Hans Lungwitz
Aus ArztWiki
Hans Lungwitz (* 19. Oktober 1881 in Gößnitz (Sachsen-Altenburg); † 24. Juni 1967 in Berlin) war ein deutscher Arzt und Schriftsteller.
studierte Chemie und Medizin in Greifswald, München und Halle. 1908 eröffnete er eine allgemeinärztliche Praxis in Berlin und gründete ein Jahr später den Adler-Verlag, in dem er zahlreiche Bücher und medizinische Fachzeitschriften herausgab. Vor allem in dem Blatt "Moderne Medizin" setzte er sich ab 1910 für die Verstaatlichung des Gesundheitswesens ein. Doch Lungwitz trat nicht nur mit sozialreformerischen Aktivitäten hervor, sondern auch als Schriftsteller: Zwei Arztromane und spätere belletristische Werke bescherten ihm kleine Achtungserfolge. Ab 1921 setzte sich Lungwitz intensiv mit der Freudschen Psychoanalyse auseinander, die seinerzeit bereits als Wissenschaft anerkannt war. Schon bald stellte er der psychoanalytischen Theorie eine eigene Erkenntnislehre gegenüber, die er 1923 mit dem Namen Psychobiologie bedachte. Hierbei wandte sich Lungwitz gegen die Auffassung, dass im menschlichen Körper eine Seele wohne und dass der Denkprozess ein seelisch-geistiger Vorgang sei. Vielmehr betrachtete er diesen als rein körperliche Funktion der Nerven und des Gehirns. Er bekommt heutzutage durch verschiedene Dissertationen medizinhistorisch und damit posthum gewisse Bedeutung und Beachtung, die ihm früher teilweise auch schon zuteil wurde.
Inhaltsverzeichnis |
Lungwitz selbst zu seinen Ansichten
- Der Ausgangspunkt meiner Lebensarbeit war der Hunger nach der Erkenntnis: wie kommt das menschliche Denken, das menschliche Bewußtsein, die menschliche Anschauung zustande?
- Diese Frage ist einerseits eine philosophische und zwar erkenntnistheoretische, anderseits eine medizinische. Das erkenntnistheoretische Grundproblem ist die Frage nach dem Wesen der Dinge, also die Trias:
- was ist das Erkannte (das Objekt, Bewußte, Wahrgenommene, Angeschaute, Gedachte usw.)
- was ist das Erkennende (das Subjekt, Wahrnehmende, Anschauende, Denkende usw.)
- was ist, wie geschieht das Erkennen (Wahrnehmen, Anschauen, Denken usw.)?
- Die Medizin dagegen untersucht den gesunden und den kranken Menschen und hat so auch die Aufgabe, das Denkorgan ausfindig zu machen und seine normale und abnormale Struktur und Funktion zu studieren und zu beschreiben. Die Philosophie kann auch ohne die medizinische Wissenschaft von Menschen Erkenntnisanalyse treiben (s. den 1. Teil dieses Bandes sowie den 5. Bd.), wie die Medizin ohne Philosophie ihre Forschungen nach und an dem Denkorgan anstellen kann. Beider Ergebnisse aber müssen zum Beweise ihrer Richtigkeit sich gegenseitig bestätigen, ja letztens konferieren. (im "Lehrbuch der Psychobiologie")
Dissertationen zu Leben und Werk von Hans Lungwitz
- Der Arzt Hans Lungwitz (1881-1967) im Spiegel seiner sozialreformerischen Schriften - Dissertation Uni Würzburg 2004 - A.Fellermeyer
- Hans Lungwitz (1881-1967) - Arzt und Schriftsteller - Dissertation von: Miener, Matthias, 2005, Institut für Geschichte der Medizin, Uni Würzburg
Zitate
- Ein weiteres Problem sei darin zu sehen, daß die „Kassenlöwen“ in allen Gremien säßen und dort das Wort führten. Da sie an dem jetzigen Zustand nichts auszusetzen hätten, liege es ihnen auch fern, an diesem etwas zu ändern. Lungwitz warnt davor, den Reden dieser Kassenlöwen Glauben zu schenken. Man solle sich vielmehr all diejenigen als Maßstab nehmen, die die ärztliche Not am eigenen Leib verspürten. Und man möge nicht außer acht lassen, daß es in der Natur des Arztberufes liege zu resignieren; dies sei nicht weiter verwunderlich, da jeder Kritiker von den kassengewaltigen Führern „kaltgestellt“ bzw. totgeschwiegen werde.
