Götz Aly
Aus ArztWiki
Götz Aly (* 3. Mai 1947 in Heidelberg) ist ein deutscher Historiker, freier Journalist, Buchautor und Professor. Er absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Geschichte und Politische Wissenschaften in Berlin. 1972 bis 1973 war er Mitglied der linksradikalen Roten Hilfe Westberlin. Aly arbeitete später als Redakteur bei der "taz" und der "Berliner Zeitung". 1994 habilitierte sich Götz Aly, 2004 bis 2006 war er Gastprofessor am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main. Als Historiker befasst sich Götz Aly vor allem mit dem Nationalsozialismus. Kürzlich erschien sein Buch "Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück"
Zitate
»Shalechet« (Gefallenes Laub), Installation des israelischen Künstlers Menashe Kadishman (geb.1932) in einem Leerraum des jüdischen Museums BERLIN
- SPIEGEL: Ins Bild gehört auch, dass die Menschen dem Regime in die Hände gearbeitet haben. Fest: Viel mehr jedenfalls, als viele später wahrhaben wollten. Das lag sicher auch an dem, was Götz Aly kürzlich über die sozialstaatliche Ausrichtung des Regimes veröffentlicht hat: Volkswagen und Volksempfänger für alle, das "Kraft durch Freude"-Programm und dergleichen. Es empört mich deshalb auch, wenn ich höre, dass nur das Bürgertum versagt habe. Es haben alle versagt: die Arbeiterschaft, die Parteien, die Kirchen, das Militär, einfach alle. SPIEGEL: Gewerkschaften und Sozialdemokraten haben Hitler im Januar 1933 nicht an die Macht gebracht. Fest: Die Ursünde liegt vor 1933: in der Flucht der Parteien aus der Verantwortung, und davon ist auch die SPD nicht ausgenommen. Nach der sogenannten Machtergreifung liefen die Menschen dann in wachsender Zahl über. Nur Charaktere hielten stand, nicht Gruppen und nicht Ideologien. (SPIEGEL-Interview mit Hitler-Biograf Joachim Fest über das Interesse der 68er am Nationalsozialismus)
- Die sozialpolitisch bestochenen Volksgenossen - Wie konnte es geschehen? Götz Alys Buch über "Hitlers Volksstaat" - eine neue Deutung des Dritten Reiches - Das Programm des "nationalen Sozialismus" stellte weit mehr dar als eine leere Propagandaformel. Dahinter verbarg sich eine vom NS-Regime konsequent durchgehaltene Strategie der Machtsicherung und Machtausweitung. Sie beruhte darauf, sich der Botmäßigkeit der "kleinen Leute" durch soziale Konzessionen zu versichern. Mit der Verheißung eines "sozialen Volksstaats" und der Beseitigung der Klassenschranken schuf der Nationalsozialismus einen namentlich für die jüngere Generation äußerst attraktiven Mythos, der ihm deren Gefolgschaft eintrug. Es handelte sich, so Aly, um das "im zerstörerischen Sinn erfolgreichste Generationsprojekt des 20. Jahrhunderts". Den Ursprung des NS-Zukunftsentwurfs führt Aly auf das Trauma des 9. November 1918 zurück, das für die nationalsozialistische Führungsgruppe wie für viele andere Zeitgenossen prägend war. Die künftige deutsche Politik musste alles tun, um einen Zusammenbruch der "inneren Front" zu vermeiden, wie er am Ende des Ersten Weltkrieges eingetreten war. Hitler lernte diese historische Lektion. Er widersetzte sich jeder zusätzlichen Belastung der einfachen Bevölkerung, verurteilte die ungerechte und unzureichende Lebensmittelversorgung und wollte jede Form des Kriegsgewinnlertums, das er in erster Linie den Juden anlastete, unterbinden. (aus einer Rezension und Buchbesprechung Süddeutsche Zeitung 10. März 2005)
- SZ: Also hätten die Studenten auf reformbereite Politiker setzen können? - Aly: Ja. Es hat mich während der Recherchen überrascht, wie viel Intelligenz und Problembewusstsein innerhalb der Regierung versammelt war. Kanzler Kiesinger etwa reiste zum damals Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, und bat ihn, den Volkszorn nicht weiter gegen die Studenten anzustacheln. Auch die Parlamente waren im Denken und Handeln der Mehrheit der Bevölkerung voraus. Das Problem der damaligen Bundesrepublik lag nicht beim Staat und seinen Repräsentanten, sondern in den Familien, im Privaten - dort wirkte das Gift des Nationalsozialismus fort. Die 68er-Studenten wichen dem privaten Konflikt aus und projizierten ihn auf einen angeblich faschistischen Staat.
- "Unser Kampf": In seinem neuen Buch rechnet Historiker Götz Aly tüchtig mit der 68er-Generation ab - polemisch und provokativ.
