Kostenerstattung

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Arztrechnung im Jahre 1910, Deutschland
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Arztrechnung im Jahre 1910, Deutschland

Als Kostenerstattung wird der Ausgleich des Honorarvorschuß durch den Versicherer bezeichnet. Sie gehört zum Patienten/Versicherungs- oder Kassenverhältnis.

Um nicht mit EU-Recht zu kollidieren, wurde im Paragraph 13 SGB V ein Wahlrecht für die Patient/-innen zur Kostenerstattung geschaffen. Bei der Kostenerstattung erhalten die Patient/-innen eine Rechnung. Die Kosten können sie sich von Ihrer Kasse erstatten lassen. Bei der Privaten Krankenversicherung und im europäischen Ausland ist die Kostenerstattung das übliche Verfahren.

Stuttgart, Schleyerhalle 16.4.2008
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Stuttgart, Schleyerhalle 16.4.2008
Ärzte auf DEMO 22. September 2006 - BERLIN
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Ärzte auf DEMO 22. September 2006 - BERLIN

Vergleiche: Direktabrechnung

Siehe auch: Sachleistungsprinzip

Kostenerstattung historisch im SGB V (KBV-Publikation)

  • Der gesetzlich Krankenversicherte erhält die Leistungen seiner Krankenkasse grundsätzlich als Dienst- oder Sachleistung (§ 2 Abs. 2 Satz 1 SGB V). Der zugelassene Vertragsarzt ist der Vermittler der vertragsärztlichen Leistungen, auf welche der Versicherte bei Eintritt eines Versicherungsfalls gegen seine Krankenkasse Anspruch hat. Aus dem Sachleistungsprinzip folgt, dass keine unmittelbare Vergütungspflicht des Patienten gegenüber dem Arzt besteht. Dieses Grundprinzip des Vertragsarztrechts ist durch das 2. GKV-NOG (GKV-NOG 1997: - Beitragssatzerhöhungen · Änderungen der Versorgungsstruktur · Ausnahmen von Zulassungsbeschränkungen · budgetersetzende Richtgrößen · neue Funktion des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen -) dahingehend geändert worden, dass alle Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen anstelle der Sach- oder Dienstleistung die Kostenerstattung wählen konnten.
Dieser Anspruch auf Erstattung für Pflichtversicherte ist durch das GKV-SolG (GKV-Solidaritätsstärkungsgesetz 1998 Ausgabenbegrenzung und Rücknahme privatversicherungstechnischer Elemente z. B. Kostenerstattung) mit der Begründung wieder abgeschafft worden, er sei ein der solidarischen gesetzlichen Krankenversicherung fremdes Element.



Inhaltsverzeichnis

Historisches zur "Selbstbeteiligung"

  • Eine Verminderung der Patienten mit Bagatellkrankheiten sollte überdies nicht zuletzt im Interesse der Ärzte selber liegen. Durch viele Kassenpraxen werden derzeit bis zu 100 Patienten täglich geschleust, ein Umstand, der dem Arzt kaum die Möglichkeit zur gründlichen Diagnose und Behandlung gibt. Der Einnahmeausfall bei Rückgang der Bagatellfälle könnte künftig durch vermehrte Einzelleistungen bei den wirklich Kranken wettgemacht werden. Das derzeitige System einer kostenlosen Behandlung begünstigt vor allem jene Praktiker, denen es vorwiegend auf das Abkassieren von Krankenscheinen ankommt - zum finanziellen Nachteil ihrer verantwortungsbewußten Kollegen. Im übrigen kollidieren die Vorstellungen der bundesdeutschen Ärzteschaft mit den Erfahrungen, die beispielsweise in Frankreich mit der Selbstbeteiligung gemacht wurden. Dort beträgt der Selbstkostensatz nach Ermittlungen des Bundesarbeitsministeriums rund 50 Prozent der Arztrechnung, ohne daß der Gesundheitszustand der französischen Bevölkerung deshalb schlechter ist als hierzulande. Die mittlere Lebenserwartung der Franzosen liegt sogar noch um einiges höher als die der Bundesbürger. Österreicher, Belgier, Griechen, Luxemburger, Schweden und Schweizer müssen seit Jahren je Behandlung ebenfalls einen Sonderbeitrag leisten. (SPIEGEL 06.01.1960])
  • Zwar hatten sich die ärztlichen Standesorganisationen seit Jahren gegen die immer weiter nach oben ausgedehnte Pflichtversicherungsgrenze bei der Krankenversicherung gewandt und eine angemessene Selbstbeteiligung der höheren Einkommensgruppen gefordert; jedoch lehnte man die nun geplante Einheitsgebühr für die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen als sozial unausgewogen und als ein für die allgemeine Entwicklung der Volksgesundheit kontraproduktives Regulativ ab. (siehe auch Theodor Blank]
  • Für Umstellung auf Kostenerstattung - Der frühere HB-Vorsitzende, Dr. med. Siegfried Häussler, hatte bereits in den siebziger Jahren empirisch nachgewiesen, daß bloße Kostenkenntnis über Arztrechnungen nicht zur pfleglicheren Inanspruchnahme der Versicherungsleistungen veranlaßt. Deshalb plädiert der HB für ein Kostenerstattungsmodell mit sozial verträglichen Selbstbeteiligungsvarianten. Zunächst sollte die Umstellung kurzfristig im Bereich von zwei oder drei Kassenärztlichen Vereinigungen erprobt werden, vorausgesetzt, alle Versicherten und alle Ärzte der Region beteiligen sich. Nur eine Wahlmöglichkeit für die Versicherten, wie sie die Koalition vorschlägt, reiche nicht aus, sie sei vielmehr nur ein erster Schritt. A la longue strebt der Hartmannbund einen Ausstieg der Vertragsärzte aus dem Sachleistungssystem an, nicht aber eine Konvergenz oder einen totalen Systemschwenk der gesetzlichen zur privaten Krankenversicherung. Die sozialen Rahmenbedingungen bei der Leistungsgewährung sollten beachtet werden. (Hauptversammlung November 1996 des Hartmannbundes)
  • "Hauptzielrichtung ist die Ablösung des anonymen Sachleistungsprinzips durch die transparente Kostenerstattung. Der Versicherte erhält dadurch einen besseren Überblick über Leistungen und Kosten. Seine Eigenverantwortung wird geschärft und die Direktbeziehung zum Arzt gestärkt. Kostenerstattung führt weg vom verwalteten und hin zum mündigen Patienten." (Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer vor der Vertreterversammlung der KZBV am 25. Oktober 1996 in Stuttgart)
  • Der Arzt müsse sein Handeln wieder streng an der Indikation ausrichten - und weniger an nichtärztlichen Erwägungen, wie zum Beispiel der Einhaltung ökonomischer Kennziffern. "Wenn wir das also strenger als bisher handhaben, also weniger, dafür aber gezielter machen, dann funktioniert das Ganze auch", zeigt sich Dr. Schorre (Februar 1997) zuversichtlich. "Wir müssen mit den Kassen verhandeln, was geleistet und was gezahlt wird. Wenn wir dann die nicht notwendigen Dinge im Rahmen der GKV nicht mehr anbieten und die Kassen sie auch nicht mehr erstatten, können wir derartige Patientenwünsche privat abrechnen."

