Hans Joachim Sewering

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Prof. Dr. med. Dr. med. h. c. Hans Joachim Sewering, * 30.01.1916 in Bochum, † 18.06.2010 in Dachau, früherer niedergelassener Internist/ Lungen- und Bronchialheilkunde, Dachau, war Standesfunktionär und Ehrenpräsident der Bayerischen Landesärztekammer, er war mehr als 40 Jahre in der ärztlichen Berufspolitik und in der Gesundheitspolitik aktiv.

Hans Joachim Sewering
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Hans Joachim Sewering

Inhaltsverzeichnis

Vita

  • Geboren in Bochum, Sohn eines Bergarbeiters, Abitur 1933 in Salzburg, studierte er in München und Wien von 1934 bis 1941 Medizin. (mit einjähriger Unterbrechung wegen Wehrdienst)
  • 1941 Staatsexamen, Bestallung als Arzt - Wehrmacht und Tätigkeit in Krankenhäusern der Stadt München und in der Tuberkulosefürsorge - Dissertation: Ein Beitrag zu den Aneurysmen der Milzarterie, Stuttgart 1941
  • 1942 aus der Wehrmacht als dienstunfähig entlassen ist er danach in Krankenhäusern der Stadt München tätig.
  • 1946-1970 Chefarzt des internen Krankenhauses des Landkreises Dachau in Deutenhofen
  • 1947 Praxis in Dachau als Internist - Lungen- und Bronchialheilkunde. In dieser Zeit begann sein berufspolitisches Engagement
  • 1951 wurde er in den Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns gewählt, deren Vorstandsvorsitzender er von 1972 bis 1992 ununterbrochen war.
In dieser Funktion sowie als Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung von 1982 bis 1992 und als Mitglied des Länderausschusses hat er das Kassenarztrecht richtungsweisend mitgestaltet und fortentwickelt.
  • Ab 1958 Mitarbeit im Weltärztebund (World Medical Association - WMA), unter anderem als Schatzmeister
  • 1968 Ernennung zum Honorarprofessor für Sozialmedizin und ärztliche Rechts- und Berufskunde
Ämter 1973 nach SPIEGEL 41/1973: Neben seiner Tätigkeit als Lungenfacharzt im Ärztehaus Dachau: Honorar-Professor (für Sozialmedizin und ärztliche Rechts- und Berufskunde) an der medizinischen Fakultät der Technischen Universität München; Delegierter der Bundesärztekammer für den Weltärztebund; Erster Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes Dachau; Erster Vorsitzender der Bezirksstelle Oberbayern der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern; Erster Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern: Mitglied des Länderausschusses der Kassenärztlichen Bundesvereinigung; Präsident der Bayerischen Landesärztekammer; Erster Vorsitzender des Hochschulausschusses der bayerischen Landesärztekammer; Vizepräsident der Bundesärztekammer: Vizepräsident des Bundesärztetages; Erster Vorsitzender des Weiterbildungsausschusses der Bundesärztekammer: Zweiter Vorsitzender der Hans-Neuffer-Stiftung der Bundesärztekammer; Mitglied des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung: Leiter des Fortbildungskongresses der Bundesärztekammer in Grado; Vorstandsmitglied und Schatzmeister des Weltärztebundes; Vorsitzender des Verwaltungsausschusses der Bayerischen Ärzteversorgung: Mitglied des bayerischen Senats (als Vertreter der Freien Berufe); Mitglied des bayerischen Landesgesundheitsrates: Vorstandsmitglied des "Gesundheitsforum c. V. der "Süddeutschen Zeitung, München: Beiratsmitglied der "Ullstein AV (Kassettenfernsehen); Mitglied des fachärztlichen Arbeitsausschusses beim Technischen Überwachungsverein Bayern: Vorstandsmitglied der "Aktionsgemeinschaft deutscher Ärzte e. V.; Vorsitzender der "Kampfgemeinschaft bayerischer Ärzte: Vorsitzender der Akademie für Arbeitsmedizin in München: Vorstandsmitglied des Verbandes der Freien Berufe in Bayern; Beiratsmitglied des gesundheitspolitischen Arbeitskreises der CSU.
  • 1991 wurde er nach 36jähriger Mitwirkung im Vorstand der BÄK zu dessen Ehrenmitglied gewählt.
  • 1998 bekam er die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München verliehen.
  • 2008 Günther-Budelmann-Medaille an verdienten Internisten verliehen - Auf der Mitgliederversammlung des Berufsverbandes Deutscher Internisten e.V. (BDI) am 30. März 2008 Die Günther-Budelmann-Medaille ist die höchste Auszeichnung, die der Verband vergibt. Benannt ist sie nach Günther Budelmann, dem ersten Präsidenten des Berufsverbandes Deutscher Internisten e.V

