Risikostrukturausgleich

Aus ArztWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Risikostrukturausgleich (RSA) der gesetzlichen Krankenversicherung ist ein 1994 eingeführter Finanzausgleich zwischen allen gesetzlichen Krankenkassen mit Ausnahme der landwirtschaftlichen Krankenkassen. Er wurde 2002 um das zusätzliche Ausgleichsinstrument Risikopool und 2003 um Disease-Management-Programme erweitert.

Inhaltsverzeichnis

Verfahren und Auswirkung

Der RSA soll Nachteile ausgleichen, die sich durch die unterschiedliche Versichertenstruktur bei den einzelnen Krankenkassen und Kassenarten ergeben. Dabei werden folgende Faktoren berücksichtigt: Einkommen (Grundeinkommen = durchschnittlich beitragspflichtigen Einnahmen je Mitglied), Alter und Geschlecht der Versicherten, Bezug einer Erwerbsminderungsrente (EU/BU-Rentner), seit 2003 auch Teilnehmer an Disease-Management-Programmen (DMP).

Durch einen Mix aus Vollerhebung und Stichprobenerhebung ermittelt das Bundesversicherungsamt (BVA) als Clearingstelle den Ausgleichsbedarfssatz (= Beitragssatz - Verwaltungskosten und andere nicht durch den RSA erfasste Ausgaben bzw. Einnahmen), den jede Krankenkasse aus den Beiträgen ihrer Mitglieder in den RSA einzubringen hat (2004: 12,75 %). Zusätzlich fließen in den RSA die nur arbeitgeberseitig aufzubringenden Beiträge aus Mini-Jobs (2003: 0,9 Mrd. €; 2004: 1,8 Mrd. €) ein. Gegengerechnet erhält jede Kasse für jeden ihrer Versicherten den altersdurchnittlichen Beitragsbedarf (auch „standardisierte Leistungsausgaben“ genannt) und den Bedarf aus dem Risikopool.

Im Jahr 2004 wurden durch den Risikostrukturausgleich ca. 16,1 Mrd. € zwischen den Krankenkassen umverteilt. Das Ausgleichsvolumen betrug im Jahr 2006 rund 16,4 Milliarden Euro. Hinzu kamen rund 0,8 Milliarden Euro im Risikopool.

Der RSA wurde 1992 in Lahnstein als Teil einer großen Gesundheitsreform zwischen der CDU und der SPD vereinbart und war eine flankierende Maßnahme für die ab 1996 geltende freie Kassenwahl und den dadurch verstärkten Wettbewerb zwischen den Krankenkassen um gute Risiken.

Die Risikounterschiede zwischen den Kassen sind so groß, dass manche Kassen mit gesunden Mitgliedern, die zugleich hohe Einkünfte haben, mit einem Beitragssatz von unter 5 % auskommen könnten, wenn es keinen Risikostrukturausgleich gäbe. Andere Kassen hätten bei geringen Einnahmen und hohen Ausgabenlasten für kranke Mitglieder ohne Risikostrukturausgleich Beiträgssätze von über 20 %.

  • Zur Wirkung des RSA läßt sich einem Gutachten für des Bundesministerium für Gesundheit vom Februar 2001 entnehmen:
Bei der Entscheidung für ein bestimmtes Modell des morbiditätsorientierten RSA in der GKV auf der Basis internationaler Erfahrungen und unter Berücksichtigung GKV-spezifischer Anpassungserfordernisse steht vor allem eine Abwägung zwischen den Zielen der Vermeidung von Risikoselektion auf der einen Seite und der gleichzeitigen Setzung von Wirtschaftlichkeitsanreizen auf der anderen Seite im Blickpunkt. ¾ der Unterschiede in den Gesundheitsausgaben zwischen Individuen werden als zufallsbedingt und damit als nicht vorhersehbar eingestuft. Hohe Erklärungskraft für die individuellen Ausgabenunterschiede sollten Modelle, die für den RSA in Frage kommen, besitzen.
  • Nach § 31 Abs.4 Risikostruktur-Ausgleichsverordnung (RSAV) hat das Bundesversicherungsamt die Morbiditätsgruppen, den Zuordnungsalgorithmus von Versicherten zu den Morbiditätsgruppen, das Regressionsverfahren zur Ermittlung der Gewichtungsverfahren und das Berechnungsverfahren zur Ermittlung der Risikozuschläge für das Ausgleichsjahr 2011 bis zum 30. September 2010 festzulegen.