Zitate

Buch zur sozialen Marktwirtschaft

  • "Patienten und Leistungserbringer handeln rational in ihrer jeweils persönlichen Sicht, ihnen können keine Vorwürfe gemacht werden, wenn sie ihren persönlichen Nutzen im Rahmen der geltenden Regelungen suchen und ihn natürlich zu optimieren bestrebt sind." das schreiben Peter Oberender und Jochen Fleischmann in diesem Buch und sind davon überzeugt, daß es dem Wesen einer freiheitlich-marktwirtschaftlich geordneten Gesellschaft in den anderen Bereichen unserer Volkswirtschaft entspricht. Es wäre unverständlich, wenn Menschen zum Wohle des Gesundheitswesens nach SGB V in diesem Teilbereich ihres Lebens nicht eigennutzorientiert handeln würden. Somit sind auch weder dem Arzt, der sein Einkommen so erwirtschaften muss, noch dem Patienten, der möglichst gute und zahlreiche Leistungen in Anspruch nehmen möchte, ein Vorwurf zu machen. Kritisieren müssen wir die Regelungsstrukturen unseres Gesundheitswesens, die das eigennutzorientierte Verhalten in falsche Bahnen lenken, die - volkswirtschaftlich gesehen - Verschwendung bedeuten. Eigenverantwortung und Eigennutz können nur in einem System der generellen Kostenerstattung in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen.
aus: "Schwachstellen-Analyse" - Peter Oberender und Jochen Fleischmann - "Gesundheitspolitik in der Sozialen Marktwirtschaft", Reihe: Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft, Verlag Lucius&Lucius, Stuttgart 2002
Prof. Peter Oberender (geb. 1941) war bis 2007 Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Er ist dort aktuell noch Direktor der "Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie" sowie Inhaber und Seniorpartner der Unternehmensberatung "Oberender & Partner", eines auf Gesundheitsökonomie und Krankenhausmanagement spezialisierten Beratungsunternehmens. Außerdem war Oberender Mitglied des Wissenschaftsrates, in dessen Arbeitsgruppe "Public Private Partnership in der Hochschulmedizin" er immer noch Vorsitzender ist. Er ist auch Mitglied der Bayerischen Bioethik-Kommission, stellvertretender Vorsitzender des Bundesschiedsamtes für die vertragsärztliche Versorgung und Vorsitzender des Bundesschiedsamtes für die zahntechnische Versorgung.

Bundesverband ambulantes Operieren

  • Ein Beispiel bietet die „Aktion Phönix“: 1997 wurde die Kostenerstattung im Rahmen der GKV vom damaligen Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer per Gesetz (NOG) eingeführt. Die Ambulanten Operateure und Anästhesisten in Nordrhein-Westfalen setzten die gesetzlich erlaubte Kostenerstattung ein, um die Kosten-Unterdeckung beim Ambulanten Operieren (zu niedrige Punktwerte) über eine Kostenerstattung durch die Krankenkassen auszugleichen. Der damalige Gesundheitsminister Seehofer fürchtete, dass eine direkte Kostenerstattung den Bestand des GKV-Systems gefährden würde. Er veranlasste über die zuständigen Aufsichtsbehörden und Krankenkassen Klagen gegen die „Rädelsführer“ der Ärzte und gegen die KV-Nordrhein. In den folgenden Gerichtsverfahren konnte niemandem ein Vertrags- oder Gesetzesbruch nachgewiesen werden. Die KV Nordrhein musste jedoch die Präambel ihrer Satzung ändern, und dem Vorsitzenden des Bundesverbandes Ambulantes Operieren (BAO) wurde die Kassenzulassung entzogen, weil es den Krankenkassen angeblich nicht zuzumuten war, mit einem wirtschaftlich denkenden Vertragsarzt zusammen zu arbeiten. Das heißt, er wurde wegen systemwidrigen Verhaltens aus dem System eliminiert. Das GKV-System ging gefestigt aus diesem Streit, denn die Gerichte bestätigten, dass der Erhalt des GKV-Systems Vorrang vor Individualrechten der Ärzte hat.

Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV

  • Kostenerstattung versus Sachleistung - Neues Denken bei der KBV: Dr. med. Andreas Köhler jedenfalls will mit dieser Argumentation die nächste Bundesregierung überzeugen: „Dieses Preissystem – verbunden mit einer sinnvollen Ausgabensteuerung – wird den Ärzten wieder Planungssicherheit garantieren. Es wird Bürokratie abbauen und vor allem den Ärzten wieder die Freude an ihrer ärztlichen Tätigkeit zurückbringen.“
  • Der KBV-Vorstand hat Bedenken gegen eine generelle Einführung der Kostenerstattung. Patienten müssten vielleicht hohe Vorauszahlungen leisten, was zu einer Zugangshürde für ambulante Leistungen werden könnte, warnt KBV-Chef Andreas Köhler. Er sorgt sich um die Patienten-Arzt-Beziehung, die sich „drastisch" verändern würde. Preisfeilschereien, Dumping-Angebote, nicht zuletzt ein Qualitätsverlust drohten. Die Ärzte müssten sich auf mehr Bürokratie einstellen und das Inkassorisiko tragen. Das betrage bei Privatpatienten 28 Prozent. Das ruft wiederum die Privatärztlichen Verrechnungsstellen auf den Plan, die für die Ärzte die Honorare der Privatpatienten eintreiben. Mit 0,3 Prozent seien die effektiven Honorarausfälle - nach der anwaltlichen Mahnung – „sehr gering", stellt Verbandsvorstand Stefan Tilgner fest. Bei 14 Millionen Transaktionen ziehen die 15 Verrechnungsstellen mehr als 13 Milliarden Euro ein. Dafür erhalten sie eine Gebühr, laut KBV in Höhe von 6 Prozent. Die Ausweitung der Kostenerstattung wäre damit für sie ein Zusatzgeschäft. Die KBV verschweigt indes auch nicht, dass ein Umstieg auf Kostenerstattung Kassenärztliche Vereinigungen im Innersten treffen würde. „Doch die KVen verlören weitgehend, wenn nicht sogar ganz die Aufgabe, Kollektivverträge mit den Krankenkassen zu vereinbaren, die Gesamtvergütung an die Vertragsärzte weiterzuleiten, Rechnungen zu prüfen, den Sicherstellungsauftrag wahrzunehmen und die hohe Qualität der Leistungen zu garantieren." Das würden dann die Krankenkassen übernehmen. „Vertragsärzte wären dann von deren Wohlwollen und wirtschaftlichen Interessen abhängig." (FAZ, 4. August 2006)
Berlin, am Tag der Wiederwahl 11.3.2011, strahlende Miene nach dem Sieg
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Berlin, am Tag der Wiederwahl 11.3.2011, strahlende Miene nach dem Sieg
  • Darüber hinaus plädierte die VV für die Kostenerstattung als mittelfristiges Ziel. Dies wird von der Politik derzeit jedoch abgelehnt. Grundsätzlich mahnt der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Köhler jedoch, die Versicherten im sozial verträglichen Rahmen finanziell mehr an der Gesundheitsversorgung zu beteiligen, um Kostenbewusstsein und Eigenverantwortung zu stärken: „Ein höherer Anteil von Kostenerstattung in der gesetzlichen Krankenversicherung ist ein zwar tiefgreifender, aus unserer Sicht aber unerlässlicher Schritt, um die Ausgaben besser zu kontrollieren“, sagte Köhler anlässlich des vom Bundeskabinett verabschiedeten Entwurfs für das „Gesetz zur nachhaltigen und sozial ausgewogene Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung“ (GKV-FinG) Ende September 2010.
aus dem Geschäftsbericht für 2010 der KBV