Auszeichnungen

  • Äußere Zeichen seiner Verdienste sind die Ernennung zum Honorarprofessor, die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München, der Bayerische Verdienstorden, der große Bundesverdienstorden mit Stern und Schulterband, die Bayerische Verdienstmedaille für soziale Verdienste, die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber und Gold, der Commendatore des italienischen Verdienstordens sowie 1992 die höchste Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft, die Paracelsus-Medaille
  • Sewering habe sich "wie kaum ein anderer um die Freiheit des ärztlichen Berufsstandes“ verdient gemacht, lobt Internisten-Präsident Wolfgang Wesiack. Deshalb verlieh ihm der Verband die Günther-Budelmann-Medaille, die höchste Auszeichnung der Internisten. Die Ehrung fand nach Informationen von sueddeutsche.de bereits am 30. März 2008 am Rande des Internistenkongresses in Wiesbaden statt.
Der vdää kritisiert die Ehrung Sewerings und fordert den BDI auf, sie zurückzunehmen. Sie ist ein Hohn für die Opfer der ins NS-Regime verstrickten Ärztinnen und Ärzte und setzt das falsche Signal vor allem für junge Kolleginnen und Kollegen. Nachdem die deutsche Ärzteschaft sich auf dem 92. Ärztetag 1989 in Berlin endlich uneingeschränkt zur Schuld der Ärzteschaft in der Nazizeit bekannt hatte, wird nun durch diese Ehrung die historische Uhr wieder zurückgestellt.

Zitate

Eigene Aussagen

  • Sewering erinnert sich beispielsweise an den 30. Januar 1933 - den Tag, an dem Adolf Hitler an die Macht kommt. Hans Joachim Sewering hat Geburtstag, er wird 17 Jahre alt. Und bald begeistert sich der Gymnasialschüler für die "nationale Bewegung" - so wie später "die jungen Leute für Rockkonzerte", sagt er heute: "Wir sind einfach der Propaganda zum Opfer gefallen." - (Euthanasie-Vorwurf gegen Sewering - Der Ärztepräsident und das tote Mädchen 27.05.2008 - Süddeutsche Zeitung)
Fast 65 Jahre später beteuert Sewering nach wie vor, damals nichts von der mörderischen Praxis gewusst zu haben. Auf die Causa Fröwis angesprochen, sagt er: "Ich habe die Patientin nie gesehen." Warum er trotzdem die Überweisung des Mädchens unterschrieben hat, erklärt der Multi-Funktionär a. D. mit der damaligen Arbeitsüberlastung. Schließlich war ihm damals neben "Zähneziehen" und "Abszesse-Aufschneiden" auch noch die "ärztliche Versorgung der umliegenden Dörfer aufgebrummt" worden.
Seine demokratische Einstellung habe er in seinen vielen Funktionärsjahren zu Genüge unter Beweis gestellt, fügt Sewering noch an: "Sonst hätten mich die Kollegen wohl kaum 40 Jahre lang immer wieder gewählt."
  • Arzt und Geschäft: Glückwunsch Es geht bergab von der Arztpraxis zum Krämerladen. Fehlt nur noch die schwarze Tafel vor der Tür, auf der mit Kreide die Sonderangebote verkündet werden. Ein gefährlicher Weg bergab.

Ärztekammer

  • Fromms Nachfolger, der neugewählte Bundesärztekammer-Präsident Hans Joachim Sewering, der selber in der Wahrnehmung von Standesinteressen nicht immer zimperlich war (SPIEGEL 41/1973), möchte das Image der Bundesärztekammer blank polieren: Jeder Ruch einer Verflechtung zwischen Amt und Geschäft, wie etwa im Fall "Promedicis". soll künftig gemieden werden. 05.11.1973
  • 156 von 288 Delegierten hatten sich (bei neun ungültigen Stimmen) hinter den Antrag der Bundesärztekammer gestellt, ihrem Präsidenten das Vertrauen auszusprechen, und verwarfen damit indirekt den von der Landesärztekammer Nordrhein geforderten Sewering-Rücktritt. Gegen Sewering wird von der Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Betrug als Folge rechtswidriger Praxisgeschäfte; ihm wurde von unabhängigen Rechtsexperten bescheinigt (SPIEGEL 19/1977), daß er unerlaubt Gelder in Millionenhöhe von den Krankenkassen bezogen habe. Sewerings Trick: In seiner Praxis hatte er einen sogenannten Mammomaten aufgestellt; mit diesem Gerät zur automatischen Mammographie beteiligte er sich indirekt am Krebsvorsorgeprogramm. Die ortsansässigen Gynäkologen, die ihre Patientinnen zum Lungenfacharzt Sewering schickten, rechneten mit den Krankenkassen ab und beteiligten ihn am Honorar. Der Justitiar der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Jürgen Bösche, wurde beauftragt, den Ärztetags-Delegierten weiszumachen, zwei inzwischen eingeholte weitere Rechtsgutachten von gleich hohem Rang hätten das Anti-Sewering-Votum des Experten-Teams widerlegt. An den Sewering belastenden Vorwürfen sei folglich gar nichts dran.
  • Der 81. Deutsche Ärztetag 1978 Thema "Öffentlichkeitsarbeit" . Eine Phalanx von Öffentlichkeitsarbeitsexperten trat an. Doch das Unternehmen stand unter keinem guten Stern. Denn just bei diesem Ärztetag wurde der Präsident der Bundesärztekammer, Hans Joachim Sewering, zum Rücktritt gezwungen, Folge nicht zuletzt von anhaltenden Angriffen auf seine Person in der Presse. Öffentlichkeits- und Pressearbeit sind, wie das Beispiel schlagend zeigt, eben nicht so einfach planbar. Plan- und organisierbar sind die Strukturen, seltener die Themen. Die werden allzu oft von außen vorgegeben. Doch manchmal gelingt es, durch eigene (Presse-)Aktivität selbst ein Thema öffentlich zu besetzen.
Den Ärztetag störte ein anhaltender Streit mit den bayerischen AOK wegen der kreativen Nutzung eines Mammomaten in seiner Lungenarztpraxis. Und die Bayern waren am Ende die fast 40-jährige Herrschaft ihres "Königs von Bayern" leid.
  • Aus dem Fall Sewering ist nun doch Sewerings Fall geworden. Die Ärzteschaft, die durch die allzu geschäftstüchtigen Praktiken ihres Präsidenten selber ins Zwielicht zu geraten drohte, versagte ihm am Ende das Vertrauen. Zu lange hatte sie sich schützend vor ihn gestellt. Zuletzt freilich, als Sewering zu allem Überfluß noch eine „linke Kampagne" gegen seine offenkundigen Machenschaften argwöhnte, war es selbst seinen Getreuen zuviel. Von einem „Verfall spätrömischen Ausmaßes" hatte Sewering kurz vor seinem Sturz noch im Tätigkeitsbericht der Bundesärztekammer gesprochen. Wenn irgendeiner, dann war er selber ein Beispiel solchen Verfalls.
  • Hans Joachim Sewering, 74, (1991) wurde nach 35jähriger Amtszeit als Präsident der Bayerischen Landesärztekammer abgewählt - zugunsten eines ebenso konservativen Konkurrenten, des 66jährigen Münchner Allgemeinarztes Hans Hege. Auf sein langes Funktionärsleben blickt Sewering zufrieden zurück: "Wir älteren Ärzte", sagte er 1985, "haben gute Jahre hinter uns. Wir haben von 1955 bis 1977 ordentlich verdient."

