management setzt hier erfolgreich an, so werden Tagesbefehle, Kampagnen, Heeresdienstvorschriften und Leitlinien abgefaßt, deren Tauglichkeit sich am Endergebnis mißt. Dass derartige Institutionen - wie wegen mangelhafter Einzelergebnisse zuvor schon die produzierende Industrie - Fehlerkultur, Prozessqualität und weiteren bürokratischen Popanz aufbauen müssen, ist für uns ärztliche Fachleute durchaus einleuchtend.
Ordnungspolitisch haben wir Ärzten immerhin Phasen erlebt, in denen - dem Gedanken von Gewaltenteilung bzw. einer Balance of Powers entsprechend - die beiden oben geschilderten komplementären Ansätze sich in einem konstruktiven Dialog auf gleichwertiger Ebene miteinander verständigen mußten, miteinander um Kompromisse und die Weiterentwicklung gesellschaftlich sinnvoller Lösungen ringen konnten.
Ein derart institutionalisierter Prozeß bzw. Mechanismus von balancierter politischer Kultur ist seit Lahnstein, durch Horst Seehofer und durch Ulla Schmidt/ Franz Knieps/ Karl Lauterbach e.a. konsequent außer Kraft gesetzt und schließlich zerstört worden. Man hat stattdessen dirigistische Einflußnahme, marktökonomische Elemente und planwirtschaftliche Absichten etabliert. Mit der Folge, dass uns Ärzte heute keinerlei Verantwortung an dem entstandenen Chaos und Versagen mehr trifft!
Wer also - als nichtärztliche Person - DMPs und Leitlinien favorisiert, ist für die Ärzteschaft bezüglich seiner Rolle, seiner Bewertung ärztlicher Arbeit und seiner ideologischen Position eindeutig verortet. Das kann uns niemand als "rein funktionell gemeint" verkaufen, aktives Propagieren solcher Instrumente verrät Absicht und Ziel.
"Teure Doppeluntersuchungen", "mangelnde sektorielle Verzahnung", "Ineffizienz durch Medienbrüche", "Qualitätsmanagement", "IT-Offensive" usf.: alles argumentatives Neusprech aus dem Propaganda-Arsenal derjenigen, die uns die gesamte Medizin aus der Hand reißen und zur industrialisierten, renditeträchtigen "Wertschöpfungskette" integrieren wollen! (Dr. Axel Brunngraber, Hannover)


