Dr. Stein

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Frankenstein or The Modern Prometheus
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Frankenstein or The Modern Prometheus

"Dr. Stein" ist die literarische Marke für Beiträge des Hannoveraner Arztes [Christian Scholber] im [Hippokranet]-Ärzteforum. Hier sind einige Beiträge mit seinem Einverständnis dokumentiert.

  • Dr. Frank N. Stein ...könnte natürlich auch mit Frankenstein assoziiert werden ... Frankenstein oder Der moderne Prometheus (Original: Frankenstein or The Modern Prometheus) ist ein Roman von Mary Shelley, der 1818 erstmals anonym veröffentlicht wurde. Er erzählt die Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein, der an der damals berühmten Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft.


Inhaltsverzeichnis

Internet, Obstschalen und Mineralwasser: ein Montagmorgen im MVZ

8.00

Pünktlich öffnet das MVZ der Zentral Krankenkasse (ZK) seine Pforten. Für die allgemeinmedizinische Abteilung stehen 7 bestellte und 15 unbestellte Patienten (davon drei Schüler mit „Durchfall“ – heute wird eine Klassenarbeit geschrieben) am Empfang. Von den drei Allgemeinmedizinern ist heute einer ganztags bei der Fortbildung: „Integrierte Versorgung – die Chance für die Zukunft“.


8.10

Zwei der 7 bestellten Patienten haben ihre Konsultation erhalten, die nächsten zwei bestellten Patienten sind pünktlich an der Reihe. Inzwischen sind weitere drei unbestellte Patienten eingetroffen, darunter der Privatpatient Ludwig B., der um 9 Uhr einen wichtigen Geschäftstermin im Nachbarstadtteil hat und die ZK-versicherte Rentnerin Ludmilla V.


8.20

Bei einem der bestellten Patienten ging es fix, der andere ist weinend im Sprechzimmer zusammengebrochen, es scheint noch etwas zu dauern. Der nächste Terminpatient wird pünktlich in das Sprechzimmer gerufen.


8.30

Beide Sprechzimmer sind wieder leer, die nächsten beiden bestellten Patienten werden aufgerufen, einer pünktlich, der andere mit zehn Minuten Wartezeit. Der Privatpatient B. erscheint an der Anmeldung und beschwert sich darüber, dass der Internetanschluss von drei Halbwüchsigen für Computerspiele belagert wird. Die verwirrte Rentnerin Else K. erscheint ohne Termin in der Praxis. Sie hat Fieber und hustet, sie war noch nie hier, ihre Versichertenkarte hat sie vergessen und auch die Krankenkasse fällt ihr nicht ein.


8.40

Die nächsten vier bestellten Patienten melden sich an und suchen die Wartelounge auf.

Der pensionierte Buchhalter Hubert K., der ohne Termin seit acht Uhr wartet, erscheint an der Anmeldung und weist darauf hin, dass die versprochene halbe Stunde Wartezeit nun um zehn Minuten überschritten sei. Da beide Ärzte gerade wieder frei sind, wird er zur Deeskalation in das Sprechzimmer gebeten, das andere wird pünktlich mit dem nächsten Terminpatienten besetzt.


8.50

Der Privatpatient B. verlässt laut schimpfend die Praxis, er könne nun nicht mehr warten, er habe einen Termin. Die nächsten beiden Terminpatienten kommen dran, einer mit zehn, der andere mit zwanzig Minuten Wartezeit. Die Schüler suchen im Internet nach Pornobildern, die fiebernde und verwirrte Else K. hat bei einem Hustenanfall unter sich gelassen, sie wird vor das Sprechzimmer gesetzt.


9.00

Else K. wird in das eine Sprechzimmer geführt, ein Terminpatient mit dreissig Minuten Wartezeit in das andere. In der Wartelounge befinden sich jetzt noch fünf bestellte und sechzehn unbestellte Patienten, 14 von diesen warten nun seit einer Stunde.


9.10

Mit Else K. scheint es noch etwas zu dauern, die Anamnese gestaltet sich schwierig, auch scheinen Antibiotikaallergien vorzuliegen, das Präparat ist nicht erinnerlich. Das frei gewordene Sprechzimmer wird mit einem nicht angemeldeten Patienten von 8 Uhr besetzt.


9.20

Else K. wird von einer Mitarbeiterin zur Röntgenpraxis im dritten Stock gebracht. Inzwischen wurden im anderen Sprechzimmer drei unangemeldete Patienten in zehn Minuten untersucht. Einer von ihnen fragt im Herausgehen, ob sich der Doktor immer so wenig Zeit nimmt. Vier weitere unangemeldete Patienten sind inzwischen erschienen, davon einer mit Verdacht auf Windpocken. Dieser darf nicht in die Wartelounge, sondern muss gleich in das Sprechzimmer. In das andere Sprechzimmer kommt ein Terminpatient mit vierzig Minuten Wartezeit, der Prokurist Alfred N., der sich lauthals über die Unpünktlichkeit beschwert. Er hat alle seine Vorbefunde und eine DinA4-Liste mit Beschwerden mitgebracht.


9.30

Ein Sprechzimmer ist frei und wird mit einem der nicht angemeldeten Patienten von 8 Uhr besetzt. Im anderen Sprechzimmer ist Prokurist N. inzwischen bei der Sigmadivertikulitis von 1986 angekommen. Er ist immer noch etwas verärgert über die Wartezeit, aber immerhin, der Doktor hört zu und nimmt sich Zeit.

Die ZK-Versicherte Ludmilla V. erscheint an der Anmeldung und weist darauf hin, dass sie schon 1 Stunde 20 Minuten wartet. Mit dem Internet kennt sie sich nicht aus, Mineralwasser will sie nicht. Sie wird gleich vor das Sprechzimmer gesetzt.


9.40

Der Prokurist N. wird sanft aus dem Sprechzimmer gedrängt. Ein Sprechzimmer wird mit der enttäuschten Ludmilla V. besetzt, das andere mit einem Terminpatienten mit dreissig Minuten Wartezeit. Inzwischen sind acht Patienten erschienen, die Wiederholungsrezepte brauchen. Einer der Ärzte unterbricht kurz die Sprechstunde, prüft Menge, Plausibilität, Rabattverträge, Zuzahlungen, Wechselwirkungen und Verordnungsdauer und unterschreibt.

In der Wartelounge warten zwölf unangemeldete Patienten seit 1 Stunde 40 Minuten, daher wird jetzt erst einmal daran weitergearbeitet.


9.50

Je drei unangemeldete Patienten konnte jeder Doktor in den letzten zehn Minuten untersuchen, darunter auch die Schüler mit Durchfall, so dass sich die Lage etwas entspannt hat und der Internetanschluss wieder frei ist. An der Anmeldung gibt es eine lautstarke Auseinandersetzung mit dem Patienten Z., der das Rabattmedikament der ZK nicht will. Ausserdem möchte er Hustentropfen aufs Kassenrezept haben. Zur Deeskalation holt ihn einer der Ärzte ins Sprechzimmer und erklärt ihm das Sozialgesetzbuch fünf. Der andere ruft einen Terminpatienten mit zwanzig Minuten Wartezeit auf.

Vier weitere Terminpatienten erscheinen, dazu unangemeldet die Privatpatienten Hugo R. und Eva-Maria H.-R.


10.00

Im Wartezimmer hat sich einer der Patienten von 8 Uhr übergeben, die Helferin wird gerufen. Im Wartezimmer stellt sie nebenbei fest, dass an der Obstschale Kaugummis kleben und dass eine Ladung Mineralwasser in der Tastatur des Internetrechners gelandet ist. Sie schafft den Patienten in das Badezimmer, im Herausgehen wird sie von den anderen Patienten auf die Wartezeit hingewiesen. Die Obstschale entsorgt sie hinterher.

Am Telefon ist der Pflegedienst von Frau Hildegard F., die am Freitag noch in Begleitung der Tochter das MVZ aufgesucht hatte. Es ginge ihr sehr schlecht, unbedingt müsse in den nächsten Stunden jemand vorbeikommen.


10.10

Der erbrechende Patient von 8 Uhr wird untersucht und bekommt die vorbereitete MCP-Injektion. Der andere Arzt nimmt einen Terminpatienten mit zwanzig Minuten Wartezeit dran. Dieser entpuppt sich als Kurgutachten, wurde wohl falsch notiert.

Die Privatpatientin Eva-Maria H.-R. erscheint an der Anmeldung und wundert sich über die lange Wartezeit.


10.20

Patienten fragen nach dem versprochenem Obst. Ausserdem ist das Mineralwasser schal geworden und Becher fehlen. Wegen des kaputten Internetrechners wird der Haustechniker gerufen.

Das Kurgutachten konnte straff abgehandelt werden, der andere Patient erbricht nicht mehr, beide Ärzte sind wieder frei. Einer wird von der Privatpatientin Eva-Maria H.-R. vor der Anmeldung in eine endlose Diskussion verwickelt, der andere vor der Toilette von der weinenden Tochter von Frau Anna B. abgefangen, bei deren Mutter letzte Woche ein Karzinom diagnostiziert wurde.

Ein weiterer unangemeldeter Patient von 8 Uhr wird aufgerufen, dazu ein Terminpatient mit zwanzig Minuten Wartezeit. Die nörgelnde Privatpatientin wird mit einem EKG und einer Lungenfunktionsprüfung bei Laune gehalten.


10.25

Nun muss etwas zügiger gearbeitet werden. Beide Konsultationen sind beendet, wobei eine von einer dringenden Rückfrage aus dem Glückaufkrankenhaus unterbrochen wurde.

Inzwischen sind drei weitere unangemeldete Patienten erschienen.

Die Ärzte behandeln die restlichen unangemeldeten Patienten von 8 Uhr und lassen die Terminpatienten auf Wartezeit hinweisen.


10.30

Inzwischen war der Haustechniker da, er wurde jedoch in der Wartelounge wegen der langen Wartezeiten beschimpft und hat sich erst einmal wieder zurückgezogen. Wegen seines weissen Kittels mit ZK-Emblem hatte man ihn wohl mit einem Arzt verwechselt.

Vier weitere Terminpatienten haben in der Lounge Platz genommen, wo langsam die Lederschwingsessel knapp werden.

Die Auszubildende ist zum Markt unterwegs, um frisches Obst zu holen.

Bei Frau Eva-Maria H.-R. hat das aus Verlegenheit durchgeführte EKG leider ein Vorhofflimmern gezeigt, das weitere Abklärung erfordert, sie wird in das Sprechzimmer geführt. Das andere Sprechzimmer wird mit einem Terminpatienten mit dreissig Minuten Wartezeit besetzt.

Inzwischen hat der Pflegedienst noch einmal wegen des Besuchs angerufen und gedroht, sich bei der Zentralkasse zu beschweren.

Die Helferinnen beginnen, die EDV-Warteliste mit den Patienten in der Lounge zu vergleichen. Dort ist die Stimmung inzwischen auf dem Siedepunkt angelangt…

Another day in paradise: ein Samstagmorgen im MVZ

An einem kalten Samstagmorgen im Dezember betritt Dr. Frank Stein seinen Arbeitsplatz, das MVZ der Zentralkrankenkasse (ZK). Obwohl es erst 7.30 Uhr ist, haben sich schon 10 Patienten in der Wartelounge der Allgemeinmedizin eingefunden.

Stein ist es etwas mulmig, denn er ist heute der einzige Allgemeinmediziner hier. Eigentlich sollten sie mindestens zu zweit arbeiten, aber der neue Kollege Vladi aus Kiew wurde schon nach vier Wochen von niederländischen Headhuntern abgeworben, Kollegin Rita Bleibtreu war letzte Woche ausgefallen - Mutterschutz - und auch die Halbtagsstelle von Karin Schulze (im Vorruhestand) war noch unbesetzt. Ausgerechnet an diesem Wochenende hatte man auch noch Dr. Laubach auf ein Wochenendseminar nach Berlin geschickt: “Rightcoding - auf dem Weg zu Transparenz und Wirtschaftlichkeit”. So muss Stein die Samstagsprechstunde alleine machen und am Sonntag auch noch den KV-Notdienst des MVZ abdecken.

Dr. Stein prüft zunächst zwanzig vorbestellte Rezepte, die nachher beim Einkaufsbummel abgeholt werden sollen. Fünf Bestellungen erfordern nachher eine kurze Rücksprache mit dem Patienten, vor allem versteht Stein nicht, was der achtzigjährige Hypertoniker Klaus M. mit einer 200 Gramm-Tube Neurodermitissalbe will und warum der kleine Erstklässler Erdogan T. Logopädie benötigt. Dann noch ein Rückruf in der Glückaufklinik, die detaillierte Informationen über die Patientin Ilse S. benötigt. Da Stein diese Patientin gar nicht kennt, muss er sich zunächst in die Krankenakte einarbeiten. Doch der Rückruf bleibt nach einer Viertelstunde hin-und herverbinden mit GEMA-freier Wartemusik erfolglos: der Klinikkollege hat einen Notfall, er ruft zurück.

7.50

Dr. Stein ruft Taddäus T. auf, den pensionierten Fahrkartenkontrolleur, der immer Samstags ins MVZ kommt und sich den Blutdruck messen lässt. Der ist in Ordnung, aber T. spricht den Doktor noch auf ein hartnäckiges Ohrgeräusch, wiederkehrende Krämpfe in beiden Unterschenkeln und immer wieder auftretende Nierenschmerzen an. Ausserdem sei er heute so kurzatmig. Stein untersucht ihn gründlich und ordnet ein EKG, einen Urinstatus und ein Ultraschall an, heute noch.