Bundessozialgericht

  • Die Aufträge für die Auslastung seiner Diagnose-Apparate sammelte Sewering bei Dachauer Kollegen ein. Doch an die Aufträge gebunden fühlte er sich nicht. Souverän und exzessiv wurden, so das Geheimpapier, in Sewerings Praxis über Jahre hinweg bei jedem sogenannten Überweisungsfall die Apparate angeworfen und Befunde erhoben, die weder medizinisch notwendig noch überhaupt angefordert waren. Lautete der Kollegen-Auftrag etwa, für einen Patienten ein Elektrokardiogramm (EKG) und sonst nichts aufzuzeichnen, kam am Dachauer Oberanger nach Art des Hauses Sewering alles mögliche hinzu.
Da wurden neben dem EKG eben mal die Brustorgane geröntgt und auch noch durchleuchtet, Harnuntersuchungen durchgeführt und blutchemische Werte ermittelt. Zusätzlich wurde der Auftrag freischaffend um einen Blutstatus, einen Bakteriennachweis. einen Blutzuckernachweis und die Errechnung der Senkungsgeschwindigkeit der roten Blutkörperchen bereichert. Selbst die mikroskopische Fahndung nach Wurmeiern fehlte nicht. Durch solche Auftragsüberschreitungen ließen sich pro "Überweisungsfall" mühelos bis zu 600 Prozent mehr Kassenhonorar kassieren, als bei Beachtung kassenärztlicher Pflichten abgefallen wäre: Nach dem zwischen Ärzten und Krankenkassen geschlossenen "Gesamtvertrag" ist jeder auf Überweisung arbeitende Kassenarzt "an den Umfang des Auftrags gebunden und darf andere Leistungen nicht in Ansatz. bringen", damit sinnlose Doppeluntersuchungen vermieden und die Patienten nicht über Gebühr belastet werden.
Vor allem die in den Oberanger entsandten Patientinnen sollten in dem Glauben bleiben, alles sei höchst korrekt. Deshalb entwarf die pfiffige Doktorenriege für ihren ebenso regen wie unerlaubten Mammographie-Verkehr ein Sonderformular, das durch die Verwendung amtlicher Kasseneindrucke einem legalen Überweisungsschein überzeugend nachempfunden war.
  • Vor dem Sozialgericht München beispielsweise ging es Mitte letzten Monats um die Frage, ob Sewering seine Kassenzulassung verlieren sollte. Er behielt sie. Jedenfalls einstweilen; die bayrischen Ortskrankenkassen wollen Berufung beim Landessozialgericht einlegen. Die Kernfrage, fußend auf Sewerings Abrechnungsmethoden mit seinem Dachauer Mammographen und bedeutsam für alle seine in Westdeutschland niedergelassenen Kollegen: Ist er nun Arzt, oder ist er Gewerbetreibender?

Zivilkammer

  • Vor einer Zivilkammer des Landgerichts München 1, jüngster Anschlag auf die fleckenlose Weste, ging es um die Frage, ob der Münchner Fernseh-Chefreporter Dagobert Lindlau (wie geschehen in "Report" vom 2. Mai 1978) sagen darf: "Er", Sewering, habe sich "vom jungen SS-Arzt im Dritten Reich zum höchsten Repräsentanten der deutschen Ärzteschaft hochgearbeitet". Lindlau darf nicht. Immerhin: Hätte er sich darauf beschränkt zu sagen, Sewering habe sich "vom jungen SS-Mann und Arzt", noch dazu mit dem NS-Prädikat "politisch einwandfrei", hochgearbeitet, wäre dies nicht zu beanstanden -- so letzte Woche die Münchner Kammer. "SS-Arzt"' also gleichsam Stabsarzt im schwarzen Rock, war Sewering in der Tat "zu keinem Zeitpunkt", wie "Deutsches Ärzteblatt" betonte. Aber bereits seit dem 1. November 1933 war Sewering Mitglied der SS (Sturm 2/I/31, Mitgliedsnummer: 143 000).
  • Redaktionelle Anmerkung: Eine offene Auseinandersetzung mit der NS-Zeit hat das Deutsche Ärzteblatt in einer 16-teiligen Serie über die "Medizin im Dritten Reich" in den Jahren 1988/89 begonnen. Den Vorwürfen gegen Prof. Sewering wegen dessen Tätigkeit in Schönbrunn ist das Deutsche Ärzteblatt in Heft 5/1993 nachgegangen, die jüngsten Vorwürfe hat das Bayerische Justizministerium überprüft. Anhaltspunkte für ein Verschulden wurden nach Mitteilung des Ministeriums nicht gefunden.