Deutscher Ärztetag

Mit diesem sensationellen Antrag an den 112. Deutschen Ärztetag hat die Kollegin Angelika Haus, Vorsitzende des Hartmannbundes Nordrhein, zusammen mit 9 weiteren Kollegen (Dr. Klaus Baier (Baden-Württemberg), Dr. Ullrich Fleck (Brandenburg), Dr. Christiane Friedländer (Nordrhein), Dr. Jörg Hermann (Bremen), Elke Köhler (Brandenburg), Dr. Thomas Lipp (Sachsen), Dr. Hans-Joachim Lutz (Bayern), Dr. Klaus Reinhardt (Westfalen Lippe) und Matthias Seusing (Schleswig-Holstein)) am 20.05.2009 für Aufsehen gesorgt und eine deutliche Mehrheit der Delegiertenstimmen für die Annahme gewinnen können. In der Begründung heißt es: „Die ärztliche Freiberuflichkeit ist Garant für die Unabhängigkeit der ärztlichen Entscheidung. Nur so können Patienten sicher sein, dass Ärzte in ihren Handlungsweisen nicht durch ökonomische oder staatliche Zwänge eingeengt sind, sondern einzig dem Wohle des Patienten verantwortlich sind. Abrechnungsgrundlage sollte daher in allen Versorgungsbereichen eine – wie in den anderen Freien Berufen üblich – allgemein gültige Gebührenordnung auf der Basis von Einzelleistungen sein... Es [das Kostenerstattungssystem] garantiert Transparenz im Kosten- und Leistungsgeschehen, stärkt die Patientenautonomie und die bewusste Einstellung der Versicherten zum Thema Gesundheit, wahrt die Freiberuflichkeit und Therapiefreiheit des Arztes und macht das deutsche Krankenversicherungssystem zudem europatauglich, da es grenzüberschreitend die Leistungsnachfrage und deren Erbringung wesentlich erleichtert.“

Allianz deutscher Ärzteverbände

  • Wahlinitiative 2009 der Allianz deutscher Ärzteverbände: ... Voraussetzung hierfür ist, dass Versicherte und Patienten Informationen über die ihnen gegenüber erbrachte Leistungen und deren Kosten erhalten. Das Prinzip der im europäischen Ausland üblichen Kostenerstattung muss deshalb auch hierzulande eingeführt werden. Entsprechende Wahlmöglichkeiten müssen sowohl dem Patienten als auch dem Arzt eröffnet werden.


Bundesgesundheitsminister

Philipp Rösler: Natürlich muss es ein Vertrauensverhältnis geben. Deshalb wollen wir keine Rechnungspflicht. Trotzdem werden wir es für Kassenpatienten einfacher und lohnender machen, ihre Rechnung selbst zu bezahlen und sich das Geld dann erstatten zu lassen.
SZ: Wie lange soll es denn dauern, bis wir alle gesundheitsmündig sind?
Rösler: Ich bin nicht so naiv zu glauben, das dieser optimale Zustand sofort zu erreichen ist. Doch man kann sich dem durchaus nähern. Das hängt sehr stark mit Gesundheitsaufklärung und Gesundheitsbildung zusammen.

Gesundheitsoekonom

  • Die privaten Krankenversicherungen (PKV) sind aber nicht deshalb attraktiver, weil den Versicherten ihre Arztrechnung ins Haus flattert. Der Charme der PKV entfaltet sich über die direkte Vertragsbeziehung zwischen Arzt und Patient: Kein Budget der gesetzlichen Krankenkassen kann die Ärzte bei der Abrechnung bremsen. „Die Ärzte versprechen sich durch die Kostenerstattung höhere Einnahmen, als sie von der Krankenkasse für die Erstattung von Sachleistungen bekommen“, sagt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem. Die Chefin der Barmer GEK, Birgit Fischer, formuliert es deutlicher: „Die Kostenerstattung beflügelt die Einkommensphantasien der Ärzte.“

Parteipolitiker

  • SPIEGEL 33/2009 : Unter Patienten, die während der Streiks vor verschlossenen Praxen standen, dürfte dieser Glaube jetzt ziemlich erschüttert sein ...
Karl Lauterbach: Sie müssen sich in der Tat verschaukelt vorkommen. Die Stimmung wurde ja auch noch gezielt ausgenutzt für private Zuzahlungen. Den Leuten wurde der Eindruck vermittelt, als würden die Ärzte am Hungertuch nagen. Das war nicht akzeptabel.
SPIEGEL: Wie ließe sich das Geld unter den Ärzten gerechter verteilen?
Karl Lauterbach: Für mich stellt sich die Frage, ob wir nicht zu einem ganz anderen System kommen sollten, bei dem die Honorare durch eine Gebührenordnung verteilt werden, ähnlich wie jetzt bei den Privatversicherten. Den komplizierten Verteilungsmechanismus der Kassenärztlichen Vereinigungen bräuchten wir dann nicht mehr.