8.05

Im Nachbarsprechzimmer wartet schon Wilhelmine Z., Hausfrau aus dem feinen Stadtteil Schnöseldorf, die um 9 Uhr einen Kosmetiktermin im Haus gegenüber hat. Sie sei so verspannt, sie brauche mal wieder Massagen. Sie ist zum ersten mal im MVZ. Physiotherapien hat Stein im MVZ noch nie verschrieben, er ist angewiesen, die Patienten an die orthopädische Abteilung weiterzuleiten. Kurzer Anruf dort - Überfüllung, heute nicht mehr. Es folgt eine lange und unerfreuliche Diskussion, Wilhelmine Z. rauscht aus dem Sprechzimmer, verliert an der Anmeldung noch ein paar unfreundliche Worte über die mangelnde Hilfsbereitschaft und verlässt die Praxis türenschlagend.

8.20

Inzwischen steht die Floristin Olga K. an der Anmeldung. Seit das MVZ den letzten Hausarztsitz in ihrem Stadtteil aufgekauft hat, holt sie die Rezepte für ihre pflegebedürftige Mutter immer Samstags aus dem MVZ. Sie weist freundlich darauf hin, dass sie doch nur Rezepte brauche, nun warte sie doch schon 50 Minuten. Dr. Stein entgegnet, dass die Sprechstunde erst um acht Uhr begonnen hat, nimmt sie zur Deeskalation aber gleich mit in das Sprechzimmer. Bezüglich der bestellten Rezepte ergeben sich Unstimmigkeiten: werden wirklich drei verschiedene Betablocker eingenommen? Und warum immer Dienstags eine Tablette Marcumar? Stein bemüht sich um Aufklärung, erstellt einen Medikamentenplan und erklärt geduldig. Alles sehr tückisch, da er die Patientin noch nie gesehen hat und die letzten Befunde der Klinik aus dem Jahr 2007 stammen.

8.30

Von der Anmeldung dringt lautes Geschrei und stört Stein bei seinen Überlegungen. Der Rentner Rudi T. hat sich drohend aufgebaut, beschimpft lautstark die Arzthelferin und schlägt dabei rhythmisch mit dem Hochglanzprospekt “MVZ - auch Samstags auf” auf den Anmeldetresen. Man hatte ihn in der Apotheke darauf hingewiesen, dass das Rezept schlampig ausgestellt sei: vor dem Medikament fehle ein Kreuz. Er wollte dem Doktor Gelegenheit geben, diese Schlamperei in Ordnung zu bringen, und jetzt muss er schon eine Stunde warten! Der freiwillig ZK-versicherte Manager Wilfried F. kommt irritiert umherblickend aus dem Sprechzimmer, in dem er auf Dr. Stein gewartet hat. Er ist unangemeldet zum “grossen Checkup” erschienen, da sein Tennispartner gestern abend abgesagt hat. Nun hat er endlich Zeit für den Doktor.

Stein schliesst das Gespräch mit Olga K. schnell ab, unterschreibt die Rezepte, druckt den Verordnungsplan und komplimentiert die Tochter mit sanftem Druck aus dem Sprechzimmer. Er schnappt sich den völlig aufgelösten Rentner, der inzwischen mit hochrotem Kopf um Luft ringt, und bringt ihn in das Sprechzimmer. Den Manager F. bittet er um etwas Geduld, er solle bitte in dem anderen Sprechzimmer warten.

Durch den Lärm ist der Obdachlose Ernst C. aufgewacht, der sich gleich frühmorgens zum Obstfrühstück in die Wartelounge geschlichen hatte und dann in dem komfortablen Lederschwingsessel eingeschlafen war. C. geht zur Toilette und macht sich danach wieder über die Obstschale her.

8.40

Stein hat dem Rentner Rudi T. das Sozialgesetzbuch V, das Wirtschaftlichkeitsgebot, die Rabattverträge, die Richtgrössen und die wechselnde Bedeutung des aut idem - Kreuzes erklärt. T. schimpft jetzt auf die Regierung, die Apotheke und die Krankenkassen, insgesamt scheint er sich etwas beruhigt zu haben.

Inzwischen ist die Arzthelferin endlich dazu gekommen, das EKG bei Taddäus T. zu schreiben. Es fällt ihr eine Unregelmässigkeit auf, ausserdem beträgt der Blutdruck jetzt 210/110.

Sie informiert Stein, der sich ins EKG begibt und Rudi T. um etwas Geduld bittet.

8.45

Dr. Stein hat das EKG befundet und mit einem Vorbefund verglichen, die Veränderung ist harmlos. Er beruhigt den Patienten und verabreicht Nifedipin. Blutdruckkontrolle in zehn Minuten, danach steht ja auch noch das Sono aus.

Er schliesst das Gespräch mit Rudi T. ab und bietet ihm an, die Rabattmedikamente mit den alten Medikamenten zu vergleichen, wenn T. in der Apotheke war.

8.50

Stein wechselt in das andere Sprechzimmer, trifft dort den Manager F. jedoch nicht an: der wird auf der Toilette sein, denkt er sich, und ruft so lange schon einmal den Schüler Maik auf, der gestern nicht in der Schule war und Montag deshalb eine Bescheinigung abgeben muss. Das wird ja wohl schnell gehen.

Mittendrin wird er von der Helferin gerufen: im Wartezimmer gebe es Streit, Stein müsse einschreiten. Schweren Herzens schreibt er dem minderjährigen Schüler die Schulschwänzbescheinigung und erspart sich die Diskussion um die Attestgebühr. Soll der MVZ-Betreiber doch sehen...

8.55

In der Wartelounge hat der Manager F. inzwischen den Hauptmann i.R. Klaus-Dieter M. gewaltsam vom Internet-PC vertrieben, um eine Beschwerde-email an die 24-Stunden-Hotline seiner ZK zu schreiben. Klaus-Dieter M. kommt immer Samstags in das MVZ, um ungestört von seiner Frau in der Internet-Kontaktbörse “Herz an Herz” zu stöbern. Die Privatpatienten Anna-Sophie L. und Patric S., die in der Zwischenzeit zur Grippeimpfung in die Praxis gekommen waren, beobachten die Szene verständnislos. Der Obdachlose Ernst C. ist wieder eingeschlafen, auf seiner Hose prangt deutlich ein feuchter Fleck.

Dr. Stein bittet den Manager F. wieder in das Sprechzimmer und entschuldigt sich bei Hauptmann M., der aber jetzt nicht mehr im MVZ bleiben will.

9.05

Stein hat dem versteinert blickenden Manager F. die Gründe für die Wartezeit dargelegt, trifft aber nicht auf Verständnis. F. schildert seine Anliegen, die er in einem lederbezogenen Ringbuch aufgelistet hat. Er wird von mehreren Handytelefonaten mit der Haushälterin und dem Squashpartner unterbrochen. Dr. Stein erklärt F., warum eine unangemeldete Routineblutentnahme am Samstagvormittag nicht möglich ist. Das gewünschte Sonogramm würde er gerne durchführen. F. brummelt etwas von Kundenunfreundlichkeit und mangelnder Flexibilität und verlangt zum Ausgleich ein EKG und zwei weitere Stempel in das Bonusheftchen.

Um die Diskussion abzukürzen, bringt Stein den kritischen Kunden gleich hinüber zur Sonographiekabine. Leider muss er feststellen, das auf der Sonoliege bereits Taddäus T. liegt, der in Erwartung seiner Untersuchung fest eingeschlafen ist. Dr. Stein bittet F., kurz vor der Kabine zu warten, weckt T. und beginnt mit der Untersuchung.

9.15

Die Untersuchung ist abgeschlossen, der Patient entlassen, der Manager F. kann sonographiert werden.

9.25

Eine kleine Nierenzyste links, alles in Ordnung. F. sieht weiteren Gesprächsbedarf, auch über orthomolekulare Ernährung, “wo ich schon mal hier bin”. Stein bittet ihn noch einmal in die Wartelounge, dies bringt ihm einen verachtungsvollen Seitenblick des Patienten ein.

An der Anmeldung liegen dreissig weitere angeforderte Rezepte. Zehn Abholer warten in der Lounge, in der es inzwischen eng wird. Ach ja, es ist Dezember und die Zuzahlungsbefreiungen laufen ab. Stein wird die Rezepte besonders kritisch prüfen, den Ärger mit der Controllingabteilung will er nicht noch einmal riskieren. Er zieht sich mit den Rezepten in das Sprechzimmer zurück.

9.35

Dr. Stein bringt die unterschriebenen Rezepte an die Anmeldung. Zwei muss er selbst aushändigen, damit die Quartalspauschale ausgelöst wird. In der Wartelounge kassiert er einen giftigen Blick von Manager F., der gerade mit der Hotline telefoniert. Dem Obdachlosen Ernst C. wird es zu unruhig, auch ist mit der Obstschüssel nichts mehr los, er verlässt die Lounge. Die Privatpatienten L. und S. blicken Dr. Stein erwartungsvoll an, er nimmt das sympathische Pärchen gleich mit in das Sprechzimmer. An der Anmeldung wird er fröhlich von der zehnköpfigen Familie T. begrüsst, die mit riesigen Einkaufstüten bewaffnet ist. Sie wollen das bestellte Logopädierezept für den kleinen Erdogan abholen. Weil die Lounge keine weiteren zehn Wartenden mehr verkraftet, lässt er Stühle in das zweite Sprechzimmer bringen und bittet um Geduld.

9.45

Die Privatpatienten Anna-Sophie L. Und Patric S. sind nun gegen Grippe geimpft und haben da nur noch mal eine kurze Frage: sie haben gestern eine Last-Minute-Reise in den Kongo gebucht, ob da irgendwas zu bedenken sei? Am Mittwoch soll es losgehen.

Während Stein die Beratungssoftware “Pest und Cholera 2008" startet, tritt die Arzthelferin ein und bittet Stein dringend an die Anmeldung.

Dort stehen zwei Herren, die sich als Mitarbeiter des Gesundheitsamtes vorstellen. Eine Patientin des MVZ, Wilhelmine Z., habe im gegenüberliegenden Kosmetikinstitut heftig erbrochen und sei in das Krankenhaus eingeliefert worden. Sie habe berichtet, im MVZ Weintrauben aus einer Obstschüssel gegessen zu haben. Man wolle das Ganze einmal in Augenschein nehmen.

Die Helferin schafft die Obstschüssel herbei. In einem undefinierbaren Sud dümpeln einzelne Weintrauben um einen angebissenen Apfel, deutlich sind fettige Fingerabdrücke am Schüsselrand zu sehen. Ernst C. hat ganze Arbeit geleistet. Die Kontrolleure beschlagnahmen die Schüssel und kündigen eine mikrobiologische Untersuchung an.

10.20

Die Beratung für die Last-Minute Kongoreise ist geschafft. Dr. Stein wendet sich der Familie T. im Nachbarsprechzimmer zu, die nicht mehr ganz so freundlich wirkt. Warum der kleine Erdogan Ergotherapie brauche? Lehrerin gesagt, weil nicht gut deutsch, Doktor aufschreiben musse. Stein resigniert, er vereinbart für Erdogan einen Termin beim MVZ-Neurologen und komplimentiert die Familie hinaus.

An der Anmeldung wartet ungeduldig der arbeitslose Gebäudereiniger Thomas H. Er warte jetzt schon seit halb acht, er benötigt eigentlich gestern schon eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für das Jobcenter und hat es während der Woche nicht geschafft, einen Arzt aufzusuchen. Wegen der nächtlichen Liveübertragungen der Billiard-WM konnte er nicht so früh aufstehen. Jetzt muss er dringend weiter zu einer Verabredung. Stein kann jetzt keinen weiteren Ärger gebrauchen, er bittet H., im Sprechzimmer noch einen Moment zu warten.

10.40

In eisiger Atmosphäre hat Stein den Manager F. Im zweiten Sprechzimmer über Orthomolekularernährung, den ZK-Premium-Hausarztvertrag und über einen fünfseitigen Ausdruck einer Website zum Thema Stress beraten. Was denn nun mit dem versprochenen EKG sei, fragt der Patient spitz.

10.45

Dr. Stein hat das EKG veranlasst, den arbeitslosen Gebäudereiniger H. bis zum Sanktnimmerleinstag krankgeschrieben und hat noch einmal versucht, das Glückaufkrankenhaus wegen der dringenden Rückfrage zu erreichen, ist aber über die Warteschleife (“Kleine Nachtmusik” im Synthisound) nicht hinausgekommen.

Inzwischen sind zehn weitere unangemeldete Patienten eingetroffen, zum Teil mit grossen Einkaufstüten bepackt. Fünf weitere Patienten hat die HNO-Abteilung geschickt. Der dort diensthabenden Praxismanagerin Hiltrud K. war in der EDV aufgefallen, dass diese Patienten in diesem Quartal noch keine Allgemeinmedizinpauschale ausgelöst haben und sie will nicht schon wieder Ärger mit der Controllingabteilung riskieren.