Schönbrunn

Denkmal "Grauer Bus" Weißenau/RV bei Nacht
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Denkmal "Grauer Bus" Weißenau/RV bei Nacht
Buchtitel im Jahre 1920 - Der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche (*1.8.1865 - †16.5.1943) geben die Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form.“ heraus
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Buchtitel im Jahre 1920 - Der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche (*1.8.1865 - †16.5.1943) geben die Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form.“ heraus
  • Schicksalhaft verbunden mit der Schönbrunner Geschichte ist auch Hans Joachim Sewering, ab 1942 Arzt an dem Tbc-Hilfskrankenhaus, der in der Nachkriegszeit eine führende Rolle in der Ärzteschaft spielte. Sewering, der gelegentlich auch als Arzt zu den Schönbrunner Pfleglingen gerufen wurde, überwies 1943 ein 14-jähriges Mädchen nach Eglfing-Haar. In der dortigen „Kinderfachabteilung“ muss sie wie mehr als 300 andere Kinder umgebracht worden sein. Sewering bestreitet bis heute, gewusst zu haben, was in Eglfing-Haar geschah. Krischer vermeidet sorgfältig, Sewering einer Mitwisserschaft oder gar Mitschuld anzuklagen, zitiert auch die Münchner Staatsanwaltschaft, niemandem, also auch nicht Sewering, seien die Kindertötungen bekannt gewesen, erschüttert andererseits aber deren Recherchen.
Der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche (* 1. August 1865 in Wildenhain; † 16. Mai 1943 in Baden-Baden) geben im Jahr 1920 die Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form.“ heraus. Darin sprechen sie sich dafür aus, „Ballastexistenzen“ und „Fremdkörper im Gefüge der menschlichen Gesellschaft“ zu „beseitigen“:
„Wir haben es, von fremden Gesichtspunkten aus verlernt, [...] den staatlichen Organismus im selben Sinne wie ein Ganzes mit eigenen Gesetzen und Rechten zu betrachten, wie ihn etwa ein in sich geschlossener menschlicher Organismus darstellt, der, wie wir Ärzte wissen, im Interesse der Wohlfahrt des Ganzen auch einzelne wertlos gewordene oder schädliche Teile oder Teilchen preisgibt oder abstößt.“
Inschrift Denkmal der grauen Busse, Weissenau
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Inschrift Denkmal der grauen Busse, Weissenau
  • In dieser Fachabteilung vom Bezirkskrankenhaus Eglfing-Haar bei München ist am 16. November 1943 auch Babette Fröwis gestorben, umgebracht durch Luminal. Die 14jährige Patientin war schwachsinnig und litt an Epilepsie. Neun Jahre lang hatte sie in der Obhut der Nonnen von Schönbrunn zugebracht, ihr Gesundheitszustand war gut. Am 26. Oktober 1943 wurde dem Kind ein "Ärztliches Zeugnis" erteilt:
"Babette Fröwis, geb. 7.7.29, befindet sich seit 13.9.1934 in der Anstalt Schönbrunn. Sie leidet an Epilepsie und ereth. Idiotie. Da Fröwis sehr unruhig wird, ist sie für Schönbrunn nicht mehr geeignet; sie wird in die zuständige Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen." Dr. Sewering.
  • Am 1. August 1994 meldete die Deutsche Presseagentur, daß Herr Sewering wegen seiner NS-Vergangenheit nicht mehr in die USA einreisen dürfe. Dabei ging es nicht nur darum, daß er seit 1933 Mitglied der SS und seit 1934 auch der NSDAP war, sondern auch um seine umstrittene Tätigkeit als "Hausarzt" an der Pflegeanstalt Schönbrunn während der NS-Zeit. Er war in wenigstens einem Fall an der Verlegung einer Patientin von Schönbrunn in die Pflegeanstalt Eglfing-Haar beteiligt. Der heutige Direktor und die Oberschwester der Schönbrunner Anstalt schreiben über diese Verlegungen in einer Dokumentation 1993: " . . . die Schwestern wußten, daß diese schwer körperlich und geistig behinderten Menschen als sogenanntes ,unwertes Leben' vernichtet werden sollten."