Risikopool

  • Zusätzlich wurde ab dem 1. Januar 2002 ein Risikopool eingeführt, der den Krankenkassen für die Betreuung kostenintensiver Patienten einen finanziellen Ausgleich erstattet, also als eine Art Fonds zu verstehen ist. Dieser bezahlt 60 % der bei einem Patienten entstehenden Kosten für stationäre Versorgung, Arzneimittelversorgung, ambulante Dialyse (2002 noch ohne deren ärztlichen Kosten), Krankengeld und Sterbegeld, die über dem Schwellenwert von derzeit 20.450 Euro/Jahr liegen. Dieser Schwellenwert wird jährlich dynamisiert (Basiswert: Bezugsgröße).
Da der Risikopool Versicherte in Abhängigkeit von ihren Ausgaben aufgreift, besteht bei ihm keine Beschränkung auf die 80 im Risikostrukturausgleich berücksichtigten Krankheiten.
  • Gegenfinanzierung des Risikopools
Beim Risikopool besteht die Gefahr einer Finanzierungsillusion. Die Erstattungen für Hochkostenfälle und die damit verbundene Reduzierung der Unterdeckungen besitzen eine hohe Wahrnehmbarkeit. Gleichwohl bedeutet die Einführung eines Risikopools nicht, dass dadurch insgesamt mehr Mittel zur Verfügung stehen. Somit muss auch der Risikopool durch eine entsprechende Kürzung der Zuweisungen aus dem Risikostrukturausgleich gegenfinanziert werden. Bezogen auf das Gesamtzuweisungsvolumen sind diese Kürzungen eher klein und werden daher nicht so stark wahrgenommen. Im Durchschnitt über alle Krankenkassen müssen aber die Erstattungen aus dem Risikopool und die Kürzungen im Risikostrukturausgleich gleich hoch sein. Für eine Beurteilung der Verteilungswirkung sind daher Erstattungen und Kürzungen gleichzeitig zu betrachten.
(aus "Evaluationsbericht zum Jahresausgleich 2009 im Risikostrukturausgleich")
Die Morbiditätszuschläge mit den höchsten risikopoolbedingten Rückgängen sind: Hämophilie (-48%), Leberversagen/akute Lebererkrankung (-45%), Agranulozytose und andere Störungen des Immunsystems (-37%), Sepsis/Schock (-36%), nicht-virale Infektionen des Zentral-Nervensystems (-36%).
Die systematische Unterdeckung der Krankheiten mit hoher Mortalität, die aus der fehlenden Annualisierung der Ausgaben Verstorbener resultiert, kann durch den Risikopool nicht kompensiert werden. Anders sieht es hingegen bei den Deckungsquoten nach den zeitgleich zugeordneten Krankheiten aus (Spalten drei und vier). Hier wirkt der Risikopool als partieller Ist-Ausgabenausgleich natürlich stärker bei Krankheiten mit einem hohen Anteil akuten Krankheitsgeschehens (Infektionen, akuter Myokardinfarkt, Herz- und Atemstillstand, Transplantationen).
Die finanziellen Auswirkungen des Risikopools sind aufgrund der saldierten Wirkungen der Poolbeträge und der kompensierenden Reduzierung der Zuweisungen im morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich gering.

Disease-Management-Programme

Seit 2003 werden nach dem Gesetz zur Reform des Risikostrukturausgleichs in der gesetzlichen Krankenversicherung vom 10. Dezember 2001 im Risikostrukturausgleich für die Teilnehmer an Disease-Management-Programmen (DMP) gesondert die alterspezifischen Leistungsausgaben ermittelt und den Kassen die entsprechend höheren standardisierten Leistungsausgaben (als Beitragsbedarf) angerechnet.

