Unterversorgung

Aus ArztWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Unterversorgung ist die "teilweise oder gänzliche Verweigerung von Versorgungsleistungen" trotz anerkannten Bedarfs, deren Nutzen hinreichend gesichert ist und deren Einsatz wirtschaftlich vertretbar ist.

Im Standardsprachgebrauch der Sozialpolitik soll damit ein Aspekt der gesetzlichen Krankenversicherung beschrieben werden, der sich in Expertisen "regierungsamtlich" so darstellt:

Versicherte zahlen Beiträge in das Solidarsystem ein und haben daher einen Anspruch auf die bestmögliche Versorgung, wenn sie vom Beitragszahler zum Patienten werden. Leider wird unser Gesundheitssystem diesem Anspruch oft nicht gerecht, es weist in vielen Bereichen Versorgungsmängel auf. Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen hat dies in seinem Gutachten 2000/2001 zur Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit ausführlich dargelegt:

Viele Patienten erhalten ein Übermaß an medizinischer Versorgung, anderen bleibt die medizinisch notwendige Versorgung vorenthalten, und wieder andere werden falsch behandelt. So schätzen Experten beispielsweise, dass rund 30 Prozent aller Röntgenuntersuchungen überflüssig sind. Oder dass nicht einmal die Hälfte aller Herzinfarktpatienten nach dem aktuellen Stand des medizinischen Wissens behandelt werden. Diese Probleme werden mit den gesundheitswissenschaftlichen Fachbegriffen Über-, Unter- und Fehlversorgung beschrieben.
  • Mängel bei der Behandlung von Patienten - Der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen hat in seinem am Donnerstag vorgelegten Gutachten eine paradoxe Situation ausgemacht. Im deutschen Gesundheitswesen besteht gleichzeitig eine Unter- und auch eine Überversorgung von ... (Meldung in Berliner Zeitung 31.8.2001)


Inhaltsverzeichnis

Agenda 2010 - Regierungserklärung 14.3.2003

  • Aber Krisenzeichen auch in diesem System sind unübersehbar. Einnahmen und Ausgaben der Krankenkassen entwickeln sich weiter auseinander. Vor allem gilt: Die Strategie der Kostendämpfung ist eindeutig an ihre Grenzen gestoßen. Dabei werden 20 Prozent der Kosten durch Über- und Fehlversorgung verursacht. Jeder kennt das und jeder hat Beispiele vor Augen. Wir werden deshalb Änderungen im Interesse der Patienten durchsetzen, auch und gerade weil das deutsche Gesundheitssystem verkrustet und in einer Weise vermachtet ist wie kaum ein anderes gesellschaftliches System. Ich hoffe sehr, dass wir in diesem Hohen Haus Einigkeit erzielen können: Das Gefühl einer gemeinsamen Verantwortung im Gesundheitssystem ist nahezu verschwunden. Viele agieren nach dem Grundsatz des raschen, auch des bedenkenlosen Zugriffs. Eine Mentalität der Selbstbedienung hat das Gefühl der Solidarität verdrängt. Deshalb sage ich: Hier ist auch in den Haltungen aller Akteure ein Umdenken notwendig.
Regierungserklärung von Bundeskanzler Schröder am 14. März 2003 vor dem Deutschen Bundestag