Meinungen - Juristen

  • Findet das Gesundheitssystem erst einmal zur Kostenerstattung, so mag dies vordergründig für Ärzte mit Honorar-Mehreinnahmen verbunden sein. Sie seien den fleißigen Ärzten gegönnt; immerhin heilen sie ihre Patienten, nicht aber der allgegenwärtige Zulassungsbeamte, der sich, selbst bestmöglich alimentiert, vor der Bedarfsanalyse vom ordnungsgemäßen Zustand der formaljuristischen Voraussetzungen vergewissert hat. Im Kern aber wird durch Kostenerstattung etwas ganz anderes, viel Interessanteres erreicht: Der Preis einer medizinischen Leistung wird plötzlich (erstmals für den Zwangsversicherten der GKV) sichtbar; diese Sichtbarkeit schafft Vergleichbarkeit und diese Vergleichbarkeit ist Grundlage einer ersten Transparenz.
Genau diese Transparenz müssen die Sachleistungsverwalter fürchten wie der Leibhaftige das Weihwasser: Verstehen die Zwangsmitglieder der Kassen nämlich plötzlich, welche ärztliche Leistung wie viel kostet, dann fragen sie alsbald auch danach, wie viel denn die Sachleistungsverwaltung ihrerseits alleine verschlingt. Dann werden sie aber bald auch begreifen, wie viele Monate (und Jahre) ihres Lebens sie alleine deswegen für Kassenbeiträge gearbeitet haben, um den Umverteilungsmoloch zu nähren. Dies wiederum ist unausweichlich das Ende der GKV wie wir sie heute kennen. Es ist der Beginn eines effizienten und medizinisch besseren, eines empathischen und menschennahen, unbürokratischen Versorgens der Bevölkerung mit - Medizin!
Es nimmt also nicht Wunder, daß ausgerechnet die Protagonisten der Umverteilungsadministration alle ihnen zu Gebote stehenden propagandistischen Klaviaturen spielen, um das - aus ihrer Perspektive - gefährlich heraufdrohende Kostenerstattungsprinzip mit seinen Transparenzen zu verhindern. Die Intransparenz ist ihr sachleistendes Geschäft, Preisverdunklung ist ihre Existenz, Verunklarung und Verschleierung der Finanzströme ist ihr Lebensunterhalt. (Carlos A. Gebauer in einem Beitrag auf facharzt.de)

Krankenkassen dazu

Vorschlag für plakative Werbung!
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Vorschlag für plakative Werbung!
Verschiedene Systeme in der Synopse - Van Aalst, TK NRW, Abteilung Verträge
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Verschiedene Systeme in der Synopse - Van Aalst, TK NRW, Abteilung Verträge
  • Ich bin der Meinung, dass das Sachleistungsprinzip als wesentliche Säule unserer solidarischen Krankenversicherung der Kostenerstattung deutlich überlegen ist. Es ist versichertenfreundlich, weil es vor finanziellen Überforderungen schützt. Zudem garantiert es eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung unter Berücksichtigung des medizinischen Fortschritts. Als Vertragspartner im Auftrag der Versicherten kann die Barmer/GEK die Interessen der Versicherten und Vorteile für diese Gemeinschaft sicherstellen, die der Einzelne gegenüber dem Arzt oder anderen Leistungserbringern nicht erzielen könnte. Deshalb bleibt die Kostenerstattung immer hinter den Möglichkeiten zurück, die eine Krankenversicherung für eine Versichertengemeinschaft erzielen und gewährleisten kann. (Birgit Fischer)
  • Sie haben eine neue Allianz gegen die Pläne des Gesundheitsministers zur Kostenerstattung gebildet: Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), der Sozialverband VdK Deutschland (VdK) und der AOK-Bundesverband verschicken derzeit gemeinsame Presseinformationen an die Redaktionen des Landes und warnen vor der „Mogelpackung Vorkasse“ und der „Kostenfalle“ für alle Versicherten.

„Ärzte behandeln Privatpatienten nicht nur unter gesundheitlichen, sondern auch unter Ertragsgesichtspunkten, zulasten der Versicherten. Diese Entwicklung droht mit der Kostenerstattung auch den gesetzlich Versicherten“, heißt es in dem aktuellen Schreiben.

  • "Kostenerstattung geht letztlich zu Lasten des Patienten" - Dr. Klaus Jacobs, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO): Die Ziele Transparenz und Kostenbewusstsein klingen gut. Aber es gibt keinerlei Beleg dafür, dass sie mit dem Prinzip der Kostenerstattung besser zu erreichen wären als mit dem Prinzip der Sachleistung, das ja kennzeichnend ist für die gesetzliche Krankenversicherung. Im Gegenteil: Die private Krankenversicherung (PKV), die als prägendes Geschäftsmodell die Kostenerstattung hat, verzeichnet seit Jahren erhebliche höhere Ausgabensteigerungen als die gesetzlichen Krankenkassen, vor allem bei den ambulanten ärztlichen Leistungen.
  • Die Techniker Krankenkasse (TK) nutzt den Handlungsspielraum im Sinne des Gesetzgebers und im Interesse ihrer Versicherten und erhebt seit dem 1. Januar 2011 keinen Verwaltungskostenabschlag mehr“, zitiert der Online-Dienst „ADP-Medien“ Aussagen der TK-Pressestelle. Die Kasse weise außerdem darauf hin, dass die Mindestbindungsfrist bei der Wahl der Kostenerstattung von einem Jahr auf ein Kalendervierteljahr verkürzt worden sei. Konkret heißt es zum Verwaltungskostenabschlag im § 13 Abs. 2 SGB V: "Die Satzung hat das Verfahren der Kostenerstattung zu regeln. Sie kann dabei Abschläge vom Erstattungsbetrag für Verwaltungskosten in Höhe von höchstens 5 Prozent in Abzug bringen." Nach meinung der TK eindeutig: „Es handelt sich also um eine Kann-Regelung, die auch die Option beinhaltet, keinen Verwaltungskostenabschlag zu erheben.“


Arztkritische Presse

  • Eine weitere Geldvermehrungsstrategie vieler Mediziner ist die "Kostenerstattung", eine seit Juli letzten Jahres 1997 statthafte Form der Abrechnung. Dabei schreibt der Mediziner dem Patienten eine Rechnung nach der lukrativen Gebührenordnung für Privatpatienten. Der Kranke soll sie dann seiner Kasse zur Erstattung vorlegen. Die Krankenkassen jedoch wehren sich dagegen, auf diese Weise das gedeckelte Gesamthonorar der Mediziner aufzublähen. Sie haben sich vorgenommen, Ärzten wie Patienten diese Abrechnungsweise durch geringe Kostensätze, zusätzliche Gebühren und bürokratische Schikanen zu vermiesen.
Die Kostenerstattung nutzt nur den Medizinern, das wissen diese sehr wohl. Dennoch finden sie viele nur gerecht. Eine Kölner Gynäkologin schimpft in der "Ärzte-Zeitung", gerade gutsituierte Versicherte müsse sie nicht "zum Sozialtarif behandeln". Ein Hamburger Urologe ließ seine Patienten per Zeitungsinserat wissen, daß er künftig nur noch Privatversicherte versorge, Kassenpatienten nur dann, wenn sie sich auf die Kostenerstattung einlassen. (6.4.1998 im SPIEGEL)

