IGeL

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Die Individuellen Gesundheitsleistungen – kurz IGeL - sind Leistungen, die Ärzte ihren gesetzlichen Kassen- Patienten gegen Selbstzahlung anbieten können bzw. müssen. Sie reichen über das vom Gesetzgeber definierte Maß einer ausreichenden und notwendigen Patientenversorgung hinaus und sind daher von den gesetzlichen Krankenkassen nicht gedeckt. Der Begriff IGeL wurde 1998 von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung eingeführt. Marketing-Gesichtspunkte standen dabei im Vordergrund. Mit der so genannten IGeL-Liste hat die KBV einen bis dahin bestehenden Grundkonsens mit den gesetzlichen Krankenkassen aufgekündigt: Ärzte und Krankenkassen definieren einvernehmlich den Umfang einer wirtschaftlichen, ausreichenden und zweckmäßigen ärztlichen Versorgung.

Illustration Dr. Renate Lott, Berlin DMP - Süddeutsche Zeitung 06. Dezember 2010
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Illustration Dr. Renate Lott, Berlin DMP - Süddeutsche Zeitung 06. Dezember 2010

IGeL steht für "Individuelle GesundheitsLeistungen", die den Leistungsumfang von § 12 SGB V übersteigen und von Kassen-Patienten selbst zu bezahlen sind. Die bekanntesten Beispiele für "Individuelle Gesundheitsleistungen" sind die Glaukom-Früherkennung in der Augenheilkunde oder der PSA-Test in der Urologie. Auch manche Impfungen vor Fernreisen zählen dazu.

Verbraucherschutzorganisationen geben zu diesen Dingen gerne Stellungnahmen ab. Mehr dazu hier: Igel in der Verbraucherzentrale


Inhaltsverzeichnis

Deutsches Ärzteblatt

Stop - Keine Sachleistung!
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Stop - Keine Sachleistung!
Das Konzept der individuellen Gesundheitsleistungen (IGEL) zielt in erster Linie darauf ab, eine leistungsrechtliche Klarstellung in bezug auf diejenigen ärztlichen Maßnahmen zu treffen, die nicht Gegenstand der Gesetzlichen Krankenversicherung sind und damit auch nicht zur kassenärztlichen Versorgung gehören. Angesichts der enormen Dynamik des medizinischen Fortschritts sowie der gleichzeitig wachsenden gesundheitlichen Bedürfnisse ist es erforderlich, die ärztlichen Leistungsangebote jenseits der GKV-Zuständigkeit zu ordnen und aus der "leistungsrechtlichen Grauzone" herauszuholen. Auf diese Weise wird es dem mündigen Bürger und Patienten besser als zuvor möglich sein, gezielte Wahlentscheidungen zur Realisierung individueller Gesundheitsbedürfnisse zu treffen.
Individuelle Gesundheitsleistungen sind nach der Definition der KBV und der ärztlichen Berufsverbände solche ärztlichen Leistungen,
die nicht zum Leistungsumfang der GKV gehören,
die dennoch von Patienten nachgefragt werden und
die ärztlich empfehlenswert oder - je nach Intensität des Patientenwunsches - zumindest ärztlich vertretbar sind.