  • In der Tat hatte Sewering den jüdischen Weltkongress als treibende Kraft bezeichnet, die Bundesärztekammer hatte diese Lesart übernommen und von einer Kampagne gesprochen. Folgt man Seidelmans Erläuterungen über den Hergang, dann waren zwar jüdische Ärzte an den Protesten beteiligt, aber nicht mehrheitlich. Entscheidend sei vielmehr gewesen, so Seidelman, dass Sewering wegen seiner Mitgliedschaften in Partei und SS sowie der Verwicklung in den Fall Babette F. für den Weltärztebund nicht tragbar gewesen sei.
"Zeitgenössisches Plakat"
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"Zeitgenössisches Plakat"
  • Schwester Benigna: Im Interview der Süddeutschen Zeitung vom Januar 1993 hat Herr Sewering gesagt, dass er volles Einverständnis mit den Schwestern über die Verlegungen nach Haar gehabt hätte. In dem Interview hat er den Eindruck erweckt, dass den Schwestern in Schönbrunn nicht bekannt gewesen ist, was mit den Patienten - also den dorthin verlegten behinderten Menschen - in Haar passiert. Sie hätten die Verlegungen deshalb guten Glaubens mehr oder weniger auch befürwortet. - Das kommt aus dem Interview so heraus, und das war der Auslöser, dass wir damals sagten, dem ist nicht so. Weil es nicht geht, daß Professor Sewering die Verantwortung für die Verlegungen damit den Schwestern zuschiebt. (Gespräch über Euthanasie-Opfer "Die Schwestern ahnten, was mit diesen Leuten passiert" - Generaloberin Benigna und Domkapitular Anneser über die "Euthanasie"-Opfer aus Schönbrunn während der Jahre 1940 bis 1945. 27.05.2008 Süddeutsche Zeitung)
  • Der frühere Ärztefunktionär Hans Joachim Sewering, 79, hat während des Dritten Reiches mehr Patienten in die Euthanasie-Anstalt Eglfing-Haar geschickt, als bisher bekannt. Gerhard Zierl, Sprecher des bayrischen Justizministers Hermann Leeb (CSU) bestätigte FOCUS, daß „sechs bis acht Patienten“ durch eine schriftliche Anweisung Sewerings von der Behindertenanstalt Schönbrunn nach Haar verlegt wurden. Davon starben drei Patienten. Bisher wußte man nur von der 14jährigen Babette Fröwis, die Sewering im Oktober 1943 nach Haar geschickt hatte. Sie wurde dort vergiftet. Ob auch die anderen beiden Patienten ermordet wurden, ist laut Zierl unklar.
Sewerings Unterschriften fand die Münchner Staatsanwaltschaft vor wenigen Wochen bei der Durchsicht der Patientenakten in Haar. Obwohl die ersten Euthanasie-Vorwürfe gegen Sewering bereits vor 17 Jahren publik wurden, untersuchten die Fahnder die Akten erst, nachdem FOCUS (32/95) berichtet hatte, daß diese „entscheidenden Beweismittel“ vernachlässigt worden waren, und daß Leeb die Öffentlichkeit über die Ermittlungen falsch informiert hatte.
  • Prälat Josef Steininger und der Dachauer Arzt Hans-Joachim Sewering wurden lange glorifiziert - nun ist ihre Rolle im Nationalsozialimus erforscht. Der Mythos vom Prälaten Josef Steininger, dem "Retter und Vater von Schönbrunn", ist zerbrochen. Der Nimbus des früheren Präsidenten der Bundesärztekammer, Hans Joachim Sewering aus Dachau, als Mediziner mit hohen ethischen Maßstäben ist offiziell und öffentlich widerlegt. Die Historikerin Annemone Christians vom Institut für Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München hat die engen Beziehungen zwischen dem Münchner Gesundheitsamt und Schönbrunn im Detail recherchiert. Ihre Promotion ist Teil eines umfassenden Projekts, in dem die Landeshauptstadt die Geschichte der Stadtverwaltung während der Zeit des Nationalsozialismus erforschen lässt.
Demnach waren die Kontakte zwischen Schönbrunn, dem Direktor und dem nationalsozialistisch geprägten Gesundheitswesen in München schon vor 1940 sehr eng, also vor Beginn des Euthanasieprogramms. So kooperierte Steininger bei der Zwangssterilisation geistig behinderter Menschen.
Schönbrunn habe der Münchner Verwaltung "als Vorbild, als Referenzpunkt" einer gelungen Zusammenarbeit mit dem Umland gegolten, sagte Annemone Christians auf dem Symposium. Die Stadt München suchte während des Zweiten Weltkriegs ständig nach Ausweichorten für ihre Krankenhäuser, um diese vor Bombenangriffen zu schützen. (02.11.2010 Südd. Zeitung)