12.45

Dr. Stein hat in schnellem Wechsel zwischen den Sprechzimmern zwanzig weitere Patienten behandelt, vierzig Rezepte geprüft und unterschrieben. Nur noch fünf Patienten sind in der Wartelounge. Jetzt wäre es Zeit für eine Tasse Kaffee. Stein geht erwartungsvoll an die Anmeldung und schaut der Helferin mit einem unwiderstehlichen Dackelblick in die Augen. Der Rentner Rudi K. betritt die Szene, bewaffnet mit einer prall gefüllten Plastiktüte, auf der das Logo der Mc.Pille-24 Stunden-Apotheke prangt. Er beginnt, auf dem Anmeldungstresen Gebirge von Tablettenschachteln aufzubauen. “Herr Doktor, Sie hatten doch heute morgen gesagt...”. Jetzt setzt die Helferin ihren Dackelblick auf und Stein hilft dem Patienten, die Medikamentenberge in das Sprechzimmer zu schaffen.

Ein weiterer Patient aus der Wartelounge betritt die Anmeldung und fragt nach der versprochenen Obstschüssel.

13.05

Das Sortieren der Medikamente schreitet gut voran. Etwas Kopfzerbrechen bereitet Stein das gleichzeitige Vorhandensein einer Schachtel Crovo 20 mg und Pennalapril 20 mg - beide noch ungeöffnet. Beide mit dem gleichen Wirkstoff, Crovo vom MVZ nie verschrieben. Rabattmedikament wäre Enahexhex 20 mg gewesen. Probleme bereitet auch noch die offenbar gleichzeitige Einnahme von HCTkratio, HCT Schladerer und HCTmärz. Aber der Blutdruck ist immerhin gut. Stein erstellt einen Einnahmeplan, markiert die Packungen mit Zahlen (gleiche Zahl = gleicher Wirkstoff) und verabschiedet den Rentner.

An der Anmeldung ist inzwischen der Pensionär Paul K. eingetroffen, der eine 200 Gramm-Tube einer Neurodermitissalbe bestellt hatte. Diese Salbe bekomme sein Enkel, auch ihm habe sie gut geholfen, wenn er vom Rasieren Pickel bekommen habe. Es entwickelt sich eine fünfminutige Diskussion, in der schwere Geschütze aufgefahren werden: Stalingrad, die Kriegsgefangenschaft, der Wiederaufbau. Stein resigniert und lässt einen Termin in der MVZ-Dermatologie vereinbaren. Der unzufriedene K. wird den Terminzettel später im Mülleimer des benachbarten Schnellrestaurants “Mordsee” entsorgen und niemals zu dem Termin erscheinen.

13.40

Das Wartezimmer ist leer, der Feierabend naht (14 Uhr). Dr. Stein geht zur Anmeldung. Ob wohl noch ein Tässchen Kaffee...? Weitere fünf Patienten betreten die Anmeldung, darunter die privatversicherte Klavierkünstlerin Marie Z.-K., die gestern abend in der Sendung “Viehsite” über die Gefahren des zu spät diagnostizierten Karpaltunnelsyndroms informiert wurde und sich nun sehr ängstigt sowie die Patientin Heidelind J., die sich gestern einen Ausdruck ihrer Laborbefunde geholt hat und einige Ausrufezeichen vor den Messwerten entdeckt hat. Und das, obwohl ihr telefonisch versichert wurde, dass alles in Ordnung sei. Nun ist sie misstrauisch und sieht erheblichen Erklärungsbedarf.

Gleichzeitig ruft das Glückaufkrankenhaus an: warum Dr. Stein nicht zurückgerufen habe. Man brauche wichtige Informationen. Und die 24 Stunden-Hotline der ZK bittet um Rückruf: ein Patient habe sich über mangelnde Flexibilität im MVZ beschwert.

13.50

Die Nachbarin der verwirrten Rentnerin Else K.ruft an. Else K. war vor zwei Wochen mit einer Bronchopneumonie im MVZ gestrandet und in die Klinik eingeliefert worden. Vor zehn Minuten wurde sie mit einem Liegendtransport nach Hause entlassen. Nun braucht sie dringend Rezepte, auch die häusliche Pflege muss noch organisiert werden.

Else K. lebt in einer Einzimmerwohnung im zwölften Stock im Plattenbaustadtteil Kaninchenberg, etwa zehn Kilometer vom MVZ entfernt. Bitte bei Frau Schulz im siebzehnten Stock klingeln, die hat den Schlüssel und ist noch bis 15 Uhr da. Es muss unbedingt noch jemand kommen, Else K. habe auch noch so eine seltsame Nadel im Arm und am Gesäss ein eiterndes Geschwür. Angehörige habe sie keine.

Dr. Stein lehnt sich in seinem ergonomischen Hydraulikstuhl zurück, legt die Füsse auf den Designschreibtisch und schliesst die Augen...

Neues aus dem MVZ: die neuen Leiden des Dr. Stein

„Beep!“ tönt es unheilvoll aus der Workstation. Ein Popup-Fenster öffnet sich: „Meinten Sie: Diabetes in der Schwangerschaft? Diabetes mit Amputation des rechten Beines? Diabetes mit Retinopathie“. Dr. Frank Stein schliesst das Fenster mit der Escape-Taste und ruft sich den letzten Entlassungsbericht des Glückaufkrankenhauses auf den Bildschirm. „Einen kleinen Moment bitte“, sagt er zu seinem Patienten, während er die genauen Diagnosen auf einem Zettel notiert.

Klaus F. lächelt ihn an: „Kein Problem, mein PC spinnt auch öfters“. Der smarte Mittfünfziger war heute morgen in das MVZ der Zentralkrankenkasse (ZK) gekommen, um seinen Impfschutz überprüfen zu lassen. Er sieht Dr. Stein heute zum ersten Mal und ist froh, so schnell an die Reihe gekommen zu sein, obwohl er als gestresster Aussendienstler keinen Termin vereinbaren konnte.

„Beep!“, das Fenster öffnet sich erneut. Stein verschlüsselt: „Diabetes ohne Komplikationen, Typ II, nicht insulinpflichtig“ und drückt die Returntaste. Mit einem „Beep!“ meldet sich das Popup-Fenster erneut: „Bitte codieren Sie Begleiterkrankungen“. Stein ist entnervt – die gleiche Prozedur noch einmal. Im Entlassungsbericht findet sich noch ein essentieller Hypertonus ohne Komplikationen.

Nun endlich das Rezeptformular. Der Tetanusimpfschutz ist abgelaufen, seit Kündigung der Impfverträge durch die Zentralkrankenkasse (ZK) muss der Impfstoff individuell verordnet werden.

„Beep!“ Auf dem Rezept erscheinen automatisch Metformin rabattopharm 850 mg und HCT Schladerer 12,5. Stein reibt sich verlegen das Kinn und versucht, die Präparate vom Rezept zu löschen. Ein weiteres Popup-Fenster öffnet sich: „Die Löschung dieser Verschreibung gefährdet Mittel aus dem Morbi-RSA. Wenn Sie wirklich löschen wollen, geben Sie Ihre PIN ein“. Stein nestelt in den Kitteltaschen herum, irgendwo muss doch der Zettel mit der PIN sein…

Klaus F. beginnt, nervös auf seinem Stuhl hin-und herzurutschen. Weiss dieser Doktor wirklich, was er tut? Das MVZ war ja neulich in die Schlagzeilen der Lokalpresse geraten, weil hier offenbar verdorbenes Obst Patienten gefährdet hatte. Und ein stadtbekannter Manager hatte eine Leserzuschrift an die „Ungemeine“ geschrieben, wegen der Zustände hier.

Dr. Stein hat währenddessen ganz andere Probleme. Seit Installation der neuen Software „WinMorbi 2.0“ läuft hier einiges unrund. Natürlich kann er verstehen, dass die korrekte Codierung der Diagnose und die Verschreibung mindestens eines Medikamentes pro RSA-Diagnose für seinen Arbeitgeber wichtig ist. Aber nun wird es echt hinderlich. Stein füllt das Rezept mit dem Kugelschreiber aus, WinMorbi wird er später zähmen. Nur nicht noch einmal Stress mit Patienten, nur nicht eine weitere Beschwerde.

Er verabschiedet den Patienten und gönnt sich ein Glas MVZ-Mineralwasser, dazu einen dieser einzeln eingeschweissten Hartkekse, die neuerdings statt Obst im ZV-MVZ angeboten wurden. Nie wird er den letzten Mittwoch vergessen, an dem er zur Geschäftsleitung zitiert wurde und sich einer wahren Inquisition unterziehen musste: ein Pflegedienst hatte sich beschwert, weil er nicht gleich aus der Sprechstunde heraus zum Hausbesuch gekommen war, das Glückaufkrankenhaus darüber, dass er nicht umgehend zurückgerufen hätte. Ein etwas halbseidener, stadtbekannter Manager fühlte sich an seinem Samstagdienst im MVZ vernachlässigt und hatte die Hotline angerufen und – noch schlimmer – eine Leserzuschrift an das städtische Skandalblatt geschrieben.

Die „Ungemeine“ hatte recherchiert und war auf eine Patientin gestossen, die – ebenfalls in seinem Dienst – nach Genuss des MVZ-Obstes im Krankenhaus gelandet war. In der Obstschale hatte das Gesundheitsamt Escherichia catastrophii und Pseudomonas oscari mülltonnii gefunden und eine Geldstrafe von 20.000 Euro verhängt, die Dr. Stein als verantwortlichem Diensthabenden nun vertragsgemäss ratenweise vom Gehalt einbehalten wurde.

Und dann noch der Regress „sonstiger Schaden“ der Allgemeinen Verunsicherung (AV): Stein hatte für die Rentnerin Else K., die mit einem Decubitus und liegender Venenkanüle in ihre Einzimmerwohnung in der Plattenbausiedlung entlassen wurde, vor Ort 20 Kompressen 10 x 10 cm unsteril verschrieben, ohne die rechtfertigende Diagnose aufzuführen. Die Prüfstelle war sofort informiert worden, die Rechtsabteilung des MVZ war stinksauer. Und der Controller Carl Stromberg war ausser sich, weil Stein für den Hausbesuch eine Überstunde abgerechnet hatte. „Besuchen Sie häufiger gesetzlich versicherte Patienten nach der Sprechstunde, und wir sind bald pleite“, hatte er getobt.

Stein vertreibt die trüben Gedanken aus seinem Kopf . Er will lieber daran denken, dass er heute nicht alleine ist, denn Dr. Laubach ist ja wieder da. Und nächste Woche stossen zwei neue Kollegen dazu: die resolute Elena Rabatski, die nach 15 Jahren Kinderpause mit Fördergeldern der EU aus der Aktion „Ärztinnen zurück in den Beruf“ einen Neuanfang wagt und der feingliedrige Dr. Dr. Hubertus von der Langnase, der nach seinen Jahren an der Speziellen Lipidambulanz und in der Transplantationsmedizin der Hochschulklinik nun die Allgemeinmedizinausbildung im MVZ komplettieren will. Ruhigere Zeiten stehen bevor.

Stein ruft die nächste Patientin auf, die 47-jährige Elly Z. Sie arbeitete bis vor kurzem in einer Filiale des Discounters „Billy“ und ihr war wegen eines Fehlbestandes von Euro 1,30 in der Pfandgutkasse in der letzten Woche gekündigt worden – das Fernsehen hatte berichtet und hatte sogar eine Folge der Sendung „Durcheinanderschreien mit Anne“ diesem Thema gewidmet. Nun ist sie völlig verzweifelt und braucht professionelle Hilfe.

Aus der MVZ-Werbung weiss sie, dass man hier nur fünf Tage auf den Facharzttermin warten muss und sie braucht ja dringend psychologischen Beistand. Gut, dass sie als 400 Euro-Kraft bei der ZK mitversichert ist.

Stein greift zum Telefonhörer und ruft den MVZ-Psychologen an. Nein, dazu sei im MVZ erst eine nervenärztliche Vorstellung nötig, die leiten dann weiter. Also Anruf in der Neurologie/Psychiatrie: ein Termin innerhalb von fünf Tagen sei erforderlich. Die Helferin der Neurologie/Psychiatrie stellt gleich zu Dr. Freude durch, sie weiss dass er ein Studienkollege von Stein ist. Freude stellt klar: innerhalb von fünf Tagen ist ein sogenannter Akuttermin verfügbar. Für den sind nach dem letzten Gutachten der Beraterfirma Meier, Schmidt und Partner zwei Minuten ohne Wartezeit eingeplant. Dies im Stuhl-und Fensterlosen Kurzterminraum hinter dem Rezeptunterschriftpult. Neben den beiden Sprechzimmern, zwischen denen der Doktor immer pendelt.

Stein legt auf, zuckt resigniert die Schultern und geht unter den verwunderten Blicken der Patientin Elly Z. an die Anmeldung, um die „Gelben Seiten“ zu holen…

Dr. Stein und das Regelschankleistungsvolumen

Dr. Frank Stein hatte mitten in der ZK-MVZ-Spezialspätsprechstunde für gesunde Pubertierende einen Anruf seines Freundes Wilfried erhalten. Der war damals in die Fußstapfen der Eltern getreten und hatte das gut eingeführte Restaurant „Wilder Ochse“ im bürgerlichen Stadtteil Entenhagen übernommen. Jahrelang war es gut gelaufen. Nun aber hatte Wilfried ernste Probleme und er brauchte den Rat seines Freundes. Also sass Stein nun in der blitzsauberen Restaurantküche, wo ihm ein Glas Wein und ein Teller seiner Lieblingsspaghetti serviert wurde.