Morbi-RSA

Ab dem Jahr 2007 (Der Beginn des Morbi-RSA wurde nach Angaben des AOK - BV auf den 01.01.2009 verschoben!)ist, so hat es der Gesetzgeber beschlossen, abweichend vom bisherigen Verfahren ein direkt morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich durchzuführen (vgl. § 268 SGB V). Dabei soll die Morbidität (Krankheitsanfälligkeit) bestimmter Bevölkerungsgruppen das maßgebliche Kriterium für die Höhe des Beitragsbedarfs, den eine Kasse für einen bestimmten Versicherten aus dem RSA angerechnet erhält, werden. Das Gutachten zu Modellen und Empfehlungen für einen deutschen Morbi-RSA „Klassifikationsmodelle für Versicherte im Risikostrukturausgleich“ liegt inzwischen vor ([1]).
Für diese Änderung werden folgende Gründe angeführt:

  • Die Zielgenauigkeit der finanziellen Zuweisungen an die einzelnen Krankenkassen aus dem RSA soll erhöht werden, ohne die Anreize für wirtschaftliches Verhalten bei den Kassen zu schmälern. Damit soll erreicht werden, dass die Kassen kein oder weniger Interesse an der so genannten „Risikoselektion“ haben, also dem gezielten Werben um gesunde Mitglieder oder dem Versuch, die Zahl der besonders kranken Mitglieder in der eigenen Kasse gering zu halten oder zu verringern.
  • Während zurzeit zwar die Versicherten zwischen mehreren Kassen wählen können, existiert eine vergleichbare Wettbewerbsdimension im Verhältnis zwischen Kassen und Ärzten oder Kassen und Krankenhäusern nicht. Die Kassen müssen mit allen Vertragsärzten und allen Plankrankenhäusern nach einheitlichen oder zumindest (im Fall der Ärzte) sehr ähnlichen Bedingungen Verträge schließen und die dort erbrachten Leistungen bezahlen. Man sagt auch: Für die Kassen gilt ein „Kontrahierungszwang“. Würde man jeder einzelnen Kasse -- und dies wird von Politikern aller Parteien immer wieder thematisiert -- erlauben, die Verträge mit den genannten Leistungserbringern einzeln abzuschließen (oder eben auch in Einzelfällen nicht abzuschließen), wäre damit zu rechnen, dass die Versorgung teurer und schwerkranker Patienten in diesen Verträgen erschwert, finanziell schlechter entlohnt oder ganz ausgeschlossen würde. Diese Form der "negativen Risikoselektion" wäre für Krankenkassen eine Möglichkeit, die eigenen „teuren“ Versicherten dazu zu animieren, in eine andere Kasse zu wechseln. Für die Kasse, die dann weniger „teure“ Versicherte hat, ist dies ökonomisch attraktiv, weil der Beitragssatz gesenkt werden kann. --- Anders aber unter Bedingungen eines RSA mit direkter Morbiditätsorientierung. Für jeden Versicherten mit einer schweren Krankheit gibt es dann aus dem RSA einen krankheitsspezifischen und standardisierten jährlichen Euro-Betrag als Beitragsbedarfszahlung an die Kasse. Die Kasse mit vielen schwerkranken Mitgliedern hätte die Möglichkeit, die ihr dann zufließenden erheblichen finanziellen Mittel in Verträge für eine qualitativ hochwertige, aber auch wirtschaftliche Versorgung dieser Versicherten mit den „teuren“ Krankheiten einzubringen. Der Morbi-RSA würde also unter Bedingungen einer Kontrahierungsfreiheit der Kassen gegenüber den Leistungserbringern dazu führen, dass es sich für die Kasse (a) „lohnt“, schwerkranke Versicherte zu haben, und (b) für die Kasse ein starker Anreiz besteht, wirtschaftliche Verträge zu schließen, aber dabei darauf zu achten, dass diese Versicherten so gut versorgt werden, dass sie bei der jeweiligen Kasse bleiben.
Funktionen des RSA schematisch
vergrößern
Funktionen des RSA schematisch
  • Im alten Risikostrukturausgleich lag die Spanne der möglichen Zuweisungen je Versicherten zwischen 650 Euro (22-jährige Männer ohne DMP, ohne EM-Rente und ohne Krankengeldanspruch) und 21.591 Euro (39-jährige Frauen mit EM-Rente und eingeschrieben in das DMP Brustkrebs). Im morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich hat sich diese Spanne erheblich ausgeweitet. Die geringste Zuweisung je Versicherten liegt im Jahresausgleich 2009 bei 564 Euro (18- bis 24-jährige Männer). Der höchste Morbiditätszuschlag (Hämophilie) liegt bei 60.011 Euro. Da auf einen Versicherten aber mehrere Zuschläge entfallen können, reicht die Spanne der Zuweisungen weiter. Für den Versicherten mit der höchsten Zuweisung in der Stichprobe erhielt die Krankenkasse 101.436 Euro an Zuweisungen.
(aus "Evaluationsbericht zum Jahresausgleich 2009 im Risikostrukturausgleich")
Schematische Darstellung Morbi-RSA
vergrößern
Schematische Darstellung Morbi-RSA
  • Der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich stellt zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für einen zielorientierten Wettbewerb der Krankenkassen dar. Die Intensivierung eines funktionsfähigen Wettbewerbs setzt eine hinreichende Anzahl von Wettbewerbsparametern für Krankenkassen und Leistungserbringer und damit einhergehend eine tendenzielle Verlagerung der Entscheidungsprozesse von der Makro- über die Meso- zur Mikroebene voraus.
Dies bedeutet, das gemeinsame und einheitliche Handeln bundesweit agierender Spitzenverbände bzw. Organisationen und auch korporative Vereinbarungen auf Landesebene weit möglichst durch dezentrale Vertragsverhandlungen zwischen Krankenkassen und Gruppen von Leistungserbringern zu ersetzen. Im Sinne einer Steigerung von Effizienz und Effektivität der Gesundheitsversorgung zielt der Wettbewerb der Krankenkassen um Versicherte im Rahmen der Zusatzbeiträge darauf ab, auf den Leistungsbereich überzugreifen, denn dort findet die gesundheitliche Leistungserbringung für den Versicherten statt.
Die freie Wahl zwischen Krankenkassen mit unterschiedlichen Zusatzbeiträgen stellt unter dem Aspekt der Versichertenautonomie zwar bereits einen gewissen Wert dar, eine Verbesserung von Effizienz und Effektivität der Gesundheitsversorgung vermag sie jedoch für sich betrachtet nicht zu realisieren. Hierzu bedarf es eines Wettbewerbs der Leistungserbringer um Verträge mit den Krankenkassen, der nach Auffassung einiger Akteure im Gesundheitswesen noch ausbaufähig ist.
(aus "Evaluationsbericht zum Jahresausgleich 2009 im Risikostrukturausgleich")
  • Voraussetzung für das Morbi-RSA-Verfahren etwa ist die Weiterentwicklung der sogenannten Datenselektionsprogramme. Mit ihnen lassen sich die erforderlichen Informationen zum Ausgleich der Risikostrukturen und zum Berechnen der Fondszuweisungen erheben. Hier kommt es besonders darauf an, sowohl neue übergeordnete Gesetzesvorgaben als auch lokale Versorgungsverträge und die damit verbundenen Datenmeldungen korrekt zu berücksichtigen, erklärt Timm Paulus, Leiter der Abteilung Gesundheitsfonds, Morbi-RSA beim AOK-Bundesverband. (Im Jahresbericht der AOK 2010/2011) - Insgesamt werden so routinemäßig jedes Jahr mehr als zwei Milliarden anonymisierte Daten im AOK-System erhoben.„Bevor das BVA die Daten verarbeitet, prüfen wir sie auf Herz und Nieren. So bekommt das BVA von uns nur plausible Angaben. Andernfalls bekäme die AOK keine oder geringere Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds“, so Paulus.