KV-Meinungen/Aktionen

Meinungen

  • Als Interessenvertreter der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte hat sich die KBV dieses Themas, das auch innerärztlich seit Jahren diskutiert wird, erneut angenommen. Gerade jetzt, da es um die längst überfällige Vergütungsreform für ambulante ärztliche Leistungen geht, erhält das Thema neue Brisanz. Denn das Vergütungssystem und die Art des Anspruchs der Patienten gegenüber ihrer Versicherung hängen eng miteinander zusammen. Die politisch und von vielen Ärzten geforderte weitgehende Pauschalierung ist in einem Sachleistungssystem sinnvoll, mit einem Kostenerstattungssystem dagegen wenig kompatibel. (KBV 2006 in einem Papier)
  • Die Kollegen seien in einer schwierigen finanziellen Situation, es drohten Insolvenzen. "Und ein Arzt, der Kostenerstattung macht, ist mir dann lieber als gar kein Arzt mehr." Aber: "Für Kostenerstattung gibt es genaue Vorschriften", betont Günter Gerhardt. Zum Beispiel müssten die Patienten sich damit einverstanden erklären. Hielten sich die Ärzte nicht an diese Vorschriften, müssten sie auch mit Folgen rechnen. So könnten die Kassen etwa die Gesamtvergütung zurückhalten oder Anträge auf Entzug der Zulassung stellen, warnt er. Derzeit arbeitet die KV noch an einem Schreiben zu dem Thema an die Ärzte.
Wenn sehr viele mitmachten, es zum "Massenphänomen" würde, dann müsse natürlich die KV überlegen, wie sie reagiere, um ihren Sicherstellungsauftrag zu erfüllen, sagte Gerhardt.
  • `Einladung zur Infodemo: offener Brief des Vorstandsvorsitzenden an die Mitglieder der KV RLP - Termin 2. Dezember 2009, 15 Uhr, vor dem Gesundheitsministerium, Bauhofstraße 9, in Mainz - Die KV RLP hat den Zeitpunkt der Veranstaltung bewusst gewählt: In Berlin wird jetzt an einer neuen Reform gearbeitet, und wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Unser gemeinsames Ziel muss es jetzt sein, schnell eine Reform auf den Weg zu bringen, die diesen Namen auch verdient. Hierzu haben wir bereits die neue Bundesregierung über ein Konzept für ein Kostenerstattungssystem informiert. Für die Praxen geht es einher mit hoher Transparenz, der geforderten Kalkulationssicherheit und ohne Überforderung der Patienten.
  • Bernhard Brautmeier, Vorstand der KV Nordrhein, beeilt sich zu sagen, dass 13,59 Euro „nicht zu akzeptieren sind“ und die Urologen unbedingt mehr bekommen müssen, da die Absenkung „von der Wirkung her eine Katastrophe ist“. Aber: „Kostenerstattung geht nicht.“ Warum? „Der Patient muss das wollen, und die Ärzte wollen das nicht wirklich.“ Wobei Brautmeier jedoch zugibt, dass es für die Ärzte eine tolle Sache wäre. Aber die Kosten! Man werde jedenfalls die Urologen finanziell besser stellen – um wieviel besser, das könne er allerdings noch nicht sagen.
Antwort Andreas Köhler: "Der Versicherte nimmt das System gerne in Anspruch. Das ist auch gut so. Aber es führt natürlich dazu, dass der Arzt immer weniger Zeit für den einzelnen Patienten hat. Wir müssen den Versicherten deshalb mehr in die Eigenverantwortung bringen."
FR: "Was schlagen Sie vor?"
Köhler: "Eine Eigenbeteiligung von zehn bis 20 Prozent der Behandlungskosten. Natürlich brauchen wir eine jährliche Obergrenze in Abhängigkeit des erzielbaren Einkommens. So kann die Zahl der Arztbesuche reduziert werden. Gleichzeitig muss das System auf Kostenerstattung umgestellt werden. Das heißt, der Versicherte bezahlt die Behandlung vor Ort und holt sich das Geld bei der Krankenkasse wieder. Dann fließt das Geld dorthin, wo es benötigt wird. Das vereinfacht auch das Honorarsystem."

Aktion der KV in Rheinland-Pfalz

76,9 Prozent aller Mitglieder sprechen sich für einen Wechsel von der Sachleistung hin zur Kostenerstattung aus. Ist dieser Systemwechsel eine notwendige Neuerung oder ein Sprung ins Ungewisse?
  • Die KV RLP versteht das vorgelegte Konzept über ein Modellvorhaben einer „Kostenerstattung mit Selbstbehalt für Versicherte der GKV“ im Land Rheinland-Pfalz als erste Anregung für Verhandlungen mit den Kostenträgern und dem zuständigen Ministerium.


Meinungen der KBV

  • 09. September 1989 - VV der KBV in Köln: "Eine generelle Umstellung des ärztlichen Honorierungssystems von der Sachleistung auf eine Kostenerstattung wird abgelehnt" - Grundsatzbeschluß über einen Antrag von Dr. Bausch. Gefordert worden war Kostenerstattung unter anderem vom späteren KBV-Vorsitzenden Dr. Schorre als Delegierter in der VV der KBV 1989.
Laudatio zur Verleihung der Hartmann-Thieding-Plakette an Dr. Jürgen Bausch: anlässlich der Hauptversammlung 2009 Dr. Jürgen Bausch, 1937 in Dillenburg geboren, promovierte 1962 und ist seit 1970 Kinderarzt. Fünf Jahre später ließ er sich in einer fachübergreifenden Gemeinschaftspraxis in Bad Soden-Salmünster nieder. In den Hartmannbund trat Dr. Jürgen Bausch 1977 ein. Seit 1981 ist er in der Verbandsarbeit aktiv. Mitte der achtziger Jahre wählte ihn die Abgeordnetenversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen zu ihrem Sprecher. Diese Funktion nahm er bis 1987 wahr. Zehn Jahre später gewann er das Vertrauen der Abgeordnetenversammlung erneut – diesmal als 1. Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Seit 2001 ist Dr. Jürgen Bausch ihr Ehrenvorsitzender. Seit 1997 engagiert sich Dr. Jürgen Bausch zudem im Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, der im Jahre 2004 im Gemeinsamen Bundesausschusses aufgegangen ist.
"Praxissterben" auf einer Ärzteveranstaltung 2009 drastisch demonstriert
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"Praxissterben" auf einer Ärzteveranstaltung 2009 drastisch demonstriert
  • Nun wird spekuliert, dass er (Andreas Köhler) sie persönlich gar nicht haben möchte. Denn wenn die Patienten ihren Arzt direkt bezahlen, verlieren die Kassenärztliche Bundesvereinigung und ihr Chef Köhler ihre Bedeutung. Deren Aufgabe ist derzeit die Honorierung der Ärzte. Versucht Köhler womöglich deshalb mit der Warnung vor einem Praxissterben die Kostenerstattung inoffiziell abzuschießen?