Der Gastwirt Wilfried Bacchus war verzweifelt. Seit das Bundesernährungsministerium das Modell der sozialen Gerechtigkeit für alle Gastwirtschaftsbetriebe verbindlich gemacht hatte, war nichts mehr wie zuvor. Fünfzehn Prozent des Einkommens wurden jedem Bürger jetzt monatlich von der Ernährungsagentur in den Gastrofond einbehalten. Dafür bekam er ein Plastikkärtchen, die Gastrocard, mit der er das Restaurant aufsuchen durfte. Damit konnte er, so oft er wollte, aus der Speisekarte bestellen.

Das wusste Stein, so ein Kärtchen hatte er auch bekommen. Aber Bacchus hatte Neuigkeiten: jedem Gastwirt war kürzlich ein sogenanntes Regelschankleistungsvolumen (RLV) zugeteilt worden, das – unabhängig von der Zahl der Gäste – den Höchstumsatz begrenzte, der von der Ernährungsagentur gezahlt wurde. Dabei wurde das RLV immer aus der Gästezahl des Vorjahresmonats errechnet. Auf der Speisekarte gab es keine Preise mehr, dafür hatte jeder Wirt ein kompliziertes 200 seitiges Regelwerk in der Küche liegen, den sogenannten Einheitlichen Bewirtungsmaßstab (EBM). Darin war festgelegt, dass ein Schnitzel inklusive Beilagen mit einem Euro und ein grosses Bier mit fünfzig Cent vergütet wird (aber nur, wenn es frisch gezapft war und vom Wirt persönlich an den Tisch gebracht wurde). Nach dem zwölfwöchigen Lehrgang „Asiatische Küche“ konnte er das RLV um 50 Cent pro Gast und Vierteljahr erweitern, musste dafür aber immer ein Sushi-Buffet bereithalten.

Die Tabelle plausibler Koch-und Zapfzeiten, die über dem Herd hing, begegnete dem unzulässigen gleichzeitigen Benutzen von mehreren Herdplatten oder Zapfhähnen. In jede Frikadelle und in jede zweite Currywurst musste ausserdem die lebenslange Wirtnummer (LWNR) und die Betriebsstättennummer (BSNR) eingebrannt werden. Auch waren Fortbildungen zur preiswerten Kundensättigung vorgeschrieben, 250 Fortbildungsgabeln mussten in fünf Jahren nachgewiesen werden.

Der Wirt seufzte, Stein schaute verlegen in Richtung des Schildes „Planerfüllung ist unser Stolz“ und wich so dem Blick des Freundes aus. Er stopfte sich noch eine Gabel Spaghetti in den Mund und trank einen grossen Schluck Wein.

Bacchus blickte besorgt auf die nagelneue, edelstahlblinkende und sündhaft teure Friteuse. Er hatte gehofft, durch privat verkaufte Pommes frites sein karges Einkommen aufbessern zu können, erzählte er, und hatte der Bank in zähen Verhandlungen einen weiteren Kredit abgerungen. Jetzt hatte die Ernährungsagentur Pommes frites für 30 Cent pro Portion in den EBM aufgenommen und der Wirt durfte sie nicht mehr privat verkaufen. Schlimmer noch: er musste einen zweitägigen Qualitäts-Frittierlehrgang absolvieren, um die Friteuse überhaupt noch benutzen zu dürfen. Nun dokumentierte ein Farblaserdrucker die Friteusentemperatur minutenaktuell.

Stein warf einen Blick auf den mattschwarzen Schwipson-Drucker, der gerade unter leisem Pfeifen ein buntbedrucktes Blatt ausspuckte, dabei registrierte er auch die winzige Webcam, die auf den chromblitzenden Herd gerichtet war.

Hinter vorgehaltener Hand würde in Gastronomenkreisen vom Schicksal des Gastwirtes Arno Räuberspiess gesprochen, erzählte Bacchus weiter: er hätte – kurz vor dem Konkurs stehend – nur noch Käsebrötchen und stilles Wasser auf der Karte gehabt. Gleichzeitig hätte er gegen Bezahlung Rumpsteak, Riesengarnelen in Knoblauch und Maltwhisky angeboten. Die Agentur war sofort eingeschritten und hatte ihm die Lizenz entzogen. Nun ging das Gerücht um, Räuberspiess verkaufe heimlich Bratwurst am Baggersee, den Grill habe er in einem Kinderwagen versteckt. Er plane, in Hanoi einen Schnellimbiss mit deutschen Wurstspezialitäten zu eröffnen, falls er eine Ausreiseerlaubnis erhält.

Auch andere Gastronomen kämpften um die Existenz, berichtete Bacchus. Viele ganz normale Restaurants hatten die Öffnungszeiten auf zwei Stunden täglich begrenzt und boten nur noch ein liebloses Billigbuffet an. Andere hatten kurz entschlossen die Hälfte der Tische aus dem Gastraum entfernt. Bei besonders spezialisierten Betrieben wie dem Fischrestaurant „Seequalle“ und dem Nordkoreaner „Schadhaftes Lächeln“ musste man inzwischen ein halbes Jahr vorbestellen. Der Schwarzhandel mit Tischreservierungen blühte, besonders vor den Feiertagen. Andere hätten einfach aufgegeben und ihre Lizenzen an den Grossversorger „Kentucky quält Chicken“ zu Schleuderpreisen verkauft.

Ob er, Stein, sich so etwas vorstellen könne und was für einen Rat er als Akademiker und guter Freund habe?

Dr. Stein blickte verlegen auf den hochglanzpolierten Kachelboden. Soviel Verzweiflung, so ein ungerechtes System. In welche Machenschaften war sein Freund da hineingeraten? Diese ganzen Skurrilitäten waren ihm bisher gar nicht bekannt, allerdings ging er auch nie in Restaurants, sondern liess sich gelegentlich von einer Versorgungskette eines dieser standardisierten Menüs gegen Vorlage der Gastrocard nach Hause liefern, so wie es vom Ernährungsministerium empfohlen wurde. Aus dem Prospekt, der jedes Mal mitgeliefert wurde, lächelten ihn immer glückliche Hühner, zufriedene Köche und wohlgenährte Kunden an. Als MVZ-Mitarbeiter erhielt er auch noch Punkte auf die Knautschlandcard gutgeschrieben, denn sein Arbeitgeber, die Zentralkrankenkasse, gehörte wie „Kentucky quält Chicken“ dem international operierenden Konzern „United health and food company“.

Er wusste nicht, was er seinem Freund Bacchus raten sollte. Solche Zustände waren ja in der Medizin gar nicht denkbar, niemals würden solche Zustände im Gesundheitswesen geduldet.

Stein griff nach der Flasche auf der Spüle, die mit dem Emblem der Ernährungsagentur verziert war (Weizenähre mit Sichel gekreuzt), und schenkte sich noch ein Glas „Pelzzüngiger Blauschädel“ ein…

Dr. Stein und die Kammer des Schreckens

Dr. Stein blickte den Patienten Alfred Schulz voller Mitleid an. So vital und eine Pflegebedürftigkeit vorprogrammiert – ein Jammer. Aber die Entscheidung von Wintriage 2010 war eindeutig: Mitte Siebzig, keine verwertbare Arbeitsleistung mehr, also keine neue Hüfte. Und am Ergebnis war nicht zu rütteln, schliesslich war die Software von der Bundesärztekammer (BÄK) entwickelt und zertifiziert worden.

Vor einem halben Jahr hatte das Volksgesundheitsministerium endlich dem Drängen des BÄKPräsidenten nachgegeben und hatte die Zuteilung der knappen finanziellen Mittel ganz in die Hände der Ärzte gelegt: seit April waren nun die Ärzte der Klinikkonzerne für das finanzielle Globalbudget zur Gesunderhaltung der Bürger verantwortlich und mussten priorisieren. Jetzt lief in der EDV verpflichtend immer Wintriage 2010 im Hintergrund, wenn nach Stecken der elektronischen Gesundheitskarte eine Leistungsanforderung oder ein Rezept an die Serverfarm übermittelt werden sollte.

Das Bankenstabilisierungsgesetz im Rahmen des Paktes für soziale Gerechtigkeit vom November 2009 hatte die Situation noch verschärft: zehn Prozent der Krankenkassenbeiträge wurden seitdem zur Stützung international operierender Banken eingesetzt. Nun gab es nach dem achtzigsten Geburtstag keinen Herzschrittmacher mehr.

Stein dachte wehmütig an die Zeit zurück, in der man dies alles noch abwenden wollte. Proteste gegen Rationierung und gegen die Gesundheitskarte hatte es ja reichlich gegeben, doch seit der Fortschreibung der großen Koalition nach dem knappen Wahlergebnis im September 2009 war es still darum geworden.

Im Sommer 2009 hatte Stein seine Stelle im ZK(Zentralkrankenkasse)-MVZ gekündigt, weil es Gerüchte um eine Schließung des MVZ wegen Abrechnungsbetrugs gegeben hatte. Mit Abrechnung hatte er selbst niemals etwas zu tun, aber das Angebot der Headhunter im Auftrag der Spessart Klinken AG war verlockend genug. Nun arbeitete er 30 Stunden in der Woche im Klinik-MVZ als Allgemeinmediziner. Da die drei Orthopäden der Klinik im Schichtdienst rund um die Uhr im OP standen, musste er auch die orthopädischen Fälle betreuen. Also saß jetzt der Patient Alfred Schulz vor ihm.

Etwas ratlos sah er den Patienten an. Eine neue Hüfte kam ja nun nicht mehr in Frage. Analgetika und Krankengymnastik? Die Statistikfunktion der EDV zeigte ihm, dass es auch hier knapp würde – ein deutlicher Warnhinweis wies auf eine Überschreitung der Budgets hin. Eine Reha-Massnahme? Reha - wozu? Eher eine Kur. Sollte er das Formular 60 ausfüllen und zur Krankenkasse schicken, um dann das Formular 61 zu erhalten? Aber warum – auch beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen lief Wintriage 2010 im Hintergrund.

Stein war entnervt. Schliesslich hatte Alfred Schulz ein Vierteljahr auf seinen Orthopädentermin im Spessart-MVZ gewartet und hatte 50 Kilometer Anreise auf sich genommen. Niedergelassene Orthopäden gab es ja kaum mehr, seit die Quartalspauschale die Mietkosten der Praxis nicht mehr deckte. Gesundheitsökonomen hatten gefordert, Anreize gegen die Erbringung von Leistungen zu schaffen, und so war es dann umgesetzt worden.

Stein blickte auf seinen Computermonitor und registrierte das Fenster mit der Belegungsstatistik der Spessartklinik. Zwei freie Betten in der Abteilung für konservative Orthopädie blinkten mahnend. „Soviel stationär wie möglich – so viel ambulant wie nötig“ hatte das nicht der Trainer der Spessart Kliniken AG auf der Pflichtfortbildung „Krankheitsepisoden optimal nutzen“ gesagt? Er druckte die Krankenhauseinweisung und schickte den Patienten zwei Räume weiter zur stationären Aufnahme.

Dr. Stein und das idyllische Landleben

Dr. Frank Stein sprang schwungvoll aus dem Führerhaus der Zugmaschine – zu schwungvoll, denn er landete mitten in einem Haufen Kuhdung, der sofort in seine weissen Arztsandalen kroch. Während er notdürftig seinen rechten Fuss mit einem Papiertaschentuch säuberte, beobachtete er, wie Fahrer und Sanitäter den Abrollcontainer unter vorsichtiger Bedienung der Hydraulik auf dem Marktplatz von Kleinpützeldorf absetzten.

Vorsicht war geboten, denn der Container war mit teuren Geräten beladen – schliesslich war heute HNO-und Augentag in Kleinpützeldorf. Stein ging noch einmal zur Zugmaschine und weckte den HNO-Arzt Dr. Langohr und den Augenarzt Johannes „Adlerauge“ Janssen, die auf der langen Fahrt vom MVZ in das Dorf eingeschlafen waren.

Die Anmietung dieses Fahrzeugs war ein genialer Schachzug von Steins neuem Arbeitgeber, der Spessart AG. Ärzte ohne Grenzen benötigte diese Mobil Clinic im Moment nicht und hatte sie günstig vermietet. Über das Emblem war nun das Logo der Spessart-Kliniken geklebt. Seit die Spessart AG den Sicherstellungsauftrag für die ärztliche Versorgung im Kreis Lummerland übernommen hatte, war eben Kreativität gefragt.

Unter lautem Dröhnen des Dieselmotors fuhr das Zugfahrzeug davon. Kurz vor Oberpützeldorf brauchte der Röntgenbus Hilfe. Jemand hatte das Gefährt aus den Sechzigern mit bleifreiem Benzin betankt und nun streikte der Motor. Dabei war heute in Oberpützeldorf Chirurgie-und Orthopädietag, und man wartete dort sehnsüchtig auf den Bus.

Die Reaktivierung des Röntgenreihenuntersuchungbusses hatte in den Medien hohe Wellen geschlagen. Der Gesundheitsminister war persönlich zur Einweihungsfeier erschienen und hatte von einem vorbildlichen Leuchtturmprojekt gesprochen.