Kritik: Morbi-RSA und Gesundheitskarte

Kritik an der Gesundheitskarte
vergrößern
Kritik an der Gesundheitskarte

Die Einführung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs macht das Erheben und die Verfügbarkeit umfassender Gesundheitsdaten der Bevölkerung notwendig. Damit würde für jeden Bundesbürger eine Morbiditäts-Klassifizierung ermöglicht, auch als Morbi-Stempel bezeichnet. Es gibt Hinweise, daß diese bislang nicht verfügbaren individuellen Gesundheitsdaten aus den e-Rezeptdaten im für jeden Bundesbürger verpflichtenden administrativen Teil der geplanten elektronischen Gesundheitskarte generiert werden sollen. Insoweit würde der Morbi-RSA Stempel in Verbindung mit hochentwickelten Softwareprogrammen der e-Card Telematik der Gesundheitsverwaltung eine viel effizientere Steuerung des Mitteleinsatzes im Gesundheitswesen ermöglichen. Hieraus ergäbe sich eine Fülle möglicher Konsequenzen, die von den Kritikern als umfassende Bedrohung der Gesellschaftsordnung angesehen werden. Weitere Details zu diesen kritischen Überlegungen sowie die grundlegenden Gutachten und offiziellen Darstellungen der Gesundheitsverwaltung zum Thema Morbi-RSA sind im Web zu finden unter *http://www.egk-kritik.info/egk31.htm