- Die Kassenarztlöhne seien seit 1914 um 10 bis 33 Prozent gestiegen, während z.B. die Arbeiterlöhne um 200 bis 300 Prozent angewachsen seien; im Gegensatz dazu seien die Kosten für ärztliche Berufsgegenstände um 200 bis 500 Prozent und die Lebenshaltungskosten gar um 300 bis 1.000 Prozent gestiegen. Lungwitz schlußfolgert: „Der Arzt, der leben will, muß ‚Ramschbehandlung’ einführen, wie ich den Massenbetrieb in der kassenärztlichen Sprechstunde nennen möchte.“ Da die Leistung eines Arbeiters nach dem Lohn eingeschätzt werde, also jede Arbeit ihren Lohn wert sei, komme es durch die geringe kassenärztliche Entlohnung noch zusätzlich zu einer Herabsetzung des Wertes der ärztlichen Leistung. Laut Lungwitz gibt es, wie er es an mehreren Beispielen vorrechnet, nur zwei Möglichkeiten für den Arzt: „entweder Kassenlöwe oder Hungerkünstler!“
- Anhand der erhaltenen Rezensionen zeigt sich, dass beide Bücher von Lungwitz ("Führer der Menschheit? Gedanken u. Erlebnisse e. Arztes. Ein sozialer Roman aus d. Gegenwart". Berlin: Adler-Verl., 1912 und "Der letzte Arzt." Berlin: Adler-Verl., 1913) eine ungemein positive Aufnahme bei den Lesern erfahren haben. Sowohl in der Fachpresse als auch in der Tagespresse wird Lungwitz bestätigt, die Missstände des Ärztestandes wahrheitsgetreu aufgezeigt zu haben, und seine Intention wird dementsprechend hoch gepriesen. Der belletristische Anspruch an beide Romane wird ebenso erfüllt. Es folgen weitere Auflagen, die aber in Anbetracht der Größe des Lungwitzschen Adler-Verlages die Anzahl einiger Tausend nicht überschritten haben dürften. Im Ersten Weltkrieg wird die Problematik der ärztlichen Missstände verständlicherweise in den Hintergrund gedrängt, und auch nach dem Krieg gelingt es Lungwitz nicht, seine Reformvorschläge weiter durchzusetzen. Er ist ohnehin bereits im Begriff, den Schwerpunkt seines Schaffens in Richtung Psychobiologie zu verlagern.
- Die Romane schrieb Lungwitz aus dem Bedürfnis nach Veränderung heraus. Er kritisierte hierin die den ärztlichen Stand beeinträchtigenden Missstände und lieferte die Lösungsansätze gleich mit. Die Widrigkeiten, denen sich der Arzt ausgesetzt sieht, sind nach Lungwitz einmal durch den Staat, repräsentiert durch die Ärztekammern, hervorgerufen, zum anderen aber auch durch die Mediziner selbst, die sich Standesvereinigungen und Ehrengerichten unterwürfen. Erschwerend kämen der Standesdünkel und die Uneinigkeit der Mediziner untereinander hinzu. Die Romane wurden sowohl in der Fachpresse, als auch in der Tagespresse begeistert aufgenommen, und die lautere Absicht des Autors frenetisch bejubelt. Die Authentizität der Darstellung wurde in den Kritiken immer wieder positiv hervorgehoben. Hierbei kam Lungwitz sicher eine genaue Kenntnis über die ärztlichen Verhältnisse zugute, wie auch beide Romane, besonders aber „Führer der Menschheit?“, am deutlichsten in Zusammenschau aller belletristischen Oeuvres die Feder des sie führenden Arztes sprechen lassen. Viele der beschrieben Situationen - sei es im Krankenhaus oder beim Besuch eines Patienten - vermitteln den Eindruck, dass sie der Autor selbst erlebt haben muss.
Psychobiologische Gesellschaft
- Die Psychobiologische Gesellschaft ist ein im Mai 1953 gegründeter nicht rechtsfähiger, gemeinnütziger Verein. Sie dient lt.Satzung insbesondere dem Studium und der Verbreitung der von dem Arzt und Philosophen Dr. med. et phil. Hans Lungwitz (geb. begründeten Wissenschaft der Psychobiologie.
Links
- 1926 trat er in die NSDAP ein, wurde aber am 15. Mai 1932 ausgeschlossen. Lungwitz sympathisierte mit der Vorstellung einer Revision des Friedensvertrag von Versailles; er erkannte aber in Hitler den Neurotiker.