Stein war nun doch ganz froh, dass er als Allgemeinmediziner nicht so sehr von der Technik abhängig war. Er schulterte seine Arzttasche und griff nach dem mobilen EKG, dann machte er sich auf den Weg in das Dorfgemeinschaftshaus, um dort in der Mehrzweckhalle seine Sprechstunde abzuhalten. Heute war ihm Anni G. als Helferin zugeteilt. Er mochte die frühberentete ehrenamtliche Helferin des Roten Kreuzes, die ihm schon oft aus der Klemme geholfen hatte. Neulich war die Mehrzweckhalle nach einer Feier der Freiwilligen Feuerwehr in desolatem Zustand. Nur Annis Einsatz war es zu verdanken, dass er trotzdem eine Sprechstunde abhalten konnte und seinem Arbeitgeber immerhin 75 Behandlungsfälle abliefern konnte, zum Teil sogar mit Chronikerzuschlag. Vor dem Dorfgemeinschaftshaus warteten schon zahlreiche Patienten. Einige hatten margentafarbene Sheik Oil-Plastiktüten in der Hand. Stein wusste, was ihn erwartete: seit die Mineralölkette Sheik Oil die Medikamentenbelieferung in diesem Landkreis übernommen hatte, gab es immer wieder Rückfragen verunsicherter Patienten. Zumal durch die Rabattverträge die gelieferten Medikamente jedes Mal anders hiessen. Kalle, der Tankwart, war zwar ein pfiffiger Typ – aber dass Xanef, Benalapril und Corvo die gleichen Wirkstoffe enthalten, das konnte er nicht wissen. Er musste sich auf das verlassen, was die Zentrale liefert. Nebenwirkungen? Woher sollte er das wissen. Seine Stärke waren die Motoröle.


Über dem Eingang der Mehrzweckhalle prangte stolz das Transparent mit dem Logo der Spessart AG, darunter der Schriftzug: heute Allgemeinmedizinsprechstunde. Anni G. hatte das Transparent schon frühmorgens aufgehängt.

Hoffentlich würde dieser Arbeitstag ohne Komplikationen und Ärger verlaufen. Letzte Woche hatte sich kurz vor Sprechstundenende ein Schüler mit Kratzen im Hals vorgestellt. Er verlangte einen Berechtigungsschein zum Besuch des HNO-Arztes – die Mobile Clinic war jedoch schon verpackt und der Abrollcontainer auf das Zugfahrzeug geladen. Am nächsten Tag war im Ärztebewertungsportal Ärzteschreck neben siebzehn Minuspunkten folgender Eintrag zu lesen: „Voll krass unfreundlicher Typ, ey! Verweigert mich HNO-Fritze, voll unterlassene Hilfe, krasse Pfusch, boh! Und Praxis total dreckig.“. Stein hatte daraufhin einen unerfreulichen Termin bei der Geschäftsleitung und die Ärztekammer hatte von Amts wegen berufsrechtliche Ermittlungen aufgenommen.


Dr. Frank Stein warf einen letzten Blick zurück auf die idyllische, blühende Landschaft und betrat die Mehrzweckhalle.


Dr. Stein und die Task Force

Dr. Frank Stein öffnete den blauen C6-Briefumschlag mit dem geheimnisvollen Absender TASK FORCE. Wieder so ein schwachsinniges Werbespiel? Wahlreklame?

Er entfaltete das amtlich aussehende Schreiben und überflog es: „…werden Ihnen Abrechnungsmanipulation und Korruption zur Last gelegt…“, „…Informationen eines anonymen Hinweisgebers auf unserer Internetpräsenz…“, „...haben Sie die Möglichkeit, entlastende Tatsachen vorzutragen…“, „…finden Sie sich am Montag um 8 Uhr in Raum 336 des Sondergerichts am Sozialgericht ein…“, „…dass bei Nichterscheinen auch ohne Ihre Mitwirkung entschieden werden kann“.


Stein wurde kreideweiss. Seit zwei Jahren arbeitete er im MVZ, aber niemals hatte er eine Abrechnung manipuliert oder irgendwelche Bestechungsgelder angenommen – wozu auch und von wem? Wieder und wieder las er das Schreiben. Was konkret soll er getan haben? „Abrechungsmanipulation und Korruption“, mehr ging aus dem Schreiben nicht hervor.

Er öffnete die obere Schublade seines Schreibtisches und suchte nach dem Terminkalender. Die Schublade war leer. Auch alle anderen Schubladen waren leer.


Stein loggte sich in das MVZ-Netzwerk ein, um seinen elektronischen Terminplan aufzurufen. „Access denied“ blinkte es ihm rot entgegen. Resigniert beschloss er, erst einmal eine Tasse Kaffee in der Cafeteria zu trinken.

In dem Zeitschriftenständer neben dem SB-Tresen sah er wieder die üblichen Verdächtigen: „Mann beisst Hund“, „Busen verpfuscht“, „Weltuntergang steht bevor“. Eine Schlagzeile sprang ihm entgegen und durchschoss ihn wie ein Blitz: „Abzocker in Weiss und kein Ende: MVZ-Arzt wirtschaftet in die eigene Tasche“.


Mechanisch wie ein Roboter legte er die Zeitung auf das Tablett, nahm den Kaffe entgegen und zahlte. Er zog sich in den hintersten Winkel der Cafeteria zurück und begann zu lesen: „Wieder ein krimineller Raffzahn: dem Allgemeinmediziner Dr. Frank St. aus dem MVZ wirft das Sondergericht Abrechungsmanipulation und Korruption vor. Ein anoymer Geschädigter hatte den kriminellen Arzt bei der TASK FORCE angezeigt. Der Raffke-Doktor war bis zum Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht erreichbar.“

„Dr. Stein bitte zur Geschäftsleitung“, die schnarrende Stimme aus der Lautsprecheranlage unterbrach seine Lektüre und verursachte ihm sofort einen Schweissausbruch. Er trank einen letzten Schluck Kaffee und machte sich auf den Weg in den fünften Stock.

Stromberg empfing ihn mit eisiger Miene. Die TASK FORCE sei gestern abend im Haus gewesen und habe eine Hausdurchsuchung gemacht. Steins Akten seien beschlagnahmt, die EDV-Dateien kopiert und gesperrt. Jemand habe Stein anonym bei der TASK FORCE angezeigt, nun ermittele das Sondergericht. Stein sei natürlich bis zur Klärung der Vorfälle beurlaubt.

Was ihm denn vorgeworfen werde, fragte Stein verängstigt. Abrechnungsmanipulation und Korruption, antwortete Stromberg. Mehr habe er nicht erfahren können. Die TASK FORCE dürfe keine Angaben zu Anschuldigungen machen, habe ihn der Einsatzleiter, ein bedrohlich wirkender Hühne im schwarzen Kampfanzug, beschieden. Unter den bohrenden Blicken Strombergs verliess Stein das Büro.

Die Tage bis zum Montag erschienen Stein wie ein endloser Alptraum. Die Nachbarn schnitten ihn und tuschelten. Wenn sie sich unbeobachtet glaubte, musterte ihn seine Frau misstrauisch von der Seite. Die Wohnungstür war notdürftig repariert, die TASK FORCE hatte hier besonders gründliche Arbeit geleistet. Den Computer und alle Bankunterlagen hatten die Ermittler beschlagnahmt, das Telefon versiegelt. Die Befragung der Nachbarn dauerte noch an.

Am Montagmorgen um viertel vor acht betrat Stein mit einem flauen Gefühl im Magen das wilhelminische Gebäude des Sozialgerichts. Ihm war schwindelig, er hatte mehrere Nächte nicht schlafen können und hatte seine Angst mit Cognac betäubt. Ein Geruch aus Bohnerwachs, Schweiss und muffigen Akten lag in der Luft. Schäbig gekleidete Männer mit Ärmelschonern schoben überdimensionierte Aktenwagen durch die Flure, von denen von Zeit zu Zeit einzelne Blätter wie Federn zu Boden schwebten und achtlos liegengelassen wurden.

Ein abgewetztes Schild zeigte an: Raum 300 bis 500 – fünfter Stock. Darunter hatte jemand mit schwarzem Filzstift geschrieben: 300 bis 400 – Sondergericht für Ärztekriminalität. Die Treppen kamen ihm endlos lang vor. In jedem Stockwerk waren verwitterte Wegweiser angebracht: „Regressmassnahmen – Zimmer 100 – 150“, „Streitigkeiten Inkontinenzmaterial – Zimmer 201 – 203“. Die Treppe schien mit jedem Stockwerk schmaler und steiler, der muffige Geruch immer stärker zu werden.


Erschöpft erreichte Stein den fünften Stock. Der muffige Geruch war schneidend, eine Reihe funzeliger Glühbirnen unter der Decke kämpfte einen aussichtslosen Kampf gegen die Dunkelheit. „Korruptionssache Dr. Hans Stein – eintreten in Zimmer 336“, krächzte es aus den Lautsprechern an den Wänden. Mühsam entzifferte Stein die verwitterte 336 an der schweren Holztür mit dem abblätternden altweissen Lack, klopfte an und trat ein.

Eisige Kälte schlug ihm entgegen. Fünf Personen, zwei Damen und drei Herren, sassen an hufeisenförmig aufgestellten Tischen und blickten ihn voller Verachtung an. Der grösste von allen, ein Mittdreissiger mit stramm zurückgegeltem Modehaarschnitt und Goldrandbrille, wies Stein mit einer Handbewegung an, auf dem Stuhl vor dem Hufeisentisch Platz zu nehmen.


„Dr. Stein, wollen Sie Angaben machen?“ säuselte er sanft. „Was wird mir denn vorgeworfen?“ nahm Stein seinen ganzen Mut zusammen, obwohl ihm der Schweiss schon am Rücken herunterlief. Ein ungläubiges Raunen erfüllte den Raum, Stein fühlte sich von giftigen Blicken durchbohrt. „Sie sind hier, um sich zu rechtfertigen, nicht um Fragen zu stellen – die Fragen stellen wir!“ herrschte ihn eine Mittfünfzigerin mit streng zurückgebundenem Dutt ungläubig an. „So ein freches Verhalten habe ich ja überhaupt noch nicht erlebt“.

Stein wurde leichenblass, der Raum begann sich vor seinen Augen zu drehen. Der Mittdreissiger mit der Goldrandbrille lenkte ein: „Nun nehmen wir erst einmal die Personalien auf. Sie sind Dr. Hans Stein, geboren am 30.12.1965“. „Dr. Stein, ja…“ murmelte Stein erschöpft. „Lauter bitte, man versteht Sie ja kaum,“ herrschte der Dutt den verängstigten Stein an. „Dr. Frank Stein, geboren am 30.11.1965,“ erwiderte Stein und bemühte sich um eine laute und deutliche Aussprache.

Wieder ging ein Tuscheln und Raunen durch den Raum. Der Dutt und die Goldrandbrille steckten die Köpfe zusammen und flüsterten, Papiere wurden hin-und hergeschoben. „Hier scheint eine Verwechslung vorzuliegen. Das Ladungsschreiben wurde versehentlich an Sie versandt, Namensgleichheit, verstehen Sie? Ist Ihnen doch bestimmt auch schon einmal passiert. Sie können gehen. Bitte schliessen Sie die Tür leise.“

Wie in Trance legte Stein den Weg zum Ausgang zurück. Auf der Aussentreppe wäre er fast noch auf einer achtlos weggeworfenen Zeitung ausgerutscht. Von der Titelseite blickte ihn sein Foto an, darunter stand: „Straftäter im weissen Kittel: heute Verhandlung.“

Dr. Stein und die Performance

Dr. Frank Stein blickte den rotgesichtigen, sichtlich nervösen Patienten voller Sorge an. Die Notiz aus der Anmeldung liess nichts Gutes erahnen: schwer einstellbarer Bluthochdruck, nimmt bereits vier Präparate, Blutdruck trotzdem nicht im Griff. Er legte die Blutdruckmanschette um den Oberarm und pumpte auf. Blutdruck 160/100 war das ernüchternde Ergebnis. Und das trotz vier handelsüblicher generischer Blutdruckmedikamente.

„Hier im MVZ können wir nichts für Sie tun. Bitte wenden Sie sich an die Universitätsklinik“ beschied Stein den Patienten. „Stellen Sie mir eine Überweisung aus?“ fragte der Patient traurig. „Nicht nötig“, entgegnete Stein, „Wir haben Ihre Gesundheitskarte nicht eingelesen.“

Seit der „Pay for Performance“-Regelung war es gefährlich geworden, schwierige Fälle wie diesen anzunehmen. Stein hatte, naiv wie er war, im vorletzten Quartal zahlreiche Patienten mit schwer beherrschbarem Bluthochdruck angenommen. Aber nur selten war es ihm gelungen, den Blutdruck noch im gleichen Quartal unter die Qualitätsgrenze von 140/90 zu senken.