Diskussion der Verteilungswirkung

Größte Empfänger des RSA sind die Allgemeinen Ortskrankenkassen. Diese erhielten 2005 ca. 12,7 Mrd. € Zahlungen aus dem Risikostrukturausgleich; die Knappschaft erhielt 1,6 Mrd. €. Die größten Einzahler waren die Betriebskassen mit ca. 8,9 Mrd. € und die Angestellten- und Arbeiterersatzkassen mit ca. 4,1 Mrd. €. Von den zahlenden Krankenkassen wird oft ein Überausgleich beklagt. Tatsächlich haben einzelne AOKn und die Knappschaft, die RSA-Geld erhalten, inzwischen einen niedrigeren Beitragssatz als zahlende Krankenkassen.

Dieser Kritik wird entgegengehalten, dass es nicht Aufgabe des RSA sei, identische Beitragssätze für alle Kassen zu garantieren. Wenn der RSA in einem Wettbewerbsrahmen der gesetzlichen Kassen die Aufgabe hat, gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle zu schaffen, dann sollen verbleibende Beitragssatzunterschiede nach Durchführung des RSA ein Bild von der Leistungsfähigkeit der Kasse unter Berücksichtigung der Unterschiede in der Versichertenstruktur geben.

Für eine weitere Nebenbedingung „Kassen mit einer 'schlechten' Versichertenstruktur sollen zwar einen Ausgleich bekommen, aber höchstens so viel, dass ihr Beitragssatz immer noch höher ist als der der Zahlerkassen“ sei in diesem Wettbewerbskonzept kein Platz, heißt es.

Berechnungsablauf (normaler RSA)

  1. homogene Versichertengruppen bilden
    Gruppen nach Alter, Geschlecht, Arbeitsfähigkeit bilden
  2. standardisierte Leistungsausgaben bilden
    Über alle Kassen werden für jede Gruppe die standardisierten Leistungsausgaben gebildet:
    Summe der tatsächlich angefallenen Kosten in einer Gruppe geteilt durch Anzahl der Versichertentage der Gruppenmitglieder
  3. Beitragsbedarf je Kasse berechnen:
    Der (theoretische) Beitragsbedarf einer Kasse ist die Summe der standardisierten Leistungsausgaben (gruppenweise multipliziert mit den Versichertentagen)
  4. Ausgleichsbedarfssatz berechnen:
    Der Ausgleichsbedarfssatz wird wie folgt berechnet:
    Summe der Betragsbedürfnisse aller Kassen geteilt durch die Summe aller beitragspflichtiger Einkommen aller Mitglieder aller Kassen
  5. Finanzkraft je Kasse berechnen:
    Die Finanzkraft einer Kasse ist die Summe der beitragspflichtigen Einkommen ihrer Mitglieder multipliziert mit dem Ausgleichsbedarfssatz
  6. ein Ausgleichsanspruch einer Kasse ergibt sich, wenn der Beitragsbedarf größer ist als die Finanzkraft dieser Kasse
  • Anbei eine Excel-Datei mit einem kleinen Rechenbeispiel für drei Krankenkassen. Sie können hier für die Krankenkassen für drei Versichertengruppen die Versichertenzahlen und die Pro-Kopf-Leistungsausgaben eintragen, außerdem die Verwaltungskosten der Kassen und die Summe ihrer beitragspflichtigen Einnahmen. Das Programm errechnet Ihnen den RSA-Transfer und die Beitragssätze vor und nach RSA für jede Kasse.


  • Annualisierung
Das Problem der Annualisierung bei gestorbenen Versicherten: Bei ihnen werden die Ausgaben nicht auf das Jahr hochgerechnet, sondern direkt durch die Zahl der Tage im Jahr geteilt. Und weil der Durchschnitt der Gestorbenen auf wundersame Weise auch ziemlich in der Jahresmitte stirbt, geht bei der Berechnung der Gesamtausgaben auch die Hälfte der tatsächlichen Ausgaben verloren - sie wird bei der Zuschlagserrechnung für Versicherte mit ähnlichen Risikomerkmalen schlicht unterschlagen.