- Ich kann von meinen Büchern leben, brauche mich keinen institutionellen Zwängen zu unterwerfen: Dafür habe ich gut bezahlte Redakteursverträge abgelehnt oder gekündigt und noch im Januar 2007 die Übernahme einer gut dotierten deutschen Professur ausgeschlagen. Meine Freiheit ist mir viel wert. Das war manchmal nicht leicht, aber ich rate dazu. Es ist ein Privileg, wenn man ins Archiv gehen und Bücher schreiben kann und sich weder um Prüflinge oder Gutachten noch um Drittmittel oder um die Fährnisse der akademischen Selbstverwaltung kümmern muss.
- Ist die junge Generation, sind wir auf die kommenden Jahre einer instabilen Wirtschaft ausreichend vorbereitet durch Eltern, Lehrer und Politiker? - Schmidt: Anders als die Amerikaner, die mit Optimismus durchs Leben gehen, lassen sich die Deutschen leicht ängstigen. Das sieht man bei den Eltern, bei den Studienräten und bei den Politikern. Das hat seine Gründe. Sie liegen in der deutschen Geschichte, in der Nazizeit, in den verlorenen Weltkriegen, sie liegen in Auschwitz, in der Vernichtung der europäischen Juden, in sechs Millionen toten Juden. Das alles spielt im Unterbewusstsein der Deutschen eine große Rolle. Helmut Schmidt zum 90. "Seien Sie ernsthaft"
- Ich (Angela Merkel) glaube, dass wir zum Teil noch gar nicht erkannt haben, welche kulturelle Revolution die Informationstechnologie mit sich gebracht hat. Meiner festen Überzeugung nach sind die Tatsachen, dass ich heute bei Ihnen bin, dass wir keine Mauer mehr in Berlin haben, dass der Kalte Krieg beendet ist und dass sich eine unglaubliche Bewegung der Freiheit über die Welt ausgebreitet hat, ein Produkt der Informationsgesellschaft beziehungsweise der Fähigkeit, Informationen auszutauschen. Dies alles wäre ohne Informationstechnologie nicht möglich gewesen.
- Diktatorische Systeme bekommen zunehmend ein prinzipielles Problem. Die weltweite Verfügbarkeit von Informationen ist wesentliche Voraussetzung für ökonomischen Erfolg. Folglich muss den Bürgerinnen und Bürgern in den Ländern ein vollständiger Zugang zu Informationen gewährt und die Fähigkeit, Informationen zu neuem Wissen zu verknüpfen, per Bildung beigebracht werden.
- In einem politisch-diktatorischen System führt dies zu einem Zielkonflikt. Auf der einen Seite muss darauf geachtet werden, dass die Bürgerinnen und Bürger eines Landes während der Arbeitszeit diese Fähigkeit erlernen. Auf der anderen Seite muss sichergestellt werden, dass diese Menschen nicht so mündig werden, dass sie beginnen, das System außerhalb der Arbeitszeit zu kritisieren.
- Nationalsozialistisches Parteiprogramm im Februar 1920: "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" - "Erste Pflicht jedes Staatsbürgers", hieß es unter Punkt 10, "muß sein, geistig oder körperlich zu schaffen. Die Tätigkeit des einzelnen darf nicht gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern muß im Rahmen des Gesamten und zum Nutzen aller erfolgen", und dann unter Punkt 24: Die NSDAP "bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, daß eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage: Gemeinnutz geht vor Eigennutz".
- Zwar hatten auch die übrigen Parteien der Weimarer Republik die Parole "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" in ihre Programme geschrieben, aber die NSDAP vermochte sie besonders wirksam zu vertreten, da sie sich im Unterschied zu den Liberalen, Konservativen, Katholiken und Sozialisten mit keiner Klientel verband, sich vielmehr als "junge", klassenübergreifende "Volkspartei" präsentierte, die nicht Einzelinteressen repräsentieren wollte, sondern die ganze "Volksgemeinschaft". "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" geriet nach 1933 in den Worten des Staatssekretärs der Reichskanzlei, Dr. jur. Hans-Heinrich Lammers, zum "das gesamte Leben des Volkes beherrschende, alles umfassende und daher von der Staatsführung in den Vordergrund gestellte Glaubensbekenntnis des Nationalsozialismus".
Recherchen Jahrzehnte danach
- Nach den Erkenntnissen der Experten war das Reichsfinanzministerium weitaus mehr als eine neutrale Behörde des NS-Staates. Nach Aussagen des Sprechers der Historiker-Gruppe, Hans-Peter Ullmann, leistete das Ministerium vielmehr einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren und zur verbrecherischen Politik des Dritten Reichs. Das Finanzministerium hat seine Aufgabe nach Worten des Kölner Historikers darin gesehen, "das Unrechtsregime samt seiner Politik der Aufrüstung und Kriegsführung zu finanzieren". Dazu habe es sich nicht alleine der herkömmlichen Mittel bedient, sondern im großen Umfang auf schlichten Raub gesetzt.
Links
- Der Nationalsozialismus war ein revolutionärer Triumph über den Reformstau der ersten deutschen Republik und erkaufte sich den sozialen Frieden mit der Gründung des deutschen Sozialstaats. Krieg und Judenmord dienten der Steigerung des allgemeinen deutschen Wohlstands. Essay: Ich bin das Volk - Alle reden von Hitler, wir reden von Hitler-Deutschland. Von Götz Aly