Der Controller des Spessart-MVZ, Carl Stromberg, hatte Stein einbestellt, und das Jüngste Gericht war nichts gegen das, was ihn in Strombergs Büro erwartete. Für jeden Patienten, der den Qualitätszielwert von 140/90 im Quartal nicht erreichte, wurde dem MVZ ein Drittel des Honorars abgezogen. Dabei verursachten eben diese Patienten dreimal so viele Arztkontakte wie der Durchschnitt, teure Arztarbeitsminuten waren verloren. Und das Arzneimittelbudget der Abteilung Allgemeinmedizin wurde durch diese Hochdruckpatienten gründlich überzogen, Regressforderungen waren zu befürchten. „Wollen Sie uns durch ihre qualitativ minderwertige Arbeit ruinieren?“, herrschte Stromberg den geknickten Arzt an. „ Das Ganze grenzt an Sabotage. Wenn wir erst pleite sind – glauben Sie, einer Ihrer sogenannten schwierigen Patienten ist uns dann dankbar?“

Es folgte die schriftliche Abmahnung wegen unwirtschaftlichen Verhaltens. Mündlich wurde mit dem völlig deprimierten Stein folgende Zielvereinbarung getroffen: alle Bluthochdruckpatienten haben in jedem Quartal einen Blutdruck unter 140/90. Das Arzneimittelbudget wird dabei eingehalten. Und Patientenbeschwerden dürfen nicht auftreten.

Stein war in der Klemme. Er erinnerte sich an die Kollegin Elena Rabatzki aus Molwanistan, die kürzlich im MVZ tätig war. Elena hatte Probleme mit ihren Diabetikern, die zum Teil erheblich erhöhte Nüchternzuckerwerte hatten. Meist handelte es sich um molwanische Landsleute die froh waren, auf eine molwanischstämmige Ärztin zu treffen. Zum Teil sei ihnen die Diagnose gar nicht bekannt gewesen, und die Beschriftungen der Lebensmittelpackungen in Deutschland überforderten sie.

Um Ärger zu vermeiden, hatte Elena Rabatzki die Blutzuckerwerte ihrer Landsleute nach unten korrigiert, bevor sie nach Stecken der E-Card an die Serverfarm weitergeleitet wurden. Leider hatte sie nicht bedacht, dass auch die in der Apotheke gemessenen Zuckerwerte an die Server übermittelt werden. So war der Schwindel rasch aufgeflogen und Rabatzki war fristlos gekündigt worden.

Das wollte Stein nicht riskieren. Er hatte die Helferin an der Anmeldung angewiesen, bei Neupatienten die E-Card nicht einzulesen und stattdessen erst Daten für die Risikostratifizierung zu erheben: welche Krankheiten bestehen bereits? Welche Medikamente werden eingenommen? Werden etwa schon Heil-und Hilfsmittel benötigt?

Nach Risikoabschätzung gab Stein grünes Licht oder wies den Patienten ab. Neulich hatte sich ein Patient mit einem HBA1c von 12 Prozent, einem Blutdruck von 220/110, einem diabetischen Fussulcus und einer inkompletten Lähmung der rechten Körperhälfte mit Hilfe seiner Angehörigen in das MVZ einschleichen wollen. Ein absolutes Qualitäts-Blackout, eine Gefahr für Steins Arbeitsplatz. Nur durch Aktivierung des MVZ-eigenen Sicherheitsdienstes konnte Stein diese Gefahr abwenden.

Dr. Frank Stein biss in einen seiner Dinkelkekse und liess noch einmal die KBV-Software Winperformance 1.0 über die Patientendatei laufen. Nur zur Sicherheit. Schliesslich rückte der Abrechnungstag immer näher.



Dr. Stein und die Musterung

„Ärztemangel“, „lange Wartezeiten“, „krank und keinen Hausarzt gefunden“ – täglich sah sich Dr. Frank Stein mit solchen Schlagzeilen konfrontiert. Zuerst in den üblichen Pharmablättchen, dann auch im offiziellen „Arztblatt“, schliesslich sogar in der Tagespresse. Stein wurde nachdenklich. In der Welt seines MVZ im Zentrum der 750.000 Einwohner-Stadt schien noch vieles in Ordnung zu sein, aber am Stadtrand, inmitten der Plattenbauten, sollte es bereits Gebiete geben, in denen sich kein Arzt mehr niederlassen wollte. Stein wusste dies vom Controller Stromberg, der anfangs solche nicht vermittelbaren Arztsitze für das MVZ aufgekauft hatte. Inzwischen waren es so viele geworden, dass auch Stromberg das Interesse verlor.

Sollte er…? Anfang vierzig, keine Schulden oder Verpflichtungen. Bedarf war da, keine Frage. Ein Bekannter könnte ihm preiswerte Praxisräume vermitteln. Der Ortsbürgermeister war begeistert, der Bankberater fand die Idee gut. Der Allgemeinmediziner Dr. Frank Stein nahm all seinen Mut zusammen und bewarb sich – ganz gegen den Trend- um eine Zulassung als Kassenarzt am Stadtrand. Heute war der grosse Tag, Stein musste vor dem paritätisch besetzten Zulassungsausschuss erscheinen. Mit weichen Knien betrat er das Sitzungszimmer, vier Augenpaare musterten ihn argwöhnisch.

Bestes Ärztematerial, dachte Herr Ingo von der Kasse. Männlich, jung, ledig, spricht Hochdeutsch, und ist auch noch Allgemeinmediziner, also vielseitig einsetzbar. Tauglichkeitsgrad 1, vielfältige Verwendung möglich. Einsatz eigentlich überall denkbar. Andererseits: kein Vermögen, keine anderen Einkünfte, keine mitarbeitende Ehefrau – das könnte im Fall des Falles Schwierigkeiten geben. Immerhin war ja für das nächste Quartal schon ein Umsatzrückgang um zehn Prozent fest eingeplant, und auch die Regresse wollen bedient sein.

Dr. Andreas von den Kassenärzten legte die Stirn sorgenvoll in Falten: nicht gedient, somit also keinerlei Erfahrung im Aufbau von Camps. Mitglied im ASTA während des Studiums, vermutlich also Querulant. Im letzten Jahr zwei Tage krank wegen Rückenschmerzen – keine guten Voraussetzungen für das Wanderungsverhalten in der Mobile Clinic.

Herr Fritz, der Patientenvertreter, ging in die Offensive: Wenn sich ein Patient unwohl fühlt und nicht mit dem Bus zu Ihnen kommen mag, besuchen Sie ihn dann unverzüglich zu Hause? Und werden Sie vor Ihrer Praxis genügend Parkplätze schaffen?

Schwester Rabiata, die Vertreterin der Drakonischen Werke, nahm den verunsicherten Stein ins Gebet. Ob er sich eine Tätigkeit in einem Altenheim in Hinterpommern vorstellen könnte? Dort bestehe ein besonderer Bedarf. Eine Wohnmöglichkeit könne auf dem Stationsflur gestellt werden. In erster Linie ginge es um die juristische Absicherung der Tätigkeit der Schwestern der Drakonischen Werke. Ob er denn schon einmal Einblick in die Pflege von Fieberkurven bekommen habe? Oder eine vergleichbare Tätigkeit in einem Sekretariat oder einer Registratur ausgeübt habe, etwa als Studentenjob?

Nach einer kurzen Beratung wird Stein wieder in das Sitzungszimmer gebeten. Herr Ingo von der Kasse verkündet das Ergebnis der Beratung: „Dr. Stein, wir wollen ganz offen zu Ihnen sein: Sie haben die Tauglichkeitsstufe 1, sind also als Kassenarzt voll verwendbar und einsetzbar. Einschränkend müssen wir anmerken, dass Sie eigentlich nicht den finanziellen Hintergrund für eine Kassentätigkeit haben, hier wäre etwas pfändbares Vermögen hilfreich. Die Eröffnung einer Kassenpraxis für Allgemeinmedizin am Stadtrand kommt natürlich nicht in Frage. Bevorzugt werden Kassenärzte zur Zeit an der polnischen Grenze eingesetzt. Dem könnten wir zustimmen unter der Voraussetzung, dass Sie an drei Nachmittagen gegen eine Aufwandsentschädigung mit der Mobile Clinic in entlegenere Regionen fahren.“

Stein ist überrascht: „Aber mir ging es doch um die Eröffnung einer allgemeinmedizinischen Praxis am Stadtrand…“

„Wieso Allgemeinmedizin? In Hinterpommern fehlen in erster Linie Orthopäden und Augenärzte. Sie müssten uns da schon ein bisschen entgegenkommen. Es ist ja nicht gesagt, dass Sie immer als Allgemeinmediziner arbeiten, nur weil Sie zufällig diese Weiterbildung gemacht haben. Lebensläufe müssen heute etwas flexibler sein, Sie müssen dort arbeiten, wo Sie benötigt werden. Ach, ich sehe gerade, auch an der Küste gäbe es eine Möglichkeit, wenn Sie als Hautarzt arbeiten…“

Es ist ein grauer Dezembermorgen. Dr. Frank Stein betritt das MVZ im Zentrum der Stadt. Er fährt mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock. Im Büro von Carl Stromberg unterschreibt er die Verlängerung des Zweijahresvertrages. Die Zeitung mit der Schlagzeile „Ärztemangel in Problemgebieten“ wirft er ungelesen in den Papierkorb.

Dr. Stein im Advent 2009

Die Küstenlage von Hannover...

...erlaubt uns leider wenig Meerblick, und das Meer kann hier auch wenig ausgleichen.

Dr. Stein hat natürlich Dienst. Das MVZ ist an allen Feiertagen geöffnet. Es locken den Betreiber ja budgetfreie Zusatzeinnahmen und Kollege Stein hat ein Pauschalgehalt. Heiligabend und Sylvester sind sowieso bis 12 Uhr Werktage.

Die Patienten werden jetzt mit Weihnachtsmusik berieselt, Christmaspop mit Glöckchenklängen. Es duftet nach Tannenbaum-Toilettenspray. Einkaufstaschen können gegen Quittung an der Rezeption abgegeben werden. In der ehemaligen Obstschale liegen ehemalige Aachener Printen, eingeschweisst und mit Logo. Der Wasserspender wurde mit alkoholfreiem Glühwein bestückt, leider war niemandem klar, dass das Zeug auf vier Grad gekühlt unerträglich schmeckt.

Auf die grünen Rezepte werden kleine Tannenbäume gedruckt. Rosa Rezepte gibt es nicht mehr, denn das Budget ist aufgebraucht. Controller Stromberg ist in der Psychiatrie, nachdem er auf dem Weihnachtsmarkt randaliert hat. Er hatte zuvor den RLV-Bescheid I/10 geöffnet und sich hemmungslos mit Jagertee betrunken.

"Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase (nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Strasse. Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie: "Sie Daddel Sie!" Und links und rechts schwirrten die Kolibri."

(Ringelnatz: Die Weihnachtsfeier des Seeemanns Kuttel Daddeldu)

Fröhliche Adventszeit!


Dr. Stein und der Shuttle-Bus

Rentner Wilfried Stratmann betrat hoffnungsvoll das Dorfgemeinschaftshaus. Endlich war Sprechstunde, ein junger Arzt aus der grossen Stadt war für einen Vormittag eingetroffen. Husten und Luftnot quälten ihn schon seit Tagen. Und diese Rückenschmerzen vor einer Woche! Dorfschwester Helene hatte sich zwar rührend um ihn gekümmert, sie hatte ihm Thymian-Hustensaft verabreicht und den Bereich der Brustwirbelsäule mit Kampferpaste eingerieben, aber irgendwie ging es ihm immer noch nicht besser.

Dr. Frank Stein aus der allgemeinmedizinischen Abteilung des MVZ präparierte seinen Arbeitsplatz: Stethoskop und Blutdruckmesser links, Laptop und Ohrenspiegel rechts. Dem Schulpraktikanten Thorben-Björk wies er den Platz gegenüber zu. Er war sich noch nicht sicher, was er von den Schulpraktikanten halten sollte, die ihn neuerdings auf seinen Fahrten über die Dörfer begleiten mussten.

Was sollte er einem Vierzehnjährigen in der Sprechstunde zeigen? Immerhin hatten die Praktikanten bereits einen elektronischen Arztausweis mit lebenslanger Arbeitsnummer (LANR). Thorben-Björk führte die Nummer 32-33-426647. Die 32 bedeutete, dass der Gymnasiast den Schulplatz erhalten hatte, weil ihn die Eltern verbindlich zur späteren Tätigkeit als Landarzt angemeldet hatten. Die 33 stand für das Gesundheitszentrum in der Uckermark, in dem er später Verwendung finden sollte. Der Rest war seine persönliche Identifikationsnummer. Der 15-Jahresplan aus dem Ministerium zeigte erste Erfolge.

Stein untersuchte den Rentner gründlich. Rasseln basal in beiden Lungen, geschwollene Knöchel, vor einer Woche Schmerzen in der Brustwirbelsäule – da müsste wohl dringend einmal ein Kardiologe den Ultraschallkopf aktivieren, ein EKG und ein Röntgenbild wären dringlich, und Labor. Stein ärgerte sich, dass das EKG-Gerät kürzlich abgeholt wurde, weil es in der Klinikambulanz gebraucht wurde. Er hatte protestiert, aber es nützte nichts – Doppeluntersuchungen wolle man nicht mehr, wurde ihm gesagt.

Stein kramte den Fahrplan der Shuttlebusse hervor. In den nächsten Tagen müsste doch eigentlich der Shuttle zur kardiologischen Klinikambulanz in Neusprenz fahren – richtig, übermorgen. Gutgelaunt wandte er sich seinem Laptop zu und loggte sich in den Server von „Easyshuttle“ ein. Es war noch ein Platz frei, sogar ein Sitzplatz. Er reservierte den Platz und liess sich mit dem Klinikum Neusprenz der Spessart AG verbinden. Diesen Patienten wollte er anmelden, damit nichts schiefging.