Zitate

  • Dr. Karl Lauterbach (SPD): Der Risikostrukturausgleich ist das zentrale Instrument zur Sicherstellung eines auf Qualität und Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung. Er soll verhindern, dass die Krankenkassen allein um bessere Versicherungsrisiken konkurrieren, also um Junge, Gesunde und höher Verdienende. Wenn diese sich nur auf bestimmte Kassen konzentrieren, die Kranken, Älteren und weniger Verdienenden auf andere, würden die Beitragssätze der Kassen weit auseinander klaffen. Dies würde die Versicherten dieser Kassen finanziell erheblich belasten und dadurch könnte das wichtigste Ziel unserer solidarischen Krankenversicherung nicht mehr erreicht werden, nämlich dass die medizinisch notwendige Versorgung nicht von den finanziellen Möglichkeiten des Einzelnen abhängen darf, sondern einzig und allein vom medizinischen Bedarf.
Nur die Erfüllung dieser Zielvorgabe gewährleistet, dass die nach wie vor einkommens- und bildungsabhängig ungleich verteilten Gesundheitsrisiken und damit auch die soziale Ungleichheit von Krankheitsrisiken für den Einzelnen nicht zur Bedrohung seiner materiellen Existenz werden. Das Gesundheitssystem muss so ausgerichtet sein, dass diejenigen die am schlimmsten benachteiligt sind, relativ am meisten davon profitieren. Würde man jedoch vom Risikostrukturausgleich Abschied nehmen, wäre dies ein gravierender Rückschritt, da damit die Zwei-Klassen-Medizin innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung etabliert würde, die zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung leider immer noch besteht. Der Risikostrukturausgleich funktioniert – aber nicht so gut, wie man es bei der Einführung 1994 erwartet hatte. Die Ermittlung des Beitragsbedarfes der Kassen nach den Merkmalen Alter, Geschlecht, Erwerbsminderung und Krankengeldanspruch sowie unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Anzahl beitragsfrei Familienmitversicherter ist immer noch so ungenau, dass für die Krankenkassen Anreize zur Risikoselektion, also der Jagd nach gesunden Mitgliedern, bestehen. Daher wurde 2002 mit dem Gesetz zur Reform des RSA beschlossen, den Beitragsbedarf wesentlich zielgenauer zur ermitteln.
Ab 2007 sollte der morbiditätsorientierte RSA, kurz: Morbi-RSA, eingeführt werden. Zur Umsetzung wurde dem Bundesministerium für Gesundheit 2004 ein Gutachten vorgelegt, das die prospektive Orientierung an Krankenhausdiagnosen und Arzneimittelverschreibungen vorschlägt. Der Koalitionsvertrag von SPD und CDU/CSU sieht vor, das Gesundheitssystem so zu modernisieren, dass eine dauerhafte Grundlage für ein leistungsfähiges, solidarisches und demografiefestes Gesundheitswesen gelegt werden kann. Ein morbiditätsorientierter RSA muss im Rahmen dieser Reform mit beschlossen werden. Für den Antrag der Fraktion Die Linke gibt es derzeit keinerlei Bedarf, da die Details der Gesundheitsreform, einschließlich derer des Morbi-RSA, bereits verhandelt werden. (16. Wahlperiode – 37. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 1. Juni 2006)
Begrenzung 80 Morbussi
vergrößern
Begrenzung 80 Morbussi
  • Rund 2,4 Mrd. Datensätze mussten dafür eingelesen werden, berichtet Brömmelhaus. Allein dieser Datenimport hat mehrere Tage gedauert. 80 chronische Krankheiten hat das Amt ausgewählt, für die die Kassen Zuschläge erhalten sollen. "Morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich" nennt sich das in der Sprache der Experten. Für jeden Versicherten erhält die Kasse einen anderen Betrag, je nach Alter, Geschlecht, Krankheit. 70 Millionen Deutsche und ihre Krankheiten stecken in diesem Computer, Daten über ihre Arztbesuche, die Arzneimittel, die sie nehmen. "Das bildet im Endeffekt ganz Deutschland ab", sagt Brömmelhaus ein bisschen stolz. Noch rechnet der Computer. Am 22. September 2008 soll er fertig sein.
  • Risikostrukturausgleich verschob 2008 über 18 Milliarden Euro - Das Bundesversicherungsamt hat heute die Höhe der Ausgleichszahlungen für das Jahr 2008 festgestellt und den Kassen bekannt gegeben. Demnach sind über den RSA insgesamt rund 18,65 Milliarden Euro zwischen den Kassen umverteilt worden. Der Jahresausgleich 2008 ist der letzte Ausgleich nach dem sogenannten Altverfahren. Seit 2009 gibt es den Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) waren auch im vergangenen Jahr die größten Empfänger: Rund 14,3 Milliarden Euro erhielten sie aus dem RSA, 781 Millionen aus dem Risikopool. Die Betriebskrankenkassen hatten hingegen das dickste Minus zu verbuchen: Sie zahlten 2008 rund 7,76 Milliarden Euro in den RSA ein.
  • Jürgen Wasem: Das hängt ganz entscheidend von den Rahmenbedingungen ab. Die Schweizer haben einen sehr schlechten Risikostrukturausgleich - so heißt der Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen -, in dem die Krankheitslast der Mitglieder gar nicht berücksichtigt wird. Wir haben seit Anfang dieses Jahres einen Risikostrukturausgleich, wo immerhin für 80 große Volkskrankheiten, wichtige Krankheiten, die Kassen mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds kriegen, wenn sie Kranke versichern, als wenn sie Gesunde versichern. Das ändert radikal die Anreize für die Kassen. In der Schweiz ist es blöd, sich um Kranke zu kümmern, da macht man nur Verluste. Bei uns wäre das … im Moment ist das anders.
Jürgen Wasem im Gespräch mit Marietta Schwarz - 13.11.2009
  • Evaluationsbericht zum Jahresausgleich 2009 im Risikostrukturausgleich
Prof. Dr. Saskia Drösler - Prof. Dr. Joerg Hasford - Dr. Bärbel-Maria Kurth - Prof. Dr. Marion Schaefer - Prof. Dr. Jürgen Wasem - Prof. Dr. Eberhard Wille: Nach der Plausibilisierung enthielten die ambulanten Daten 1,77 Milliarden Diagnosen im Jahr 2008 (Korrekturmeldung). Dies entspricht 24,3 Diagnosen je Versicherten. Der Anteil der gesicherten Diagnosen an allen Diagnosen betrug 87,9%. Rund 51,3 Millionen Versicherte nahmen im Jahr 2008 ambulante ärztliche Leistungen in Anspruch. Somit besaßen 70,1% der Versicherten mindestens eine ambulante Diagnose.
  • Entsprechend den jahrelangen Forderungen von Verbänden und Fachgesellschaften hat das Bundesversicherungsamt die chronische Schmerzkrankheit in den künftigen Katalog der zuschlagsrelevanten 80 Diagnosegruppen des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA) aufgenommen. Deutschland sei bislang von einer flächendeckenden Versorgung „weit entfernt“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung schmerztherapeutischer Verbände. (März 2012)