Modellprojekt der KVB

Schema zum Modellprojekt
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Schema zum Modellprojekt
Das Projekt wurde in erster Linie für den fachärztlichen Bereich entwickelt und von KVB-Vorstandsmitglied Dr. Ilka Enger initiiert. Eine Umsetzung für den hausärztlichen Bereich ist ebenfalls möglich. Der Grundgedanke des Gesundheitskonto Bayern basiert auf einer höheren Eigenverantwortung der Patienten mit Hilfe gezielter Informationen über Leistungen und Kosten. Für jeden teilnehmenden Versicherten wird ein individuelles Gesundheitskonto geführt.
  • Statement Frau Dr. Enger: Neben Hausarztverträgen, Kinderarztverträgen, Selektivverträgen beispielsweise nach Paragraph 73c des Fünften Sozialgesetzbuchs (SGB V) und Strukturverträgen geht es dabei auch um Modelle der Kostenerstattung vor allem in der fachärztlichen Versorgung. Die Kostenerstattung sorgt dabei für mehr Transparenz bei der Vergütung ärztlicher und psychotherapeutischer Leistungen und birgt so die Chance für mehr Honorargerechtigkeit.
Das Thema Kostenerstattung wird nun schon seit über 30 Jahren in verschiedenen Ausprägungen in der Gesundheitspolitik diskutiert. Niemals aber hat man gewagt, entsprechende Modelle auch zu erproben. Wir im Vorstand der KVB sind der Ansicht, dass es nun an der Zeit ist, solche Modelle in geeigneten Regionen – gemeinsam mit innovativen Krankenkassen – vorrangig im Bereich der fachärztlichen Versorgung zu testen. Und wir erwarten uns von der Politik, dass diese Modelle, – wie im Koalitionsvertrag 2009 festgeschrieben, – Unterstützung finden.“

Bundestagsdrucksachen

  • 10. Februar 2009 - Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – Drucksache 16/11879:
10. Stärkung des Verantwortungsbewusstseins auf allen Ebenen. Die Versicherten sollen neben der unbedingt notwendigen Grundversorgung frei über den Leistungsumfang und die Tarifgestaltung bestimmen können. Das Sachleistungsprinzip, das dem Patienten nach Zahlung des Krankenversicherungsbeitrages freien Zugang zu allen Gesundheitsleistungen ermöglicht, ohne dass er überhaupt weiß, welche Kosten er hierdurch verursacht, muss durch das Kostenerstattungsprinzip ersetzt werden, verbunden mit intelligent ausgestalteten Selbstbeteiligungslösungen. (Der Bundestag wolle beschließen: Antrag einer Gruppe von FDP-MdB-s)der Antrag
  • Pläne sind „Angriff auf den Sozialstaat“ - Der Antrag der FDP erfuhr im Plenum breite Ablehnung. Besonders der Vorschlag zur Abschaffung der GKV stieß auf heftige Kritik. „Was Sie wollen“, sagte die Bundesgesundheitsministerin an die FDP gewandt, „ist Spitzenmedizin für Wohlabende und Armenversorgung fürs Volk.“ Gerade das Kostenerstattungssystem privater Krankenkassen könnten sich die meisten nicht leisten. Die Umlagefinanzierung der gesetzlichen Versicherung zugunsten einer Kapitaldeckung aufzugeben, bezeichnete Schmidt als unverantwortlich: Die Finanzkrise habe gezeigt, dass dem Kapitalmarkt nicht alles anzuvertrauen sei. „Kapitaldeckung können wir im Gesundheitswesen nicht gebrauchen!“



Politische Absichtserklärungen im Koalitionsvertrag 2009

Rahmenvereinbarungen - eine Auswahl von 2003
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Rahmenvereinbarungen - eine Auswahl von 2003
  • Die Ärztinnen und Ärzte brauchen einen gesicherten Rahmen für ihre Arbeit. Eine Grundvoraussetzung ist ein einfaches, verständliches Vergütungssystem, das die Leistungen adäquat abbildet. Dabei werden regionale Besonderheiten Berücksichtigung finden. Nach kritischer Überprüfung wird die Honorarreform unter dieser Zielsetzung zusammen mit den Beteiligten den erforderlichen Kurskorrekturen unterzogen.
Wir wollen die Transparenz für Ärztinnen und Ärzte sowie Versicherte erhöhen. Deshalb wollen wir die Möglichkeiten der Kostenerstattung ausweiten. Es dürfen dem Versicherten durch die Wahl der Kostenerstattung keine zusätzlichen Kosten entstehen.


Auslegungen dieser Absätze

  • Eine umfassende Finanzierungs-Reform im Gesundheitswesen ist nach Auffassung des FÄ-Präsidenten Martin Grauduszus unumgänglich. Hierbei müsste die vom Minister favorisierte und im Koalitionsvertrag ausdrücklich festgeschriebene Kostenerstattung mit sozialverträglicher Abfederung als wichtiges Element in das Abrechnungssystem fest eingebaut werden: „Ein direktes Vertragsverhältnis zwischen Patient und Arzt sorgt für Transparenz.“ (PM 3.2.2010)
Kostenerstattung, das liest sich auf Anhieb erstmal nicht schlecht, oder? An der Stelle werden die Protagonisten der Kostenerstattung jubeln - vermutlich etwas zu früh. Denn “die Möglichkeiten ausweiten” bedeutet, dass man vom Status quo (Wahlrecht des Patienten auf Kostenerstattung) ausgeht und da mehr Spielraum schaffen will. Mit dem Zusatz “keine zusätzlichen Kosten” für den Versicherten fällt alles wieder in sich zusammen. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Summe der per Kostenerstattung aufgelaufenen Kosten nicht über den Kosten im Sachleistungssystem liegen darf.