Wie neulich, als er einen Patienten für den Shuttle in die gastroenterologische Ambulanz des Klinikum Neuruppig gebucht hatte. Er war zurückgekommen mit der Empfehlung, wegen einer atrophischen Gastritis Europrazol einzunehmen. Der empfehlende Kollege, ein Assistent im ersten Ausbildungsjahr, war leider telefonisch dort nicht mehr zu erreichen, da er turnusmässig in die Spessart-Klinik für Psychosomatik im Odenwald rotiert war.

Mitleidsvoll sah Stein zu dem Schulpraktikanten herüber, der inzwischen über einem Algebrabuch für die sechste Klasse eingeschlafen war, die Brille zu einer bizarren Skulptur verbogen. Das Telefon klingelte, Stein hob ab: „Klinikum Neusprenz des Unternehmen Leben Spessart AG – Kompetenz und Empathie – das Gesundheitszentrum, meine Name ist Elvira Schmitz-Hoppenstedt, womit kann ich Ihnen helfen?“ Stein liess sich mit der kardiologischen Ambulanz verbinden. „Hmmm…?“ meldet sich Steins Kollege. „Sind Sie der diensthabende Kardiologe in der Ambulanz?“. „Dienst, ja.“ „Ich möchte für übermorgen einen Patienten anmelden“. „Wollen melden –morgen?“. „Einen Patienten anmelden, für übermorgen. Sie sind doch der Kardiologe?“. „Kardiologe nein. Dienst. Aber Tag nach Morgen gastroenterologische Ambulanz habe.“ „Wo ist denn der Kardiologe?“ „Dr. Riva Urlaub, Dr. Rocci Visite“. „Kann ich Dr. Rocci sprechen?“ fragte Stein hoffnungsvoll.

Die Tür sprang auf. Schwester Helene erschien mit sorgenvoller Miene: „Dr. Stein, wir haben keine Sitzplätze mehr, die Leute stehen schon bis auf die Strasse – und einer randaliert im Wartezimmer. Er sei in einem Hausarztvertrag, man habe ihm versprochen, dass er nie länger als 30 Minuten warten muss und dass der Arzt sich besonders viel Zeit für ihn nimmt“.

Stein legte kommentarlos den Hörer auf. Selten hatte er Schwester Helene so aufgelöst gesehen. Nur einmal, da war ein betrunkener Autofahrer in eine Gruppe von Parkinsonpatienten gerast, die auf den Shuttlebus warteten.

„Was ist denn nun mit mir?“ fragte Rentner Stratmann etwas hilflos. „Ich kümmere mich darum, nehmen Sie einen Moment im Wartezimmer Platz“, bat Stein. Bloss erst diesen Hausarztvertragspatienten drannehmen. Den Titel „Excellenzprojekt Allgemeinmedizin“ sollte diese Zweigpraxis wegen eines unzufriedenen Hausarztvertragspatienten nicht verlieren.

August Zwang betrat das Zimmer. Er hatte bei seiner Kasse angerufen und sich über die ständig wechselnden Medikamente beschwert. „Der Hausarzt koordiniert Ihre Therapie, wenden Sie sich vertrauensvoll an ihn, Sie sind doch im Hausarztvertrag. Und wenn der Doktor das für nötig hält, bekommen Sie immer Ihre gewohnten Medikamente“, hatte die Dame von der Kasse in den Hörer geflötet. Stein ruderte hilflos herum, erzählte von Wirkstoffen, Rabattverträgen und Einsparpotentialen. „Aber wurden nicht gerade Medikamente aus Indien zurückgerufen, weil die Qualität nicht stimmte?“ entgegnete der resolute Patient. Stein gab auf. Nur keinen Ärger. Er setzte die erwünschten anti-aut-idem-Kreuze und komplimentierte den Patienten hinaus. Für diese Aktion würde er wieder bei Controller Stromberg antreten müssen.

Stein weckte den Schulpraktikanten und bat ihn, eine Tasse Kaffee von der Kegelbahn nebenan zu holen. Rentner Stratmann – ein ungelöstes Problem. Woher bekam er jetzt ein EKG? Die rettende Idee: im nur 20 Kilometer entfernten Nachbarort gab es noch ein EKG-Gerät, und dort war heute ebenfalls Sprechstunde. „Allgemeinmedizinisches Exzellenzzentrum der Tauruskliniken, Zweigpraxis Bad Gründelteich – wir kümmern uns um Sie in allen Lebenslagen – mein Name ist Edelgard Zungenbrecher-Wendelstein, was kann ich für Sie tun?“ säuselte es aus dem Hörer. Stein liess sich mit dem diensthabenden Kollegen der wöchentlichen Zweigsprechstunde verbinden, die in den Räumen der dortigen Agrarbank abgehalten wurde. Ob er eben mal einen Patienten zum EKG vorbeischicken könnte? Der Kollege reagierte irritiert: „Wir haben hier zwar ein EKG, aber ich kann damit nichts anfangen. Ich bin Bachelor.“ „Dann schreiben Sie doch das EKG und geben Sie es dem Patienten mit“, entgegnete Stein. „Das darf ich nicht, wegen der Doppeluntersuchungen, Sie wissen doch,“ klang es resigniert aus dem Telefonhörer.

Stein biss in seinen Kugelschreiber. Die Zeiten waren kompliziert. Sorgenvoll blickte er zu dem Schulpraktikanten herüber, der unbekümmert SMS in sein Handy tippte.


Dr. Stein und die Onlineprüfung

Schwester Elena Ponnemarenko sah den Patienten ungläubig an: „Sie sind tot.“ „Was bin ich?“ entgegnete Willi Klein verblüfft. Elena zog die E-Card aus dem Slot und betrachtete das Foto. „Das sind doch nicht Sie, oder?“ Das schwarz-weisse Bild zeigte einen Jüngling mit zurückgegelten Haaren und Nickelbrille. „Na klar bin ich das“, entgegnete der rüstige Rentner, „Die Kasse wollte dringend ein Bild von mir haben, die haben richtig Druck gemacht. Ich hatte nur dieses griffbereit – aus meinem ersten Führerschein.“

Elena steckte die Karte noch einmal in den Slot. „Versichertenstatus 8 – verstorben. Ziehen Sie die Karte umgehend ein und verständigen Sie die Hotline“ erschien auf dem Bildschirm. Der fünfundsiebzigjährige Rentner Klein hatte sich in der Abteilung Urologie ein Rezept für sein Prostatamittel ausstellen lassen und hatte dort gleich noch Überweisungen zum Allgemeinmediziner, Orthopäden, Nuklearmedizinier, Psychiater, Unfallchirurgen, Labormediziner und zum Kinderwunschzentrum ausstellen lassen. Jetzt stand er hier an der Anmeldung der allgemeinmedizinischen Abteilung des Spessart Kliniken AG – MVZ und verstand die Welt nicht mehr. Sein Blutdruckmittel war aufgebraucht, er brauchte ein Rezept. Aber deswegen war er doch noch nicht tot.

Elena rief in der Urologie an. „Habt Ihr auch die Meldung Status 8 – verstorben gehabt?“ fragte sie ihre Kollegin. „Nein, irgendeinen Lesefehler, ich habe dann F8 für Korrektur gedrückt“ entgegnete Roswitha Einfalt, die Erstkraft an der Anmeldung. „Du Dussel!“ Elena wurde laut, „F8 meldet an den Kassenserver, dass der Patient tot ist. Toll, Du hast Herrn Klein auf dem Gewissen.“ Resigniert legte sie den Hörer auf.

„Was ist denn nun mit meinem Rezept?“ fragte der Rentner, inzwischen deutlich besorgt. „Warten Sie hier, ich rufe Dr. Stein“ beruhigte Elena.

Dr. Frank Stein hatte einen ziemlich miesen Vormittag hinter sich. Die Sprechstunde verlief schleppend, denn der Online-Datenabgleich schien heute besonders störanfällig zu sein und vor der Verifizierung durch das Kassencenter konnte die Karte nicht in die MVZ-Software eingelesen werden. Die Abteilung Allgemeinmedizin kämpfte mit nicht plausiblen Postleitzahlen, ungültigen Hausnummern, seltsamen Geburtsdaten und angeblich nicht mehr bestehenden Versicherungsverhältnissen. Die Krönung war ein Sechzehnjähriger mit dem Versicherungsstatus Rentnerin, auf dessen E-Card das Foto eines Dackels prangte. Dr. Stein war nicht mehr zu Scherzen aufgelegt.

Auch die Erinnerung an die zurückliegende Versammlung des Ärztevereins am Wochenende war nicht geeignet, seine Laune zu bessern. „Sollte es in Paragraph 5, zweiter Absatz, fünfter Spiegelstrich „stets“ oder „immer“ heissen?“. Über dieser spannenden Betrachtung war Stein eingeschlafen und mit dem Kopf auf die Tischplatte geknallt. „Im zweiten Halbsatz sollte es doch wohl besser „überwiegend“ durch „meistens“ ersetzt werden“ hatte dann noch ein versierter Teilnehmer zu Protokoll gegeben und eine Abstimmung verlangt. Diese Betrachtung hatte bei Stein eine Art Wachkoma hervorgerufen, in dessen Verlauf er eine Mineralwasserflasche umriss, deren Inhalt sein Laptop flutete. Das war nun auch im Eimer.

„Haben Sie vielleicht einen Ausweis oder einen Führerschein dabei?“ fragte Stein den Rentner verständnisvoll. Klein zückte seinen Personalausweis. Stein verglich das Bild und die Daten. Einwandfrei, das war Willi Klein. Stein rief die Hotline an und schilderte den Fall. „Herr Doktor, wenn ein Patient als tot gemeldet wird, dann ist er auch tot,“ säuselte die Stimme aus dem Telefon, „das Versicherungsverhältnis ist damit erloschen. Wer immer da vor Ihnen steht, er muss ein Betrüger sein. Ich kann Sie nur warnen, hier irgendetwas aufzuschreiben oder abzurechnen. Wir nehmen Sie in Regress und zeigen Sie an. Willi Klein ist tot.“

Dr. Frank Stein führte den inzwischen völlig verstörten Rentner vorbei an einer Gruppe Patienten, die auf die Freigabe von Adressänderungen, Statuswechseln und die Bestätigung von Versicherungsverhältnissen wartete. Aus dem Arzneischrank der Abteilung Allgemeinmedizin gab er ihm eine Musterpackung Tensinopril-rabattopharm 5 mg und zog sich kopfschüttelnd in sein Arztzimmer zurück.


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Dr. Stein und der Sachbearbeiter

Sachbearbeiter Schmidt trank noch einen Schluck lauwarmen Kaffee aus seinem UEFA 2006 -Kaffeebecher. „Wir wünschen unseren Mitgliedern trotz aller Schwierigkeiten ein erfolgreiches Jahr 2012“, war dieser Satz nun zu beanstanden oder nicht? Bei diesen Ärzteorganisationen konnte man ja nie wissen, woran man war. Schmidt verfluchte den Tag, an dem er aus der Wasser-und Schifffahrtsdirektion in die neue Dienststelle versetzt wurde. „Harmonisierungsstelle für ärztliche Angelegenheiten“, wer konnte sich darunter schon etwas vorstellen? Also brütete er jetzt über dem Weihnachts-Mitgliederrundschreiben der Vereinigung konservativ tätiger Kassenchirurgen. Der lauwarme Kaffee schmeckte unerträglich, im Raum roch es nach Aktenmief und Bohnerwachs. Beherzt griff er zum Rotstift und strich das Wort „Schwierigkeiten“ mehrfach durch. „Zu provokativ“ schrieb er an den Rand und legte den Entwurf zurück in die verschlissene Pappmappe mit der Aufschrift „HarmStfÄA“.

Dr. Frank Stein trommelte nervös auf dem Schreibtisch herum. „Sichern Sie die Dauerdiagnose Diabetes nach dem Katalog KrDD und geben Sie die Manifestationen nach der KrKomplVO an!“ stand leuchtend rot auf dem Monitor. Nur noch drei Wochen bis zur Quartalsabrechnung, und ausgerechnet jetzt hatte sich Kodieringenieur Krause längerfristig krankgemeldet. Schade um Steins Winterurlaub, denn nun bestand natürlich Urlaubssperre. Jetzt rächte sich bitter, dass er sich im Oktober vor der Veranstaltung „Fröhlich kodierenmorbiditätsbewusst in die Zukunft“ gedrückt hatte. Stein griff zum Handbuch. „Nicht primär insulinpflichtiger Diabetes ohne Retinopathie aber mit Neuropathie in Form einer Mononeuropathie, aber ohne autonome Neuropathie, mit Verdacht auf Nephropathie, ohne manifesten diabetischen Fuss, aber mit Dystrophien an den Großzehennägeln“. Entnervt klappte er das Handbuch zu und rief den nächsten Patienten auf.