Politische Absichtserklärungen im Koalitionsvertrag

  • Der Morbi-RSA wird auf das notwendige Maß reduziert, vereinfacht sowie unbürokratisch und unanfällig für Manipulationen gestaltet. Die derzeitige Situation ist gekennzeichnet durch ein prognostiziertes Defizit, das sich sowohl aus krisenbedingten Beitragsausfällen als auch gesundheitssystemimmanenten Ausgabensteigerungen (Demographie, Innovationskosten, Fehlwirkungen) zusammensetzt. (Herbst 2009, schwarz-gelbe Koalition)
  • Alte mit Mehrfacherkrankungen sind ein Verlustgeschäft - Daniel Bahrs Beamte wollen das gesamte System zur Haftung verpflichten. Zudem denken sie über Sanktionen für Versicherungen nach, die sich weigern, neue Mitglieder aufzunehmen. "Es ist unsäglich, was mit den alten Menschen passiert ist", sagt der Minister. Ob die Einigung der Krankenkassenverbände, die City-BKK-Mitglieder aufzunehmen, aber mehr ist als Imagepflege, bleibt fraglich. Denn so zynisch es klingt: Alte Menschen mit bestimmten Mehrfacherkrankungen bleiben für die Versicherungen ein Verlustgeschäft. Daran hat auch der Gesundheitsfonds nichts geändert, den die Regierung 2009 eingeführt hat. Dorthin überweisen die Arbeitgeber ihre Beitragseinnahmen.

Weblinks

Vorlage:Wiktionary


Der Text auf dieser Seite basiert (zum großen Teil) auf dem Artikel Risikostrukturausgleich aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Die Inhalte stehen unter der GNU Lizenz für freie Dokumentation. Eine Liste der Autoren ist beim Originalartikel abrufbar.

Persönliche Werkzeuge