Ausland/Weltärztebund

  • Zu Sewerings 80. Geburtstag veröffentlichte das Deutsche Ärzteblatt am 26. Januar 1996 eine umfangreiche Würdigung. "Geboren in Bochum, studierte er in München und Wien von 1934 bis 1941 Medizin. Nach Staatsexamen und Promotion und anschließender Tätigkeit als Arzt im Krankenhaus ließ er sich 1947 in Dachau in eigener Praxis nieder", hieß es dort. So einfach geht es also mit der "Entsorgung" der deutschen Vergangenheit. "Das fortbestehende Unvermögen der deutschen Ärzteschaft, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen, hat auf internationaler Ebene verheerende Folgen", schrieb angesichts all dessen der Arzt William Seidelman, Professor an der University of Toronto, in einer internationalen Fachzeitschrift. Nur der deutschen Ärzteschaft?
  • Drei Präsidenten der Bundesärztekammer nach 1945 waren Mitglieder in der SA oder SS gewesen. 1993 wollte sich einer von ihnen - Hans Joachim Sewering - zum Präsident des Weltärztebundes wählen lassen. Protest aus dem Ausland verhinderte jedoch seine Wahl, da er 1943 die Euthanasie-Ermordung eines 14-jährigen Mädchens mitverschuldet hatte.
  • German Doctor Admits SS Past - "I was 17 in 1933 when I had to join the SS," Dr. Sewering said in a telephone interview on Thursday from his home in Dachau, site of a Nazi concentration camp. Prof. Michael M. Kochen of the University of Gottingen and doctors from the United States, Canada, and Israel have been campaigning against Dr. Sewering becoming president of the international organization next October. The American Medical Association is a member of the group.
"His forthcoming presidency of the World Medical Association should be intolerable for the German medical community, especially in these times," Dr. Kochen said. "He isn't yet president, and there's time to select somebody else."
Denkmal der grauen Busse, Weißenau RV
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Denkmal der grauen Busse, Weißenau RV
  • July 21, 1995: Greenbrae doctor wins D.C. support for Nazi trial - The Committee to Bring Dr. Hans Joachim Sewering to Justice, which Franzblau heads, holds a document proving that Sewering signed an order transferring a 14-year-old girl with epilepsy from the Schoenblunn Sanitarium to a so-called healing center at Eglfing-Haar in October 1943. German officials have suggested the document is a forgery. Franzblau rejects any suggestion that the transfer order is a fake and believes Sewering signed at least 900 such orders.
  • Expressing the sense of the Congress that the German Government should investigate and prosecute Dr. Hans Joachim Sewering for his war crimes of euthanasia committed during World War... (Introduced IN THE HOUSE OF REPRESENTATIVES February 11, 1997)
  • The president-elect of the World Medical Association, German physician Hans-Joachim Sewering, resigned today after four nuns and a hospital director dismissed Sewering's claim that he had no idea that patients he sent to a Nazi-era "healing clinic" would be murdered. January 24, 1993 Washington Post
  • Nuns and a fellow doctor who worked with Sewering at the Schoenbrunn Sanitarium later testified he knew signing this order was tantamount to a death sentence. Sewering has repeatedly denied these allegations.
  • Hans-Joachim Sewering, von 1973 bis 1978 Präsident der Bundesärztekammer, stand 1993 zur Wahl als Präsident des Weltärztebunds an, unbeschadet der frühen Mitgliedschaften in der NSDAP und der SS. Auch waren seit 1978 Vorwürfe in der Welt, Sewering habe als Konsiliararzt der Pflegeanstalt Schönbrunn bei Dachau 1943 eine junge Frau, Babette F., in die Psychiatrie München-Haar überwiesen, wo sie ein Opfer des dort praktizierten Krankenmords geworden sei. Der Bioethiker Warren T. Reich (Georgetown University, Washington) trat dafür ein, den Ärzten als Lehre aus der Vergangenheit zu vermitteln, wie vordringlich die persönliche Zuwendung (care) zum Patienten ist. Er hält die in der NS-Zeit systematisch betriebene Abkehr von der individuellen Fürsorge für den Patienten hin zur Vorsorge zum Nutzen der Allgemeinheit („Du bist nichts, Dein Volk ist Alles“) für die tiefere Ursache des Abgleitens in die Unmenschlichkeit.

Trennung FA/HA

  • Es wird von Prof. Sewering gesagt, dass die negative Entwicklung mit „der gesetzlichen Vorgabe“ begonnen habe, die Gesamtvergütung in einen hausärztlichen und einen fachärztlichen Teil zu trennen. Herr Kollege Sewering ist daran zu erinnern, dass er selbst es war, der auf dem bayerischen Landesärztetag 1985 in Bad Füssing höchstpersönlich diese Entwicklung mit einem Leitantrag eingeleitet hat, zu einem Zeitpunkt, als es noch keinerlei „gesetzliche Vorgaben“ dazu gab. Es ist vielmehr so, dass die Politik erst durch diese, seine Gedankenspiele auf die Trennung von Fachärzten und Hausärzten, die freilich immer von dem Hausärzteverband betrieben wurde, aufmerksam gemacht wurde. Dies alles ist im Protokoll des 38. Bayerischen Ärztetages nachzulesen . . .
  • Gemeinsam mit der AOK entwickelte er die Bayernvertrags-Philosophie: das Prinzip ambulant vor stationär. Retrospektiv waren das goldene Zeiten für die niedergelassenen Ärzte.
  • „Ich habe volles Verständnis für die Proteste“, stellt Prof. Dr. med. Dr. h. c. Hans Joachim Sewering 2006 im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt heraus. „Und ich bedauere, dass Ärzte es nötig haben, auf die Straße zu gehen.“... Begonnen habe die negative Entwicklung mit der gesetzlichen Vorgabe, die Gesamtvergütung in einen hausärztlichen und einen fachärztlichen Teil zu trennen. „Damit ist es der Politik gelungen, eine Frontstellung Hausärzte gegen Fachärzte aufzubauen.“ Die Aufteilung in Töpfe und Töpfchen schüre den Neid unter den Fachgruppen, eine „unglückselige Entwicklung, die in der Forderung nach einer Hausarzt-KV gipfelt“. Seinen Nachfolgern in Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und Verbänden rät Sewering eindringlich, die einzelnen Gruppen in der Kassenärzteschaft wieder zu einer Einheit zusammenzuführen.

