Geriatrische Pharmazie

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Der Begriff „Geriatrische Pharmazie“

Ziel der Geriatrischen Pharmazie ist die Optimierung des Medikationsprozesses für alte bis hochalte Patientinnen und Patienten, die an mehreren behandlungsbedürftigen Krankheiten gleichzeitig leiden (Multimorbidität) und im Altenheim oder in ihrer eigenen Wohnung leben. Die Geriatrische Pharmazie bedient sich der Methoden der Klinischen Pharmazie und des Qualitätsmanagements (QMS). Sie erzielt optimale Ergebnisse in interdisziplinären Teams, in denen geriatrisch geschulte Apotheker mit Ärzten, Pflegepersonal und Angehörigen fachübergreifend zusammenarbeiten. Aufbauend auf geriatrisch-pharmazeutischen Kenntnissen erhält die Geriatrische Pharmazie die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) älterer Menschen als einen wichtigen Arbeitsschwerpunkt.


Aufgaben und Ziele der Geriatrischen Pharmazie

Der Alterungsprozess eines Menschen ist gekennzeichnet, durch sukzessive nachlassende und später auch ganz ausfallende Organfunktionen. In der Berliner Altenstudie beschrieb Borchelt bereits 1995, dass ein Drittel der Menschen, die älter als 70 Jahre sind, an mindestens fünf chronischen Erkrankungen leiden. [ 1 ] Um die Zunahme altersbedingter Erkrankungen zu verzögern und um ausgefallene Funktionen teilweise oder ganz zu ersetzen, dazu werden häufig Medikamente eingesetzt. Das führt dazu, dass geriatrische Patientinnen und Patienten im Verlauf ihres Alterungsprozesses zunehmend mehr Medikamente regelmäßig einnehmen. Für die Arzneimittelversorgung stellt das eine große Herausforderung dar. Das Risiko für Arzneimittelwechsel- und Nebenwirkungen steigt stark an, je mehr Medikamente der einzelne Mensch täglich einnehmen muss. Die Geriatrische Pharmazie versucht die unerwünschten Arzneimittelereignisse (UAE) für die geriatrischen Patientinnen und Patienten selbst zu minimieren und die Folgekosten für das Gesundheitssystem zu reduzieren.


Die Schwerpunkte der Geriatrischen Pharmazie

sind somit: • die Erstellung und Optimierung von Medikationsprofilen für multimorbide geriatrische Patientinnen und Patienten, • die Dokumentation und Optimierung einrichtungsbezogener Probleme in der Arzneimittelversorgung in Alten- und Pflegeeinrichtungen, • die Erstellung evidenzbasierter pharmakologischer Empfehlungen zur Arzneimitteltherapiesicherheit geriatrischer multimorbider Patientinnen und Patienten. [ 2 ]


Geschichte der geriatrischen Pharmazie

Von Mai 2001 bis Juli 2004 tagte die Enquetekommission „Zukunft einer frauengerechten Gesundheitsversorgung in NRW“ des nordrhein-westfälischen Landtags. Sie beschäftigte sich auch mit dem Thema: „Über-, Unter und Fehlversorgung bezüglich der Medikamenteneinnahme in Altenheimen“. [ 3 ] In diesen Beratungen wurde herausgearbeitet, dass eine verstärkte pharmazeutische Betreuunung älterer multimorbider Patientinnen und Patienten notwendig ist.

In den Mitteilungen der Apothekerkammer Nordrhein (AKNR) „Kammer im Gespräch“ Heft 6, 2004 erschien ein Beitrag der Vizepräsidentin Elisabeth Thesing-Bleck unter dem Titel: „Ambulante Pflege älterer Menschen - Die Apotheken müssen sich den Herausforderungen der Zukunft stellen“.

Elisabeth Thesing-Bleck griff hier erstmalig berufsöffentlich das Thema der Enquêtekommission auf und forderte in ihrer Hauszeitschrift auch die Standesorganisationen auf, die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft anzunehmen und Lösungen für die Arzneimittelversorgung zu erarbeiten. [ 4 ] Sie eröffnete so eine Debatte zunächst unter den Apothekern von Nordrhein, ab Ende 2006 dann auch in der Bundesapothekerkammer, an deren Ende im November 2006 in Nordrhein die Einrichtung einer neuen Weiterbildungsmöglichkeit für die Apothekerinnen und Apotheker beschlossen wurde. [ 2 ]

Als neuer Titel wurde die Wortkombination “Geriatrische Pharmazie“ analog zu den in der Pharmazie gebräuchlichen Kombinationen z. B. „Klinische Pharmazie“ oder „Pharmazeutische Analytik “ ausgewählt. Apothekerinnen und Apotheker, die diese neue Weiterbildungsmöglichkeit erfolgreich absolvieren, dürfen nach bestandener Prüfung zusätzlich die Bezeichnung „Geriatrische Pharmazie“ führen. Am 28.02.2008 wurde diese Bereichsbezeichnung erstmalig an 20 examinierte Geriatrische Pharmazeuten verliehen.


Viele Aufgaben warten

Eine wesentliche Herausforderung der Zukunft besteht in der Vermeidung und Bewältigung von Krankheiten und Behinderungen, die einen hohen Hilfe- und Pflegebedarf zur Folge haben. Die Verbesserungspotentiale für die Lebenssituation älterer Menschen und ihrer Angehörigen, die Geriatrischen Pharmazie bereit stellen kann, wird derzeit vielfach noch unterschätzt, insbesondere aber noch zu wenig genutzt.



Quellenangabe

[ 1 ] Medikationsprobleme beim alten Menschen Petra A. Thürmann Philipp Klee-Institut für Klinische Pharmakologie HELIOS Klinikum Wuppertal Universität Witten/Herdecke http://www.versorgungsforschung.nrw.de/content/e67/e106/e925/e971/object986/Thue_Medikationsprobleme_Witten2007.pdf

[ 2 ] Weiterbildungsordnung für Apothekerinnen und Apotheker der Apothekerkammer Nordrhein vom 23. Juni 2004, zuletzt geändert durch Beschluss vom 29. November 2006.

[ 3 ] Enquetekommission "Zukunft einer frauengerechten
Gesundheitsversorgung in NRW" 
(EKII) www.landtag.nrw.de/portal/WWW/GB_I/I.1/EK/EKALT/13_EK2/aktuelles.jsp

[ 4 ] Kammer im Gespräch (KIG), www.aknr.de/infoservice/kig/index.php | KIG 2004/06 | PDF-Download: kig0604.pdf

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