Ärzteverbände

  • Der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää) und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Patientenberatungsstellen (BAGP) fordern ein Verbot von Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). IGeL stünden für eine Ökonomisierung der Medizin, unter der das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient leide, kritisieren die Verbände in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Sie reagieren damit auf eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido), wonach Ärzte zunehmend Umsatz mit Zusatzleistungen machen.
„Nicht mehr die Heilung des ratsuchenden Patienten, sondern dessen finanzielle Leistungskraft steht im Mittelpunkt des Arzt-Patient-Verhältnisses. Der Arzt mutiert zum Krämer, mit der Kasse gleich am Empfangstresen”, moniert vdaeae-Vorsitzender Wulf Dietrich. Patienten würden durch IGeL verunsichert, weil Ärzte ihnen einreden würden, dass die Leistungen der Krankenkassen nicht mehr ausreichend seien und nur durch privat gezahlte Leistungen eine optimale Versorgung zu erreichen sei.
Anmerkung:
2. Zweck des Vereins - aus der Satzung des VEREIN DEMOKRATISCHER ÄRZTINNEN UND ÄRZTE
Der Verein fördert Wissenschaft, Forschung, Bildung und Erziehung auf dem Gebiet des Gesundheitswesens. Er leistet öffentliche Aufklärungsarbeit mit dem Ziel, demokratische Strukturen im Gesundheitswesen durchzusetzen und zu erhalten. Dem sozialen und humanen Auftrag der Ärzteschaft wird dabei hohe Bedeutung beigemessen. Der Verein verfolgt keine berufsständischen Interessen. Der Satzungszweck wird verwirklicht insbesondere durch wissenschaftliche Veranstaltungen, Mitwirkung an öffentlichen Diskussionen in Fragen des Gesundheitswesens, Beratung und Unterstützung anderer Organisationen sowie durch berufliche Fortbildung.
  • „IGeL-Checkliste“ mit acht Fragen von Bundesärztekammer, Kassenärztlicher Bundesvereinigung und der Techniker Krankenkasse gemeinsam herausgegeben. Wenn der Patient diese mit „ja“ beantworten könne, habe sein Arzt ihn gut beraten, betont die Techniker Krankenkasse. Es handelt sich um folgende Fragen:
  1. Hat mir mein Arzt erklärt, warum die IGeL für mein spezielles gesundheitliches Problem sinnvoll ist?
  2. Hat mir mein Arzt wissenschaftliche Belege für den Nutzen von IGeL genannt?
  3. Hat mich mein Arzt umfassend und verständlich über Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen der IGeL beraten?
  4. Bin ich von meinem Arzt sachlich sowie ohne Drängen informiert worden?
  5. Bin ich von meinem Arzt über die Kosten informiert worden?
  6. Habe ich in der Arztpraxis eine schriftliche Entscheidungshilfe zur IGeL bekommen?
  7. Habe ich das Gefühl, dass ich mich für oder gegen eine vom Arzt vorgeschlagene IGeL frei entscheiden kann?


  • Kritisch beurteilte Andreas Köhler jedoch einen Trend bei Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), der im Vergleich zur vorherigen Befragung deutlich werde. Der Anteil der Versicherten, die vom Arzt eine IGeL angeboten bekommen haben, ist leicht gestiegen: von 22 Prozent im Jahr 2008 auf 24 Prozent. Vor allem aber fanden mehr Versicherte die Bedenkzeit, um ein solches Angebot anzunehmen, nicht ausreichend: Ihr Anteil stieg von 15 auf 19 Prozent. Ich möchte hier an die Kolleginnen und Kollegen appellieren, mit dem Thema IGeL sensibel umzugehen, sagte Köhler. Er ermahnte die Ärzte dazu, das Vertrauen der Patienten nicht aufs Spiel zu setzen.
Die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen führt im Auftrag der KBV regelmäßig eine Versichertenbefragung durch. Für die aktuelle Untersuchung befragte das Unternehmen im September 2011 telefonisch insgesamt 2.048 zufällig ausgewählte Bürger in Deutschland.

BÄK-Präsident Prof. Hoppe

  • Denn ungeachtet des Trends zum kundigen Patienten besitzen Ärztinnen und Ärzte in aller Regel einen Informationsvorsprung und einen Vertrauensvorschuss. Der Patient wird nie ein Konsument mit der dazu gehörenden Souveränität in der Wahlentscheidung werden. Das bedeutet für uns eine hohe Verantwortung.
Unsere Patienten müssen stets darauf vertrauen können, dass medizinische Gründe und nicht Gewinnstreben den Arzt motivieren. Die Trennlinie zwischen dem Freiberufler Arzt, der dem Wohl seiner Patienten verpflichtet ist, und einem kommerziellen Anbieter, der primär eine Maximierung seines Gewinns anstrebt, muss immer ganz deutlich bleiben. Patienten bleiben Patienten, sie dürfen auch im Zusammenhang mit IGeL-Leistungen nicht zu Kunden umdefiniert werden.
  • Jörg-Dietrich Hoppe will korrekten Umgang mit individuellen Gesundheitsleistungen - „Aber Ärzte sind keine Kaufleute, und sie verkaufen keine Ware. Sofern dies geschieht, ist dies – noch bevor es berufsrechtlich relevant wird – aus ärztlicher Sicht bedenklich und schädlich für den Ruf – nicht nur für den des einzelnen Arztes, sondern schnell auch für den der ganzen Profession.“