Augenarzt in Nordrhein-Westfalen

  • Lieber Kollege, jeden Tag kommen schätzungsweise zwischen 5 und 10 DMP-"Diabetiker", (wobei bei so manchem dieser DMP-Teilnehmer der Diabetes nur darin besteht, dass sie im Programm eingetragen sind), um "pflichtgemäß" die jährliche Vorsorge-Fundoskopie durchführen zu lassen. Als IGeL kostet eine derartige Untersuchung, die auch von vielen Nichtdiabetikern gerne in Anspruch genommen wird, 28.- Euro, einige BKKen zahlen im Rahmen eines Selektivvertrages (den der BVA immerhin dankenswerterweise abgeschlossen hat) 20.- Euro. Bei den übrigen GKV-Versicherten In Nordrhein sieht die Sache nunmehr so aus:
  1. Bei Einführung des DMP Diabetes hat man festgelegt, dass die Patienten turnusmäßig eine augenärztliche Untersuchung nachweisen müssen, sonst bekommt der Hausarzt/Diabetologe kein extra Geld aus dem DMP.
  2. Die Augenärzte sollen die Untersuchungen machen, bekommen aber für die Mehrarbeit aus dem DMP kein Geld, sondern werden aus dem gedeckelten Fachgruppentopf vergütet.
  3. Das RLV Augenärzte liegt bei 16 -18 Euro, was z. T. nicht einmal die Ordinationsgebühr abbildet.
  4. Dies hat zur Folge, dass, wenn die Fundusuntersuchung nicht als IGeL erfolgt, der Arzt jedesmal auf ca. 28.- Euro verzichtet (die paar Eurofuffzig zum abgesenkten Punktwert von 0,6 ct. lassen wir mal außen vor).
  5. Nun ist überhaupt nicht einzusehen, weshalb jemand, nur weil er im DMP-Programm ist u. evtl. tatsächlich Diabetiker ist, eine Leistung, für die jeder andere Patient als Vorsorgeuntersuchung 28.- Euro zahlen muss, gratis erhalten sollte, schließlich handelt es sich ja (in aller Regel) um eine reine Vorsorgeleistung.
  6. Es ist auch nicht einzusehen, warum eine Leistung erbracht werden soll, die im DMP gefordert wird, aber - wenn es um die Bezahlung geht - nach § 87b SGB V als Leistungsausweitung der Praxen gilt und somit unerwünscht ist. Schließlich ist auch nicht nachvollziehbar, warum Patienten, die nicht bereit sind, die Kasse zu wechseln, gratis behandelt werden sollen.
  7. In Nordrhein sieht lt. Stellungnahme von Herrn Bertram (Berufsverband Augenärzte) die Sache so aus, dass der BVA mit der KV und den Kassen einen "Deal" gemacht hat, der den Augenärzten sage und schreibe 5.- Euro für das Ausfüllen des Diabetikerbogens einbringt, die eigentliche Untersuchung aber soll gratis erbracht werden. Eine Teilnahme am DMP sei nicht durchsetzbar.
  8. Eine offizielle Stellungnahme zum Diabetikerscreening ist der BVA bis heute schuldig geblieben, wer den Deal eigentlich gutgeheißen hat, ist ebenfalls unbekannt.
  9. Herr Wollring meinte bei der letzten BVA-Sitzung in Düsseldorf, die paar Diabetiker machten den Kohl nicht fett (was allenfalls für die operativ tätigen Kollegen gelten dürfte).
  10. Fazit: für die konservativ tätigen Augenärzte ist der BVA ein Auslaufmodell, er wird uns nicht retten, erst recht wird er keine angemessene Vergütung durch die Reform der GOÄ für uns erwirken.
PS: Ambulante Katarakt-OPs werden zwar in Selektivverträgen gut bezahlt, wenn die Budgets aber überschritten sind, erfolgt die Abrechnung nach EBM. Aus welchem Topf erfolgt eigentlich die Vergütung dieser Leistungen? Es würde mich nicht wundern, wenn diese unter Vorwegabzug aus der Gesamtvergütung bezahlt würden.


10 Jahre DMP

  • DMP-Nutzen: Rätselraten zum Zehnjährigen - Disease-Management-Programme sind eine Erfolgsgeschichte, wenn man die Beteiligung zählt. Doch über ihren Nutzen für Patienten und die Effizienz lässt sich auch nach zehn Jahren kaum etwas sagen. Das ist das Ergebnis der Fachtagung "Zehn Jahre DMP", die in Berlin stattfand. Knapp sechs Millionen Menschen werden in DMP versorgt. Etliche nehmen an mehreren der über 11 000 Programme teil. "Die hohe Teilnehmerzahl ist Bedingung für den Erfolg der DMP", sagte der Präsident des Bundesversicherungsamtes (BVA) Dr. Maximilian Gaßner. Im Rahmen des Versorgungsstrukturgesetzes ist geplant, dass künftig die Richtlinienkompetenz für DMP vom Bundesgesundheitsministerium auf den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) übergeht.

Links

  • Die 'Deutsche Gesellschaft für Disease Management e.V.' wurde 2003 gegründet. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Informations- und Gedankenaustausch sowie die Erforschung der wissenschaftlichen Grundlagen des Disease-Managements zu fördern, an einer Intensivierung des internationalen Austauschs und der Zusammenarbeit mitzuwirken sowie eine Plattform für Kommunikation und Kooperation zu bieten.«
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