Der Arbeitstag des Sachbearbeiters Schmidt neigte sich dem Ende zu. Eben hatte er noch die nächste Ausgabe der Zeitschrift „Erlanger Bund“ gegengelesen und einige freche Bemerkungen über das Ministerium für soziale Gerechtigkeit entfernt. Der Erlanger Bund war - wie alle Gewerkschaften -durch das Tarifharmonisierungsgesetz vom Frühjahr 2011 dem Freien Verband deutscher Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände unterstellt. Seitdem wurde immer wieder versucht, in der Verbandszeitschrift „Erlanger Bund“ zu stänkern. Schmidt legte den mit roten Anmerkungen versehenen Entwurf in die Pappmappe und verliess das Büro. Morgen würde er wieder einen wütenden Anruf von Dr. Montgolfier bekommen, sei es drum. Die Zeiten ändern sich eben.

In seiner gemütlichen Zweiraumwohnung angekommen, drehte er eine Runde mit dem Dackelrüden Wotan um den Häuserblock, um sich dann endlich am weihnachtlich geschmückten Stubentisch niederzulassen. Er zündete die Kerzen an, goss sich einen doppelten „Jagdstolz“ ein und prostete dem Kanzlerbild zu, das er über der Anrichte aufgehängt hatte.

Heute wollte er endlich einmal die Altpapierecke sichten. Zwischen unverlangt zugesandten Katalogen und dem Bauernspruchkalender aus dem Baumarkt („Wenn die Milch nach Krypton schmeckt, hat das Kernkraftwerk geleckt“) fand er einen Hochglanzprospekt seiner Krankenkasse, der Zentralkrankenkasse (ZK). Seit dem Frühjahr 2011 war er ja nicht mehr in der Beihilfe, sondern konnte vom Wettbewerb der gesetzlichen Kassen profitieren. Ein Hochglanzdoktor in blütenweissem Kittel lächelte eine Hochglanzpatientin mit blonden Zöpfen und feuchten Augen an, darunter stand: Mein Hausarzt und ich – das neue Programm der ZK. Schmidt nahm noch einen Schluck „Jagdstolz“ und vertiefte sich in die Lektüre.

Steins Sprechstunde lief unrund. Beim Online-Stammdatenabgleich wurden alle Postleitzahlen zwischen 40001 und 89456 beanstandet. Bei den Diagnosen „Koronare Herzkrankheit“ und „Lumbalsyndrom“ drang er bei der Kodierung in ungeahnte Tiefen. Die Wartezeit betrug inzwischen 1 Stunde und 45 Minuten für Terminpatienten. Auch zickte das Arneimittelmodul herum: es schlug jetzt vor, allen OWE-Versicherten „Tensilopril-rabattopharm“ zu verschreiben, obwohl sie kerngesund waren und ihnen eigentlich nur Resturlaub fehlte. Und auch das Echtzeitmodul zur Qualitätsdatenübertragung machte Schwierigkeiten – durch einen Kommafehler wurde der Ärztevereinigung in Berlin gemeldet, dass alle Diabetiker des MVZ im Koma liegen müssten. An ein Honorar war so nicht zu denken, das Gezeter von Controller Stromberg hörte Stein jetzt schon. Zu allem Überfluss musste er auch noch auf Abruf für die neue Kollegin Olga Rabatzki dolmetschen, deren Deutsch nicht so gut war.

Sachbearbeiter Schmidt war beeindruckt. „Im Vertrag koordiniert Ihr Hausarzt die Behandlung und führt die Befunde zusammen“, „Mein Hausarzt und ich – Ihr Arzt bewahrt Sie vor unnötigen Doppeluntersuchungen und Arzneimittelwechselwirkungen“, „Im Vertrag keine Praxisgebühr“, „Besonders qualifizierte Hausärzte stellen im Vertrag Ihre Behandlung sicher. Abendtermine, maximal 30 Minuten Wartezeit“. Schmidt war entzückt. Er genehmigte sich noch einen doppelten „Jagdstolz“ und Dackel Wotan einen Hundekuchen. Wann war der Prospekt im Altpapier gelandet? Etwa Mitte Oktober. Dann war es noch nicht zu spät. Gleich morgen, bei seinem Termin im MVZ, würde er sich in den Vertrag einschreiben.

Stein war entnervt. Der Kodieringenieur ausgefallen, drei Sekretärinnen im Urlaub, der EDV-Spezialist bummelte Überstunden ab. Bürokratieabbau war ja versprochen worden, keine Kontrollitis mehr, deshalb wurden Kodier-und Dokumentationsassistenten im MVZ seit Mai 2011 zu 30 Prozent vom Gesundheitsministerium bezuschusst. Arzthelferinnen gab es seitdem im MVZ kaum noch, wozu auch? Seit die Filiale des steuersubventionierten australischen Konzerns Outback-Labs im MVZ eine Etage bezogen hatte, erfolgten dort alle technischen Leistungen. Stein ging am Bild des Kanzlers vorbei auf den Flur hinaus, um sich aus dem Coolmax-Spender noch einen Becher des auf 3 Grad gekühlten, alkoholfreien Glühweins zu zapfen und nahm sich eine der eingeschweissten, offenbar ewig haltbaren und unzerstörbaren Aachener Printen aus der Schale. Beiläufig bemerkte er das tannengeschmückte Niedersachsenpferdchen mit der gelben Aufschrift „Freiheit“, das etwas schief und unbeholfen an der Wand hing. Irgendein Witzbold hatte einen Zettel „Original Drouven“ angeheftet.

Controller Stromberg erwachte schweissgebadet. Sein Schädel brummte, er schien in Watte gepackt zu sein. Was war gestern los gewesen? Stromberg versuchte, sich zu erinnern. Gestern war der RLV-Bescheid für das nächste Quartal gekommen, erinnerte er sich schmerzhaft. Alle Psycho-Leistungen auf 0,03 Cent pro Patient abgesenkt, und das im RLV. Und das war ohnehin niedrig, weil vor einem Jahr diese unselige Baustelle vor dem MVZ war, der Eingang war nur über schwankende Holzplanken erreichbar, und die waren vereist. Die sprechende Medizin solle gefördert werden, und die Qualität, hatte er auf dem Kongress „Goldene Zeiten für mündige Patienten“ der Stiftung gehört. Daraufhin hatte er gleich alle MVZ-Ärzte auf das sündhaft teure Seminar „Profitabel zuhören“ geschickt – auch „die Neue“, Elena, obwohl sie kaum Deutsch sprach. Aber profitabel zuhören konnte sie ja trotzdem, fand Stromberg. Und jetzt das. Schmerzhaft rekonstruierte er: seine Flucht aus dem Büro, der Weihnachtsmarkt, der Jagertee, die sympathische Blondine, der resolute Mittdreissiger, der ihn irgendwie an den Staatssekretär erinnerte, das Handgemenge, die Beamten… Stromberg drehte sich um und zog sich die Bettdecke über den Kopf.

„Herr Schmidt, bitte!“ Sachbearbeiter Schmidt rückte die Krawatte zurecht und betrat das Sprechzimmer 17. „Dr. Stein, was kann ich für Sie tun?“ Ein leichter Geruch nach „Jagdstolz“ und Dackel erfüllte den Raum, wie Stein feststellte. Schmidt schilderte sein Problem: ein Bekannter hatte ihm geraten, einen Antrag beim Versorgungsamt einzureichen, wegen der Rente und wegen eines Behindertenparkplatzes. Es krache beim Hundetraining in den Knien, und vor zwei Jahren sei die Gallenblase entfernt worden.

Stein rief sich das Dokument aus der EDV auf: „Verlust der Gallenblase“, „Umformende Veränderungen an den Kniegelenken“, „…desweiteren werden noch Angaben über die maximale Gehstrecke und über Hilfsmittel erbeten. Ist der Antragsteller in der Lage, ohne fremde Hilfe ein Verkehrsmittel zu benutzen?“ Stein versprach, die Angelegenheit rasch zu bearbeiten. „Herr Doktor, und bitte schreiben Sie mich noch eben in das Programm „Mein Hausarzt und Ich“ ein. Ich habe da so eine Werbung bekommen von meiner Kasse – also, Sie kümmern sich dann besonders gut um mich und achten auch auf Arzneimittelwechselwirkungen, und dass ich nicht unnütz untersucht werde, und alle Befunde gehen dann zu Ihnen, ich darf auch abends kommen und ich spare 10 Euro, das steht mir zu.“ Stein warf das Rundschreiben „Verträge gekündigt“ in den Papierkorb verliess wortlos den Raum.

Als der Sachbearbeiter Schmidt zwei Stunden später beim MVZ anrief, um sich über Stein zu beschweren, war Controller Stromberg krankheitsbedingt nicht erreichbar. In der Warteschleife spielte Christmas-Pop, Tannennadel-Toilettenspray sorgte für weihnachtlichen Duft, Einkaufstüten wurden kostenlos beaufsichtigt und für die lieben Kleinen gab es ganz viele eingeschweisste und unzerstörbare Aachener Printen. Einige Besucher behaupten, ein spöttisches Lächeln auf den Printen gesehen zu haben.


Dr. Stein und die Ecard

Thorsten Nobyte legte eine weitere DVD in den Brenner: Neumann, Alfred, lebenslange Bürgernummer (LBNR) 21031923456 war der letzte Kandidat für heute. Morgen würde er die 250 bestellten Datensätze bei der Allgemeinen Lebensversicherung („Ihr Leben ist unsere Berufung“) gegen einen Verrechnungsscheck eintauschen. Es wurde aber auch Zeit, denn die nächste Rate für das Häuschen war fällig. Wieder wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er als IT-Techniker in der Serverfarm total unterbezahlt war. Sein Arbeitgeber, die Gesundheitsagentur, war eben ein alter Geizkragen. Er steckte die DVD zurück in die Kitteltasche und schlenderte bewusst lässig aus dem Kontrollraum.

Dr. Frank Stein war auf dem Weg in die Allgemeinmedizinische Abteilung des MVZ. Seit das MVZ in das konzerneigene Krankenhaus eingezogen war, nahm er gerne die Abkürzung durch die Notaufnahme. Sein Blick fiel auf eine zusammengekauerte Gestalt auf einer Trage an der Wand unter dem Banner „Alles für die Qualität“. Das Gesicht war vom Fieber gerötet, die trüben Augen starrten teilnahmslos, der schmuddelige Verband am Unterarm war von Eiter und Blut durchtränkt. „Was ist denn mit dem los?“ sprach Stein einen vorbeihastenden Pfleger an. „Ein Illegaler, Spritzenabszess“, klärte der Pfleger auf.

Ach ja, die Illegalen, erinnerte sich Stein. Seit dem Gesundheitstransparenzgesetz vom Mai 2013 wurden es immer mehr. Seitdem kein Arzt mehr einen Patienten behandeln durfte, ohne die kompletten Behandlungsdaten auf die Server der Gesundheitsagentur zu spielen. Diese strafbewehrte Anordnung sollte dem Verbraucherschutz und der Transparenz dienen, schwarze Schafe unter den Ärzten und Patienten sollten identifiziert werden, doppelte Untersuchungen vermieden und die Behandlungsdaten im Notfall immer verfügbar sein. Doch viele Patienten fürchteten sich vor der Datenspeicherung: Abteilungsleiter mit Depressionen, Versicherungsvertreter mit Alkoholabhängigkeit, alleinreisende Männer mit unangenehmen Souvenirs aus Asien, schwangere Teenager.

Inzwischen gab es hunderte von illegalen Hinterzimmer-Sprechstunden, hatte Stein gehört. Dort wurden unter fragwürdigen Bedingungen Alkoholentzugsbehandlungen, Antibiotikatherapien und Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Die anonymen Ärzte fragten nicht nach der elektronischen Gesundheitskarte, aber sie verlangten horrende Preise für ihre diskreten Dienste. Oft strandeten die Patienten nach Komplikationen hier in der Klinik.

Bezirksdirektor Zwickel tobte. Der Datensatz von Schulze, Ernst August, LBNR 212382132193 war völlig unbrauchbar. Wie sollte er damit eine vernünftige Risikobeurteilung der beantragten Lebensversicherung machen? Diesem Rechenknecht Nobyte würde er Beine machen! Ernst August Schulze soll 2013 eine Wochenbettdepression und 2014 einen auffälligen Mammographiebefund gehabt haben – sehr witzig. Verärgert warf er die DVD in den Papierkorb.

Stein betrat den Gemeinschaftsraum des MVZ und sein Blick wurde sofort auf die Titelschlagzeile des „Kleinstädter Einheitsboten“ gelenkt, der in einer Kaffeepfütze auf dem Tisch lag: „Kartenfälscher – die Baumarktbande hat wieder zugeschlagen“. Stein erinnerte sich an die Vorfälle in norddeutschen Baumärkten im Jahr 2011. Damals hatte eine Bande an mehreren Baumarktkassen Kartenleser manipuliert und so EC-Kartenkopien mit passender Geheimnummer hergestellt. Stein las weiter:„…gelang es der Bande diesmal, in mehreren MVZs zahlreiche Kartenleser zu manipulieren und die Gesundheitskarten einschliesslich Geheimzahl auszulesen. Für ein Kartenduplikat erzielten sie auf dem Schwarzmarkt mehrere hundert Euro… aufgefallen war der Schwindel, weil in den Patientenakten in der Serverfarm immer mehr Behandlungs-und Laborberichte gefunden wurden, deren Befunde und Diagnosen gar nicht zum ursprünglichen Kartenbesitzer passten.“ Kopfschüttelnd legte Stein die Zeitung zurück und machte sich auf den Weg in sein Sprechzimmer.


und sonst noch ...

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