Zitate

  • Das umfangreiche Igel-Angebot verunsichert viele Patienten. «Es wird suggeriert, dass alles sinnvoll sei», klagt eine Patientin. Doch so ist es keineswegs. «Vieles von den angebotenen Zusatzuntersuchungen kann sinnvoll sein - ist es aber meistens nicht», sagt Leonhard Hansen (Alsdorf), stellvertretender Vorsitzender des Fachausschusses Früherkennung der Deutschen Krebshilfe und Vorsitzender der kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. (nach Aachener Zeitung "Biallos Ratgeber Vorsorgeuntersuchungen: Heftige Zweifel am Nutzen der «Igel»-Liste>>" Von Horst Biallo und Annette Jäger 05.08.2007
  • Die Kassen sind besorgt über die Entwicklung. Weil IGeL-Untersuchungen oft unbegründete Verdachtsdiagnosen auslösen, schlagen Folgekosten doch zu Buche. Zum anderen sehen sie ihre eigenen Leistungen in Misskredit gebracht, wie die Studie der Uni-Lübeck bestätigt. Demnach verweist jeder dritte Arzt auf die schlechten gesetzlichen Leistungen, wenn er seine Selbstzahler-Angebote empfiehlt. "Sätze wie 'Das zahlt die Kasse nicht mehr' sind fast immer falsch", sagt IGeL-Expertin Thomas. "Sie erwecken den Eindruck, als würde sich unsere Gesundheitsversorgung ständig verschlechtern. Richtig ist aber, dass medizinisch notwendige Leistungen, deren Nutzen erwiesen ist, nicht gestrichen werden."
kontrastierende Arztmeinung dazu: Deutsche Vertragsärzte ignorieren nicht mehr die Gesetzeslage, halten sich strikt an den § 12 SGB V ("WANZ"-Paragraph) und vermeiden es, ihre kassenärztliche Tätigkeit "unangemessen auszuweiten", indem das "Regelleistungsvolumen" von weniger als 10 Euro pro Monat nach Möglichkeit nicht überschritten wird. Der Rest ist eben Selbstzahlerleistung und wird mit den Patienten direkt abgerechnet.
  • "Sie (= Gesundheitministerin Ulla Schmidt) wollen den Ärzten wie uns an den Kragen. Bereits im Oktober 2000 tönten Sie in einer Betriebsversammlung beim Pharmaunternehmen Grünenthal, die Zahlungen der Kassen an die Ärzte werden sukzessive reduziert, Ärzte können sich ein zweites, privates Standbein durch IGEL (Privatleistungen) schaffen! (nach Renate Hartwig "Offener Brief an Ulla Schmidt" (Die nun zumindest keinen weiteren Schaden als Gesundheitsministerin anrichten kann ... Hallo, hier ist das Volk!)
Ulla Schmidt: Schon heute geben die Menschen zig Millionen für oft zweifelhafte Gesundheitsprodukte aus, wo langes Leben, Schönheit und Schlankheit versprochen wird. Wir müssen versuchen, dieses Geld in richtige Kanäle zu lenken. Die qualifizierten Fachkräfte im Gesundheitswesen, von den Ernährungsberatern bis zu den Physiotherapeuten, sollten neben den Kassenleistungen zusätzliche privat zu bezahlende Angebote als zweites Standbein aufbauen. Gesundheitspolitik ist für mich mehr als Krankenkassenpolitik. Ich würde mir wünschen, dass der Gesundheitssektor noch stärker zum Wachstumsmarkt wird. Aber das kann nicht alles den Beitragszahlern aufgebürdet werden.
"Die Sozialsysteme sind familienfreundlich" 14.4.2001 in "Die Welt"


Beispiel im Attestbereich - z.B. Schule

  • Gemäß § 43 Abs. 2 des Schulgesetzes des Bundeslandes ....z.B. NRW .... hat die Schule Anspruch auf ein ärztliches Attest, sofern begründete Zweifel bestehen, ob Unterricht aus gesundheitlichen Gründen versäumt wird.
Im vorliegenden Fall sind dies:
……………………………………………………………………………………
……………………………………………………………………………………
……………………………………………………………………………………
Ich .... (Name des Lehrers / Schulleiters) fordere daher von Ihnen als behandelndem Arzt die
Ausstellung eines Attestes für ......... geb. am ........
im Zeitraum vom ………..….... bis…….………..
Ich bin darüber informiert, dass die Ausstellung dieses Attestes keine Kassenleistung darstellt und daher gemäß GOÄ Ziffer 70 liquidiert wird. Die anfordernde Stelle erklärt sich mit der Kostenübernahme bzw. Erstattung bei Vorkasse durch den o.g. Schüler einverstanden.
Datum ............. Unterschrift ............... Schulstempel