Ehrungen

  • Mitgliederversammlung des Berufsverbandes Deutscher Internisten e.V. am 30. März 2008: In vielen Jahrzehnten hat sich Professor Sewering durch seine berufspolitischen Aktivitäten wie kaum ein anderer um die Freiheit des ärztlichen Berufsstandes, die Unabhängigkeit der ärztlichen Selbstverwaltung und um das nationale Gesundheitswesen verdient gemacht. Auch auf europäischer Ebene und im Weltärztebund hat er sich engagiert eingesetzt, ebenso als Vertreter der freien Berufe.
Während seiner Amtszeit als Präsident der Bundesärztekammer lagen die Schwerpunkte seiner Arbeit in der Gestaltung der Ausbildung der Ärzte im Rahmen der Approbationsordnung und in der maßgeblichen Gestaltung der ärztlichen Weiterbildung. So tragen die (Muster-) Weiterbildungsordnungen in den 70er Jahren sowie 1987 und 1991 seine Handschrift. Besonders für die Internisten und den BDI e. V. war Professor Sewering ein kenntnisreicher, verständnisvoller Verhandlungspartner. Leider konnte der Geehrte die Auszeichnung nicht persönlich in Wiesbaden entgegennehmen (Günther-Budelmann-Medaille durch BDI)
  • „Wer 1933 in die SS und 1934 in die NSDAP eingetreten ist, der kann nicht sagen, dass er nur als Mitläufer in der letzten Bank gesessen und die Hände in den Schoß gelegt habe“, erklärte Kramer in Hinblick auf Sewerings Vergangenheit. „Was ich aber in der Tat einen Skandal finde, ist das Verhalten des BDI, der so einen Mann ehrt, ohne einen Schwenk auf seine Vergangenheit zu machen“, sagte Kramer.
  • Laudatio anlässlich der Feier des 90. Geburtstages von Professor Dr.med. Dr.h.c. Hans Joachim Sewering am 18. März 2006 im Ärztehaus Bayern
"So wundert es nicht, dass wie in den letzten Jahrzehnten auch, heute Deine Meinung höchst gefragt ist. Du hast zu nahezu allen gesundheitspolitischen Problemen unserer Zeit eine klare Position, die aus Deiner enormen Erfahrung und Kompetenz resultiert. Beispielhaft erwähnen möchte ich hier nur Dein Bekenntnis zum Sachleistungssystem oder zum Sicherstellungsauftrag!"
  • 27.05.2008 - Der BDI nimmt Stellung zur Ehrung für Prof. Hans-Joachim Sewering: ... geehrt für seine Verdienste um die berufliche Unabhängigkeit und die Freiberuflichkeit des Arztes sowie um die ärztlichen Versorgungswerke, die Entwicklung der ärztlichen Weiterbildungsordnung, den Ausbau der Vorsorgemedizin und der programmierten Nachsorge, des Notarztwesens und der Qualitätssicherung, unter anderem im Rahmen der Peri- und Neonatologie-Erhebungen. Auch die Bildung der Gutachter- und Schlichtungsstellen bei Verdacht auf ärztliche Behandlungsfehler geht auf seine Anregung zurück.
  • Im Alter von 94 Jahren ist am 18. Juni 2010 Prof. Hans Joachim Sewering, Ehrenmitglied des Vorstandes der Bundesärztekammer, verstorben. Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe würdigte den ehemaligen Präsidenten der Bundesärztekammer als einen entschiedenen Streiter für die ärztlichen Interessen.
„Professor Sewering hat mehr als 40 Jahre die ärztliche Berufspolitik geprägt. Dabei hat er immer klare Positionen zu gesundheits- und sozialpolitischen Themen eingenommen und sich mit großer Sachkenntnis und politischem Geschick für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres ärztlichen Berufsstandes eingesetzt. Mit Hans Joachim Sewering verliert die Ärzteschaft einen einflussreichen Standesvertreter, dessen gesundheitspolitische Meinung bis zuletzt gefragt war.“