Aussagen von Sozialpolitikern

  • "Eine Volkspartei, die Kostenerstattung einführt, muss mit einem erheblichen Verlust an Wählerstimmen rechnen."
Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf, Minister Karl-Josef Laumann, 17.03.2010 Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW, CDU
  • «Die Kostenerstattung bringt nichts», sagte der CSU-Gesundheitspolitiker Max Straubinger der «Welt». «Für das Gesundheitssystem bringt das keine Ersparnis, und die Patienten zahlen im Extremfall immer nur drauf.» Viele Versicherte wären mit Kostenerstattung überfordert, sagte Straubinger. «Es besteht die Gefahr, dass die Ärzte die Notsituation von Patienten ausnutzen und diese zu viel zahlen.» (29.09.2010 FTD)

Deutscher Ärztetag 2010 - Dresden

Eine von vielen Abstimmungen über Anträge beim 113. Deutschen Ärztetag in Dresden 2010
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Eine von vielen Abstimmungen über Anträge beim 113. Deutschen Ärztetag in Dresden 2010
  • Grundsätzliches zum Thema: Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird das Thema Kostenerstattung periodisch aufgeworfen, insbesondere vom Hartmannbund, aber auch von vielen anderen Gruppierungen. Regelmäßig werden der konkreten Umsetzung erhebliche Widerstände entgegengebracht. Ich selbst (Ruebsam-Simon) habe vor einigen Jahren im Deutschen Ärztetag einen Antrag eingebracht, in dem es um eine alternative Finanzierung der GKV ging, der implizit die Kostenerstattung einschloss. Auch dieser Antrag verschwand via „Vorstandsüberweisung“ im Nirwana des Deutschen Ärztetags.
Fakt ist damit:
dass zumindest der Deutsche Ärztetag, das einzige alle Ärzte repräsentierende Gremium mit einer gewissen Bedeutung, zurzeit keine Kostenerstattung als grundlegenden Zahlungsmechanismus will.
dass die entscheidende Mehrheit, nämlich die Klinikärzte, vertreten durch den Marburger Bund, mehrheitlich dagegen sind. Hatte Montgomery noch gewisse Zuneigung zu diesem Thema, ist Rudolf Henke, sein Nachfolger – in der Tradition des christlich sozialen Arbeitnehmerflügels innerhalb der CDU stehend – ein definitiver Gegner der Kostenerstattung. Das Abstimmungsergebnis dieses Ärztetags hat also eine gewisse konsequente Abstammungslinie.


Gesundheitsminister

Philipp Rösler: Es ist ja bereits möglich, die Kostenerstattung zu wählen, und es gibt entsprechende Wahltarife zur Kostenerstattung für gesetzlich Krankenversicherte. Allerdings sind sie mit erheblichen bürokratischen Hemmnissen beschwert. Entsprechend gering ist die Nachfrage. Nur eine verschwindend geringe Zahl der Berechtigten hat einen solchen Tarif gewählt. In einem ersten Schritt sollte man also die vorhandenen Hürden beseitigen.
Mit diesem Ansatz verlassen Sie aber doch die Basis des GKV-Systems, in dem Menschen nach ihrem Einkommen Beiträge einzahlen, aber alle die gleichen Leistungsansprüche haben. Und wenn die, für die es sich lohnt, niedrigere Beiträge bezahlen oder Beiträge rückerstattet bekommen, bröckelt die Finanzbasis weiter.
Rösler: Sie haben recht, wenn man die Solidargemeinschaft nicht belasten will, dann geht so etwas nur mit einkommensunabhängigen Anteilen. Und da wird der Charme der von uns geplanten Systemumstellung deutlich. Wenn die Krankenkassen zunehmend einkommensunabhängige Beitragsbestandteile erheben und eben nicht mehr allein einen prozentualen Beitragssatz, so wie jetzt noch, dann können sie mit diesen Zusatzbeiträgen besser arbeiten.
  • Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) wehrt sich gegen Kritik der CSU an seinen Plänen zur Kostenerstattung in der gesetzlichen Krankenversicherung. „Kostenerstattung wird immer freiwillig bleiben, so wie es heute schon ist“, sagte ein Sprecher Röslers am 2.10.2010 in Berlin. Die Versicherten sollten lediglich „mehr echte Wahlmöglichkeiten bekommen“. Kostenerstattungsinstrumente schafften mehr Transparenz im Gesundheitswesen. „Und sie stärken die Position der Patienten gegenüber den Ärzten“, betonte der Sprecher.

Konzept Hartmannbund

  • Konzept einer sozial orientierten Kostenerstattung mit Anreizstrukturen für kosten- und gesundheitsbewusstes Verhalten


Sozialverband zum Thema

  • Anders als von der Bundesregierung angedeutet, dient der Ausbau der Kostenerstattung nicht der Wahlfreiheit der Versicherten. Die Kostenerstattung führt zu einer Verteuerung der Versorgung und wird von den Versicherten nicht gewünscht. Mit dem Ausbau der Kostenerstattung bedient die Bundesregierung Leistungserbringerinteressen. Der Patientenschutz wird geschwächt.
Eindeutig steht fest: Die vorgesehene Finanzierungsreform ist sozial unausgewogen und führt zu einer Verschlechterung der Versorgung. Das Kosten- und Konjunkturrisiko wird allein auf die Versicherten abgewälzt. Mit dem Ausbau von Kostenerstattung und Wahltarifen wird ein Systemwechsel weg von der GKV hin zur privaten Krankenversicherung konsequent betrieben. Dieser Marsch in die Privatisierung und somit in eine Zweiklassenmedizin muss sofort gestoppt werden.
Stellungnahme des Sozialverbands VdK Deutschland e. V. zum Entwurf eines Gesetzes zur nachhaltigen und sozial ausgewogenen Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung - Drs. 17/3040 - anlässlich der Anhörung im Ausschuss für Gesundheit am 25. Oktober 2010