Kritik

  • Immer häufiger beschweren sich Patienten, dass Ärzte ihnen zu kostenpflichtigen Untersuchungen raten, deren Sinn sich ihnen nicht erschließt. Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IgeL, heißen jene Untersuchungen, die die Kassen nicht zahlen. Einen offiziellen Katalog gibt es nicht. Das Angebot reicht von einer Lungenfunktionsprüfung für Taucher bis zum Anti-Aging-Treatment. Der Markt boomt: 2005 setzten die Ärzte nach Schätzungen der AOK eine Milliarde Euro mit IGe-Leistungen um.
  • Weder die Ärzteschaft noch die Politik, noch die Kostenträger haben ein Interesse an Transparenz und Qualitätssicherung. Die Ärztinnnen und Ärzte hoffen auf ungestörte "unbürokratische" Zusatzeinkommen. Die Politik lässt sie gewähren und schafft sich so Ruhe an einer besonders heiklen Front, und die GKV hofft, indirekt entlastet zu werden. Es ist ein gefährlicher blinder Fleck in der Versorgungslandschaft entstanden. Niemand kann sagen, wie hoch die Komplikationsrate bei IGeL Leistungen ist.
  • Wenn die Arztpraxis zum Basar wird - Von Brigitte Zander (STERN) - Die Deutschen sind gesünder, als es vielen Ärzten lieb ist, denn Gesunde bringen kein Geld. Es sei denn, man schürt die Angst vor Krankheiten. In raffinierten Verkaufsschulungen lernen Mediziner, wie sie gesunden Patienten lukrative "Individuelle Gesundheits-Leistungen" (IGeL) aufdrängen. In vielen Praxen liegt der IGeL-Anteil am Gesamtgeschäft bei zehn bis 20 Prozent. Tendenz steigend. Praxisbesucher merken, dass der Druck wächst. Jeder vierte GKV-Patient hat im vergangenen Jahr Zusatzdiagnosen und -therapien gegen Bares angeboten bekommen, meldet das Wissenschaftliche Institut der AOK. Die IGeL-Branche publizierte ihre neueste Hit-Liste für verschiedene Facharzt-Gruppen. Orthopäden beispielsweise schätzen nach diesen Markt-Untersuchungen vor allem Magnetfeld-Therapie gegen Arthrose sowie Injektionen mit der Gelenkschmiere Hyaluronsäure. Neurologen igeln mit Demenz-Checks, Licht- und Bioresonanztherapien. Dabei werden angeblich negative Körperschwingungen in harmonische umgewandelt. Urologen verdienen an Mitteln zur Potenzverbesserung und PSA-Tests, den umstrittenen Untersuchungen auf Prostatakrebs.
  • Auf Kritik reagieren die Beutelschneider unterschiedlich. Die Astrotherapeuten, Steinheiler, Geomantiker, Kügelchendreher und Alchimisten beanspruchen Artenschutz. Ihre Verfahren ließen sich nun mal nicht mit dem stumpfen Werkzeug der Naturwissenschaft erklären, das müssten die dumpfen Rationalisten endlich verstehen. Die Schulmediziner hingegen, die ihr Geschäftsmodell erweitert haben und Ganzkörper-CT, Biomarker-Tests, Hormonstatus und Metabolische Kontrolle in Praxen in urbaner Bestlage anbieten, berufen sich auf den Willen der Patienten und dass ihnen die Wissenschaft langfristig schon recht geben werde. ( Medizin und Wahnsinn, Folge 157 Der Preis der Gesundheit Von Werner Bartens )

Links

  • Laut Bundesärztekammer darf ein Arzt seinem Patienten keinesfalls ein IGeL-Angebot aufdrängen oder die freie Wahl zwischen einer privat- und einer vertragsärztlichen Behandlung einschränken.
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