Zitate

"Schwalbe" - Das Fahrzeug der Schwester Agnes
vergrößern
"Schwalbe" - Das Fahrzeug der Schwester Agnes
"Schwalbe" - Das Fahrzeug der Schwester Agnes
vergrößern
"Schwalbe" - Das Fahrzeug der Schwester Agnes
  • Arzneimittelhersteller: Unterversorgung verursacht Milliardenschäden - Laut Studie betragen die Gesamtkosten der Unterversorgung zum Beispiel für die Depression 17,9 Milliarden Euro pro Jahr. Durch eine fehlende antidepressive Therapie entstünden geschätzte direkte Kosten von 6,2 Milliarden Euro pro Jahr. Die indirekten Kosten wie krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeitstage oder Erwerbsunfähigkeit liegen laut Studie bei 11,7 Milliarden Euro.
  • Sie besaß Kultstatus in der DDR, die Frau mit der Rot-Kreuz-Haube und den flotten Sprüchen, die mit ihrem Moped über die Dörfer tuckerte. Sie war der Gutmensch, der sich rührend um Kranke kümmerte, Seelenschmerzen linderte und überall Familienanschluss hatte: TV-Schwester Agnes. Ihre Beliebtheit gewann sie aus den Vorbildern im Alltag, den Gemeindeschwestern. Mit der Wende schienen die überflüssig zu sein und verschwanden. Nun sind die mobilen Schwestern wieder da, auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Der Ärztemangel auf dem Lande erfordert es.
  • „Noch nie hatten wir in Bayern eine solche Überversorgung“ - AOK-Studie warnt vor Ärzte-Schwemme - In Starnberg praktizieren nach Angaben der AOK viermal so viele Internisten, wie eigentlich notwendig wären. „Noch nie gab es in Bayern so viele Ärzte“, postuliert Franz Bachl, der Bereichsleiter Ärzte, Arzneimittel und Apotheken der AOK Bayern, der die Wido-Zahlen genau ausgewertet hat. Er bezichtigt die Ärzte-Vertreter, sie würden aus berufsständischem Egoismus „das Gespenst des Ärztemangels“ an die Wand malen. Ziel der Ärztelobby sei es einzig und allein, die Zunahme an Ärzten in Bayern zu rechtfertigen. (Süddeutsche Zeitung Mai 2003)
  • Krankenkassen müssen Behinderten computergesteuerte Prothesen nach dem neuesten Stand der Technik bezahlen. Das entschied das Bundessozialgericht (BSG) in Kassel in einem am Freitag veröffentlichten Urteil. Der gegenüber herkömmlichen Systemen deutlich höhere Preis stehe dem nicht entgegen, betonten die Richter. Entscheidend sei, dass die moderne Prothese nicht nur größere Ästhetik und Komfort, sondern vor allem Funktionsverbesserungen bedeute. Im konkreten Fall hatte eine 39 Jahre alte Frau aus Bayern geklagt, der nach einem Motorradunfall ein Bein amputiert worden war. Ihr Arzt verschrieb ihr eine High-Tech-Prothese mit elektronisch gesteuerter Hydraulik. Die Krankenkasse wollte dieses 20.000 Euro teure C-Leg aber nicht finanzieren, da es sich um eine "Überversorgung" handele. Die Richter befanden jedoch, dass die Sturzgefahr mit dem C-Leg deutlich reduziert werde. Selbst bei äußerst vorsichtigem Gehen sei diese Sicherheit mit traditionellen Prothesen nicht zu erreichen. (im Juni 2002 Meldung in facharzt.de)
  • Am bekanntesten ist sicher ein Konzept aus der Universität Greifswald für die Telegesundheitsschwester, auch „Community Medicine Nurse“ oder kurz CM-Nurse genannt. Besser bekannt ist die Idee zumindest im Osten unter dem Namen "Gemeindeschwester Agnes": Agnes war die Hauptperson einer DDR-Fernsehserie über eine Gemeindeschwester, die nicht nur den Blutdruck ihrer Patienten, sondern auch deren menschliche Probleme in den Griff bekam. Die moderne Modellversuchs-AGnES steht für Arztentlastende, Gemeinde-nahe, E-health-gestützte, systemische Intervention. Die ersten Gemeindeschwestern wurden auf der Insel Rügen eingesetzt. Inzwischen laufen Modellversuche nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch in Brandenburg und Sachsen, demnächst auch in Sachsen-Anhalt.
  • Brandenburg setzt in diesem Jahr 2011 auf Gemeindeschwestern, die Ärzten auf dem Land unter die Arme greifen sollen: Das neue Projekt „Agnes 2“ habe am 1. Januar begonnen, teilte Gesundheitsministerin Anita Tack (Linke) im „Neuen Deutschland" mit. Das laut Tack bundesweit einmalige Projekt starte in Lübbenau, Kyritz, Bad Belzig, Cottbus und Fürstenwalde. Die neuen Versorgungsassistentinnen sollen die Ärzte auf dem Land entlasten, beispielsweise Blutdruck oder Blutzucker messen. „Schwester Agnes“ war ein beliebter Fernsehfilm in der DDR, in dessen Mittelpunkt damals eine engagierte Gemeindeschwester stand.

TV-Talkshow

Links

Persönliche Werkzeuge