Kostenerstattung im Ausland

  • Modell Frankreich
Kostenerstattungsprinzip, d.h. der Patient zahlt dem behandelnden Arzt die erbrachte Leistung und erhält im Gegenzug einen Behandlungsschein, den er bei der Kasse einreicht, die ihm dann die Kosten gemäß der staatlich festgesetzten Beiträge erstattet. Nach Maßgabe von nationalen und lokalen Vereinbarungen kann, besonders im Falle eines Krankenhausaufenthaltes, vom Vorleistungsprinzip Abstand genommen werden. Auch wird auch bei der Höhe der Erstattung sowie der Vorkasse die persönliche Situation, in der sich der Versicherte befindet, berücksichtigt, so dass eine volle Erstattung möglich ist.
Der nicht erstattete Teil, das sogenannte ticket modérateur, dessen Höhe vom Staat festgelegt wird, geht zu Lasten des Versicherten oder seiner Zusatzversicherung. Zur Sicherung des Erstattungsniveaus und einer qualitativ guten Versorgung schließt die Krankenversicherung mit den Leistungsanbietern Vereinbarungen, die die Vergütungen festlegen, die als Basis der Erstattungsleistungen dienen.
In Frankreich unterscheidet man zwischen zwei Kategorien von Ärzten, den tariflich gebundenen Ärzten (médecins conventionnés) und denen, die ihr Honorar frei vereinbaren können (médecins non conventionnés). Die Krankenkasse ersetzt die Honorare der letztgenannten Ärzte, die für ihre eigene soziale Absicherung selbst aufkommen müssen, nur zu einem sehr geringen Teil.
In den letzten Jahren ist zudem die Rolle des Hausarztes gestärkt worden. Wählt der Patient seinen Hausarzt als „Pilot“ durch das Gesundheitssystem (médecin référant) , der im Krankheitsfalle immer die erste Anlaufstelle ist und den Patienten weiter überweist, braucht er nicht mehr in Vorleistung zu treten, sondern bezahlt allein den von der Kasse nicht übernommenen Anteil.
Krankenversicherung auf Website "Französische Botschaft"
  • Allerdings sind wir jeweils auch darauf angewiesen, dass die Patienten selbst ihre nicht zu unterschätzende Rolle als erste Rechnungsprüfer wahrnehmen. Denn nur sie wissen, ob alle fakturierten Leistungen auch effektiv erbracht worden sind. (Im Geschäftsbericht der Aquilana-Krankenversicherung in der Schweiz für 2010)

Vorkasse - Kampagne

  • BGM Philipp Rösler will GKV-versicherten mehr Anreize bieten, beim Arzt in Vorkasse zu treten. "Wir wollen ein intelligentes Modell der Kostenerstattung", erklärte der FDP-Politiker vor Journalisten in Berlin. (und flugs schreiben sie "VORKASSE" ... was ist das nur ??)
  • Sie haben eine neue Allianz gegen die Pläne des Gesundheitsministers zur Kostenerstattung gebildet: Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), der Sozialverband VdK Deutschland (VdK) und der AOK-Bundesverband verschicken derzeit gemeinsame Presseinformationen an die Redaktionen des Landes und warnen vor der „Mogelpackung Vorkasse“ und der „Kostenfalle“ für alle Versicherten.
„Ärzte behandeln Privatpatienten nicht nur unter gesundheitlichen, sondern auch unter Ertragsgesichtspunkten, zulasten der Versicherten. Diese Entwicklung droht mit der Kostenerstattung auch den gesetzlich Versicherten“, heißt es in dem aktuellen Schreiben.
  • Ein DAK-Sprecher rief die Ärzte auf, "den innerärztlichen Verteilungskonflikt nicht auf dem Rücken der Patienten auszutragen". Susanne Uhrig von der Barmer Ersatzkasse bezeichnete es als "nicht tragbar", dass eine Anhebung der Honorare in einer Minderung der Versorgung ende. KKH-Vorstandschef Ingo Kailuweit warnte die Versicherten ausdrücklich davor, den Forderungen nach Vorkasse nachzugeben. "Wer dennoch bar zahlt, muss damit rechnen, dass die Kosten nicht erstattet werden."
  • Was besagte "Vorkasse" betrifft: Nein, der Patient tritt nicht in "Vorleistung", wenn er seinen Arzt bezahlt, sondern er bezahlt schlicht und ergreifend nur die Leistung, die er soeben in Anspruch genommen hat. So wie beim Friseur, oder an der Tankstelle, oder in der Autowerkstatt. Wenn er aufgrund seiner Mitgliedschaft in einer Kasse oder Versicherung Anspruch auf Erstattung des an den Arzt gezahlten Betrages hat, so macht er diesen Anspruch geltend und bekommt sein Geld, ganz oder teilweise, zurück.
Das ist alles ganz einfach zu verstehen, wenn man es denn verstehen will, und es ist auch weder neu noch exotisch sondern wird (z.B.) in unserem Nachbarland Frankreich täglich tausendfach und problemlos praktiziert. Der Begriff "Vorkasse" dient an dieser Stelle eben nicht der Beschreibung eines Tatbestandes sondern (sachlich falsch) allein der Diffamierung eines unerwünschten Vorganges, in diesem Fall der Direktabrechnung ärztlicher Dienstleistungen.
Dass der Begriff auch Eingang in den Sprachschatz zahlreicher ärztlicher Gruppierungen und Verbände gefunden hat macht ihn deshalb nicht "richtiger" sondern ist schlicht Ausdruck der Tatsache, dass die Transparenz- oder Direktabrechnung auch in der Ärzteschaft zahlreiche erbitterte Gegner hat, die nichts unversucht lassen, um diese Zumutung möglichst lange von sich fernzuhalten. (Kollegenmeinung dazu im Diskussionsforum des aend)
  • 23.12.2008 - Bayerische Fachärzte wollen AOK-Versicherte nur noch gegen Vorkasse behandeln - „Die Politik spielt bei solchen Vorgaben mit der Gesundheit unserer Kinder – und das zu Stundenlöhnen, die unter denen eines Handwerkers liegen“, kritisiert der Präsident der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Wolfram Hartmann.
Unterzeichner:
Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ.e.V. – www.kinderaerzte-im-netz.de)
Berufsverband der Frauenärzte (BVF.e.V. – www.frauenaerzte-im-netz.de)
Berufsverband Deutscher Internisten (BDI.e.V. – www.internisten-im-netz.de)
Berufsverband niedergelassener fachärztlicher Internisten (BNFI – www.bnfi.de)
Berufsverband der Pneumologen (BdP – www.lungenaerzte-im-netz.de)
Berufsverband der Kardiologen (BNK – www.bnk.de)
Berufsverband der Deutschen Dermatologen – www.uptoderm.de)
Deutscher Berufsverband der HNO-Ärzte e.V. (www.hno-aerzte.de)
Die bayerischen Kinder- und Jugendärzte, Frauenärzte, Internisten und andere Facharztgruppen planen ab dem neuen Jahr, Versicherte der Krankenkasse AOK-Bayern nur noch gegen Kostenerstattung zu behandeln. Hintergrund ist der exklusive Hausarztvertrag, den die AOK Bayern mit dem Bayerischen Hausärzteverband (BÄHV) vorbereitet hat und der im neuen Jahr in Kraft treten soll. „Dieser Vertrag, der hinter unserem Rücken ausgehandelt wurde, bevorzugt einen Verband und eine Arztgruppe zu Lasten aller anderen Ärzte. Es ist geradezu unglaublich, wie eine Krankenkasse so eine Monopolstellung der bayerischen Hausärzte vorantreibt. Das ist ein Schlag ins Gesicht aller anderen Ärzte in Bayern und bedroht deren Existenz. Wir werden deshalb Versicherte der AOK nur noch in Notfällen oder gegen Vorkasse behandeln“, so Dr. Heinz Reiniger, Landesverbandsvorsitzender der Kinder- und Jugendärzte in Bayern.

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