Final-dpa und andere

  • (dpa) - Der langjährige deutsche Ärztefunktionär Hans Joachim Sewering ist im Alter von 94 Jahren in seiner Heimatstadt Dachau gestorben. Sewering war wegen seiner Nazi-Vergangenheit umstritten, wies aber alle Vorwürfe stets zurück.
  • Er war der mächtigste, zugleich der umstrittenste Arztfunktionär der deutschen Nachkriegszeit (Ärztezeitung)
  • Nachruf im SPIEGEL 26/2010: Hans Joachim Sewering, 94. Fast jeder zweite deutsche Arzt gehörte in der Nazi-Zeit der NSDAP an, mehr als sieben Prozent waren damals in der SS. Einer von ihnen war Hans Joachim Sewering. Unmittelbar nach dem Abitur trat er 1933 in den Totenkopforden ein und arbeitete von 1942 an als Arzt im Tuberkulose-Krankenhaus Schönbrunn in Bayern. Dort war auch die 14-jährige geistig behinderte Babette Fröwis untergebracht. Im Jahr 1943 wird das Mädchen auf Sewerings Anweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt, wo es kurz darauf ermordet wird. Insgesamt fielen dort über 300 behinderte Kinder dem Euthanasie-Programm der Nazis zum Opfer. Sewering hat später stets beteuert, nicht gewusst zu haben, was in der Anstalt geschah.
  • Deutsches Ärzteblatt: Hans Joachim Sewering : Gestalter im Dienst der Ärzteschaft - Die ärztliche Tätigkeit sah er stets eingebettet in das soziale Sicherungssystem und den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat. Hervorzuheben sind seine Initiativen zum Ausbau der Vorsorgemedizin als auch der programmierten Nachsorge sowie zur Qualitätssicherung. Auf seine Anregung wurden in allen Landesärztekammern Gutachterkommissionen oder Schlichtungsstellen gebildet, die bei Verdacht auf ärztliche Behandlungsfehler angerufen werden können. In der Bundesärztekammer richtete er die Abteilung Fortbildung und Wissenschaft ein.
Hans Joachim Sewering vereinte politisches Gespür mit Intelligenz, Fantasie und Realitätssinn. Mit Überzeugungskraft, genauem Aktenstudium und immensem Fleiß, Beständigkeit und Verlässlichkeit hat er das Vertrauen bei Partnern und sogar Kontrahenten erworben. Stets an der Sache orientiert, hat er sich um den Erhalt eines freiheitlichen Gesundheitswesens und um die Wahrung ethischer Normen ärztlichen Handelns verdient gemacht.
Prof. Dr. med. Dr. h. c. Jörg-Dietrich Hoppe, Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Karsten Vilmar
  • Die unterzeichnenden Ärztinnen und Ärzte, Medizinhistoriker/innen, Wissenschaftshistoriker/innen und Psychotherapeut/innen möchten Sie, sehr geehrter Herr Prof. Hoppe und sehr geehrter Herr Prof. Vilmar, bestärken, die historische Aufarbeitung der Medizinverbrechen und der Rolle der Medizin im Nationalsozialismus und ihrer Nachwirkungen nach 1945 weiter zu fördern und voranzubringen. In diesem Sinne stehen wir Ihnen, ohne persönlich anklagen oder verurteilen zu wollen, aber doch um Offenlegung der historischen Fakten bemüht, vonseiten der professionellen Medizingeschichte gerne zur Verfügung. (Zum Tod von Prof. Hans Joachim Sewering (DÄ 28– 29/2010: „Gestalter im Dienst der Ärzteschaft“ von Jörg-Dietrich Hoppe und Karsten Vilmar)
  • Die Unterzeichner des Briefes hoffen darauf, dass ihr Protestschreiben als Leserbrief im Deutschen Ärzteblatt abgedruckt wird. "Wir würden uns wünschen, dass uns Professor Hoppe erläutert, was seine Beweggründe für diesen Nachruf waren", sagt Hohendorf. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, die Bundesärztekammer würde mit der historischen Verantwortung gegenüber den Opfern der Medizinverbrechen unsensibel umgehen.
  • Nur Gutes über Ärztepräsident Sewering - Nachruf unterschlägt NS-Zeit. Hoppe sagt dazu, er habe den Nachruf getreu dem Motto "De mortuis nil nisi bene" (Über die Toten nichts als Gutes) verfasst." Ob dieses Motto angemessen ist, wenn es den dunklen Teils des Lebens einer Person der Zeitgeschichte ausblendet – das mag jeder selbst beurteilen.
  • Im Protest gegen die Deportation behinderter Menschen boten die Kirchen durchaus Schutz. Wegen Galens Predigten stoppten die Nationalsozialisten kurzfristig das Programm, um es auf zynische Weise in den Einrichtungen selbst über Hungerhäuser und Medikamente fortzusetzen. Welche Handlungsspielräume hätten also Steininger oder Sewering gehabt?
Die Antwort blieb auf dem Symposium offen. Sicher ist nach den nun vorliegenden Forschungsergebnissen nur eines: Weder Steininger noch Sewering versuchten jemals Leben zu retten. Mehr als 1000 Menschen wurden aus Schönbrunn nach Haar-Eglfing oder in die Psychiatrie in Kaufbeuren deportiert. Nach dem bisherigen Stand der Forschung von Tanja Kipfelsberger überlebten 293.

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"Grauer Bus" ca. 1940
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"Grauer Bus" ca. 1940
Denkmal der grauen Busse, Weissenau-RV
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Denkmal der grauen Busse, Weissenau-RV
  • SPD-Politiker mahnen Ermittlungen an"Um jeden Verdacht aus dem Weg zu räumen, hier werde für einen nach 1945 »verdienten Funktionär« die Wahrheit vertuscht", müsse der Justizminister sich dafür einsetzen, "den notwendigen Untersuchungen den angemessenen zeitlichen Rahmen sowie die nötige inhaltliche Tiefe zu geben", fordert der SPD-Abgeordnete in einem Brief an Staatsminister Manfred Weiß.
  • Ein düsteres Kapitel - Ärzte in der Nazizeit − wer machte sich schuldig? Bayerns Staatsanwälte sind gefordert - Von Till Bastian
"Grauer Bus" in Stuttgart 2009
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"Grauer Bus" in Stuttgart 2009
  • Psychisch Kranke und behinderte Menschen waren die ersten Opfer eines systematischen, von langer Hand vorbereiteten Ausrottungsplans, der sich gegen Kranke und vom NS-Regime als rassisch minderwertig Verleumdete richtete. Das „Denkmal der grauen Busse” erinnert an die Todestransporte der Patienten. Die Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz haben dieses Mahnmal 2006 für das Zentrum für Psychiatrie Die Weissenau bei Ravensburg geschaffen. Ein in Originalgröße in Beton gegossener Bus des gleichen Typs, wie er in den Jahren 1940 und 1941 von den Pflegeanstalten zu den Vernichtungslagern fuhr, erinnert an den Massenmord. Dem Denkmalbus eingeschrieben ist das Zitat: „Wohin bringt Ihr uns?”, die überlieferte Frage eines Patienten.
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